Ende des Ostblocks : Vorhang auf

"Ich sehe kein Problem": Zwei Bücher über die Öffnung des Eisernen Vorhangs durch die Ungarn 1989.

Gerd Appenzeller
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Tor nach Westen. Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze 1989. -Foto: p-a/dpa

Gibt es ein bestimmtes Ereignis, von dem an der Ostblock zerbrach? Wenn ja, war es die Wahl Michail Gorbatschows zum Generalsekretär der KPdSU im März 1985? Oder begann die Erosion bereits 1980, mit der Gründung der unabhängigen polnischen Gewerkschaft Solidarnosc? Setzte gar die Zeitenwende noch zwei Jahre früher ein, mit der Wahl Karol Wojtylas zum Papst? Ist vielleicht sogar die ganze Geschichte der kommunistischen Herrschaft über Mittelosteuropa nichts anderes als eine Aneinanderkettung von Signalen, deren jedes einzelne stark genug war, die Endlichkeit des sowjetisch beherrschten Imperiums anzuzeigen – 1953 Ost-Berlin, 1956 Budapest, 1968 Prag?

Jedem einzelnen dieser Ereignisse mag man die Kraft zubilligen, die Risse in dem vermeintlichen Monolithen so vergrößert zu haben, dass sein Auseinanderfallen nicht mehr eine Frage des Ob, sondern nur noch des Wann sein musste. Aber mit einem Geschehnis wurde für alle Welt deutlich, dass der Sturm der Freiheit die letzten Diktaturen Europas hinwegzufegen begann, und das war die Öffnung der Grenze zwischen Ungarn und Österreich. Mit ihr wurde am 10. September 1989 den Völkern der kommunistischen Welt die Reisefreiheit gegeben, von diesem Tag an hatte die Mauer quer durch Deutschland ihre Undurchlässigkeit verloren. Sie war überflüssig geworden, denn wer die DDR verlassen wollte, konnte über Ungarn und Österreich ungefährdet ausreisen. Eigentlich war damit der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 für die SED nur noch der resignative Abschluss einer seit Wochen anhaltenden, immer stürmischer werdenden Entwicklung.

Zwei aus Ungarn stammende Autoren, Andreas Oplatka und György Dalos, haben die Entwicklung in ihrer Heimat in den Wochen bis hin zum 10. September aufgearbeitet. Der eine, Oplatka, lebt als Journalist (er wurde 1942 geboren) seit 1956 in der Schweiz und sammelte seine internationalen Erfahrungen als Auslandsredakteur und Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung“. Der ein Jahr jüngere Dalos, ein seit 1987 in Wien lebender, bekannter Schriftsteller, gehörte zu den Mitbegründern der demokratischen Oppositionsbewegung in Ungarn.

Oplatka sprach mit den politischen Hauptdarstellern der Vorwendezeit, er hörte Gorbatschow genauso wie Hans- Dietrich Genscher und Günter Schabowski. Er konzentriert sich in seiner nüchternen, unaufgeregten Schilderung auf die Vorgänge in Ungarn selbst und beschreibt, wie die mit dem 10. September 1989 einer Klimax zustrebende Entwicklung innenpolitisch langsam eskalierte. Er dementiert dabei einen direkten Einfluss der Sowjetunion auf das Geschehen, zeigt aber, dass Moskau stets recht gut über die Gedankengänge im inneren Kreis der ungarischen Regierung informiert war.

Sowohl Oplatka als auch Dalos kommen aufgrund ihrer Recherchen zu dem Schluss, dass die Grenzöffnung zu Österreich keine von langer Hand geplante Aktion gewesen sei. Beide folgern vielmehr, dass die Entwicklung seit dem Frühjahr eine solche Eigendynamik bekommen hatte, dass die Öffnung quasi zwangsläufig und unausweichlich gewesen sei. Besonders faszinierend schildert Oplatka ein Gespräch Gorbatschows mit der ungarischen Führung, bei dem die ihm ganz kurzfristig von ihrem Gedanken berichtet, die Grenze nach Österreich zu öffnen, weil man sonst des Flüchtlingsstroms nicht mehr Herr werde. Gorbatschow habe darauf zunächst irritiert reagiert, dann aber gesagt: „Ich sehe da, ehrlich gesagt, gar kein Problem.“

Auch Dalos hat die ungarischen Protokolle über die Gespräche mit der sowjetischen Führung ausgewertet und kommt zu ähnlichen Schlüssen. Die Darstellungen beider Autoren ergeben, ergänzend gelesen, ein faszinierendes Bild des Realsozialismus im Ungarn des Jahres 1985.

Im Gegensatz zu dem manchmal sehr in die Details gehenden Oplatka beschränkt sich Dalos jedoch nicht auf Ungarn, sondern schildert essayistisch den Wandel in allen mittel-osteuropäischen Ländern mit Ausnahme der baltischen Staaten. György Dalos’ Buch hat andere literarische Qualität als das von Andreas Oplatka. Der ist eben ganz der zur nüchternen Beschreibung erzogene „NZZ“-Redakteur. Oplatka hat, so gewinnt man den Eindruck, mit mehr Zeitzeugen gesprochen, Dalos hat hingegen mehr Quellen studiert. Den Lesern, die am Thema „Ostblock im Umbruch“ Interesse haben, seien gerade deshalb beide Bücher empfohlen. Sie ergänzen sich sinnvoll.

György Dalos: 1989. Der Vorhang geht auf. Das Ende der Diktaturen in Osteuropa. C. H. Beck, München 2009. 272 Seiten, 19,90 Euro.

Andreas Oplatka: Der erste Riss in der Mauer. September 1989 – Ungarn öffnet die Grenze. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2009. 304 Seiten, 21,50 Euro.

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