Erinnerungen : In der DDR notiert

Geduldeter Klassenfeind: Peter Pragal lebte als West-Korrespondent in Ost-Berlin.

Hans Jürgen Fink

Solche Geschichten kann nur Peter Pragal erzählen. War er doch der erste und einzige westdeutsche Journalist, der sein Hauptquartier nicht in West-Berlin aufschlug, als die DDR ihn im Frühjahr 1974 für die „Süddeutsche Zeitung“ akkreditierte. Mit Ehefrau Karin und zwei kleinen Kindern zog er vielmehr in einen Plattenbau an der Ho-Chi- Minh-Straße im Bezirk Lichtenberg. Unvermittelt fanden sich die Pragals mitten im sozialistischen Alltag wieder: Sie teilten den Frühaufsteher-Rhythmus im Wohngebiet, gingen nie ohne Netz und Beutel aus dem Haus. In den Gaststätten wurden sie „platziert“ oder auch nicht. Schnell lernten sie, zwischen den Zeilen zu lesen, bald hatten sie auch den „DDR-Jargon“ drauf und blieben, wenn sie wollten, unerkannt in Warenhaus, Straßenbahn, Kneipe und Sauna. Sie schickten ihren Sohn in den Kindergarten und in die Schule. Beim Metzger tauschten sie Whisky gegen Rinderfilets. Schneeballartig wuchs ihr Freundes- und Bekanntenkreis, gesellige Abende gerieten zu intensiven deutsch-deutschen Debattennächten. Selbst die Stasi musste anerkennen: „Pragal war bemüht, wie ein DDR-Bürger zu leben und zu denken.“

Noch heute lesen sich seine Erinnerungen so frisch wie seine Geschichten, die damals in der oft gerühmten „SZ“-Kolumne „In der DDR notiert“ Woche für Woche erschienen. Die SED-Propagandisten hatten ihr Informations- und Interpretationsmonopol verloren. Was er sah, maß Pragal an ihrem ideologischen Anspruch. Und dies traf sie empfindlicher als mancher erzkonservative West-Kommentar. Gleichzeitig gerieten im Westen liebgewonnene Schwarz-Weiß-Schablonen ins Schwimmen: Auch im Unrechtsstaat gab es augenscheinlich ein aufrechtes Leben. „Wir waren Störenfriede“, meint Pragal in der Rückschau zur Rolle der „geduldeten Klassenfeinde“. Nicht ohne die Problematik zu reflektieren, dass er an diesem außergewöhnlichen Ort die üblichen Journalistenpfade mitunter verließ. Seine Grenzprivilegien nutzend spielte er für Ost-Berliner Freunde Briefträger, leistete Kurierdienste in humanitären Angelegenheiten oder beschaffte Waren aus dem Versandhauskatalog.

Dabei war die Stasi immer präsent. Tag für Tag stand Pragal mit den Seinen von früh bis spät unter Beobachtung. Das war ihm klar, bekam er aber nicht mit. Auch von dem Einbruch in sein Büro erfuhr er erst nach 1990 aus den Unterlagen der Gauck-Behörde. Als Betreuer saß die Stasi bei Recherchen und Interviews selbst höchster Funktionäre am Tisch. Sie baute bei seinen Recherchen Potemkische Dörfer, schickte ihm „Informelle Mitarbeiter“ ins Büro oder nach Hause – ein Spiel, das er jedoch sehr bald durchschaute. Folglich sieht er sich selber trotz Rundumbespitzelung weniger als Opfer denn als ihr „publizistischer Gegenspieler“. Sein Status gewährte ihm Schutz. Aber er schildert durchaus auch die Kehrseite dieser Medaille, die ihm freilich die Akten erst vollends vor Augen führen: Das menschenzerstörende Räderwerk der Mielke-Schergen, in das Menschen gerieten, die Kontakt zu ihm suchten. Gelernte DDR-Bürger werden ihm daher nur schwerlich folgen, wenn er böswillige von gutartigen Spitzeln unterscheidet.

1979 tauscht der „SZ“-Korrespondent seinen (Vor-)Posten in Ost-Berlin mit Bonn, um dann fünf Jahre später, nun für den „Stern“, zurückzukehren, freilich mit Wohnsitz im Westen der Stadt. Pragal bleibt auch jetzt der klug differenzierende Beobachter, wenn er die DDR-Verhältnisse im Witz und Kabarett oder in Biografien spiegelt. Und doch lässt dieser zweite Teil des Buches erkennen: Das Gefühl der Pionierzeit ist unwiederbringlich dahin. Und wohl auch die unmittelbare Nähe zum Innenleben der Gesellschaft, etwa jener Gruppen, die den Umbruch im Herbst ’89 entscheidend vorantreiben sollten.

Historisch allerdings bleibt – Zufall und/oder Verdienst – das „Stern“-Interview mit Politbüromitglied Kurt Hager, das Pragal am 20. März 1987 führte. Alle Antworten auf die zuvor eingereichten Fragen hatte das DDR-Außenministerium formuliert, nur ein Satz kam von Hager selber: ausgerechnet der auf Michail Gorbatschow gemünzte Tapetenvergleich, der die Reformunwilligkeit der alten Herren im SED-Politbüro so ungewollt eindeutig offenbarte. Bewusst oder unbewusst, glaubt Pragal, hätten West-Korrespondenten zum Ende der DDR beigetragen. Aber auch sie, räumt er freimütig ein, hätten es nicht vorausgesehen.
 
Peter Pragal: Der geduldete Klassenfeind: Als West-Korrespondent in der DDR. Osburg Verlag, Berlin 2008. 304 Seiten, 19,95 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben