Literatur : Der Zauberlehrling fetzt

„Junge Dichter und Denker“ bringen den Lyrikklassikern die Töne bei

Susanna Nieder

Wie macht man Kindern klar, dass Gedichte von Goethe und Heine wunderbare Texte sind, aus denen sie was fürs Leben mitnehmen können? Wo Auswendiglernen doch stinklangweilig ist und kein Mensch weiß, wie man das Zeug richtig betont?

Die Gruppe „Junge Dichter und Denker“ (JDD) hat zwei zentrale Antworten: Erstens macht Auswendiglernen Spaß, wenn Musik dabei ist. Und zweitens ist „richtige Betonung“ ein relativer Begriff.

Zum Beispiel klingt „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,/ Ein Birnbaum in seinem Garten stand“ als Ausruf in leichtem Stakkato und mit der Betonung auf den ersten Silben von „Havelland“ und „Garten“, ganz von selbst wie ein Rap.

Bei Goethes „Heideröslein“ muss sich zumindest das elterliche Ohr etwas mehr anstrengen, um den Text mit dem ungewohnten Rhythmus in Einklang zu bringen, dafür fetzt „Der Zauberlehrling“ als Crescendo mit brausender Tonspur: „Walle! Walle/Manche Strecke/ Dass, zum Zwecke,/ Wasser fließe/ Und mit reichem, vollem Schwalle/ Zu dem Bade sich ergieße.“

Gedichte sind in verschiedenen Epochen auf unterschiedliche Weise vertont worden – warum also nicht als Rap? Auch der ist schließlich eine Form der Poesie; die Kombination ist alles andere als abwegig. „Belsazar“ von Heinrich Heine, „Der Handschuh“ von Schiller, selbst die „Lorelei“ lassen sich überzeugend umfunktionieren, wie die CD „Junge Dichter und Denker – Rap trifft Goethe & Co.“ beweist. Den meisten Kindern liegt diese Musik sicherlich näher als etwa die Vertonungen von Franz Schubert. Außerdem ist sie ideal zum Mitmachen geeignet. Jedes der sechs Gedichte gibt es neben der gerappten Fassung konsequenterweise auch als Karaoke-Tonspur, damit die Zuhörer selbst aktiv werden können.

Scheinbar sind nicht Pädagogen auf die Idee gekommen, Kindern das Auswendiglernen mit Rap zu erleichtern. Als Initiatorin gilt ein Mädchen namens Nicole, dessen Papa praktischerweise mit Thomas D. von den „Fantastischen Vier“ befreundet ist. Der tritt als Mentor der sechs Kinder auf, die auf der CD rappen. Im Begleitbuch sind sie ganz wie in einem Fanmagazin in diversen coolen Posen abgebildet. Dazu wechseln Hintergrundinformationen über Hip-Hop, Rap, Graffiti mit Gedichttexten und Dichterbiografien, alles schön bunt bebildert und so geschrieben, dass sich die Leserschaft angesprochen fühlt.

Ganz hinten im Buch gibt es ein Quiz, in dem neben Fragen über Breakdance und Rapper-Respekt auch das Balladenjahr, Goethes Geburtsort und Ähnliches abgefragt werden. Was man alles an Lerninhalten unterbringen kann, wenn nur die Verpackung nicht danach aussieht! Susanna Nieder





Martin Beyer:
JDD – Junge Dichter und Denker. Rap trifft

Goethe & Co. edel Kids, Hamburg 2008, 63 Seiten mit Bebilderung und CD. 19,95 Euro. Ab neun Jahren

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