Eröffnungsrede : György Dalos: "Ungarn leidet an sich selbst"

In seiner Dankes- und Eröffnungsrede zur Leipziger Buchmesse erzählte Dalos in der ihm eigenen leise-verschmitzten Art vom Hineinwachsen in die deutsche Kultur.

Wenn die Jury des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung die Eignung eines Werks anhand der Biografie seines Autors erkennen könnte – György Dalos wäre schon längst ausgezeichnet worden. Als ungarischer Jude in Budapest geboren, wohin die Familie zur einen Hälfte aus dem heutigen Rumänien, zur anderen aus der Slowakei gezogen war, in Moskau zur Universität gegangen und über Wien nach Berlin gekommen, ist er mit allen mitteleuropäischen Traditionen, aber auch beiden totalitären Strömungen vertraut, die ihnen den Garaus machten. Und trotzdem: Was anderes als ein der deutschen Kultur zugeneigter Kosmopolit soll jemand werden, wenn die väterliche Familie den Namen Deutsch und die mütterliche den Namen Berliner trägt?

In seiner Dankes- und Eröffnungsrede zur Leipziger Buchmesse erzählte Dalos in der ihm eigenen leise-verschmitzten Art vom Hineinwachsen in die deutsche Kultur. Goethe und Schiller sollten ihm Sinn und Verstand öffnen, er aber hielt es lieber mit Heinrich Heine und dessen elegantem Spott. Und weil die Mauer noch stand, begann die deutsche Gegenwart in Ostberlin, mit der Bekanntschaft von Thomas Brasch, Klaus Schlesinger und Heiner Müller. Im Westen verhalfen Bekannte wie Hans Magnus Enzensberger, Luc Bondy und Peter-Paul Zahl seinen Texten zur ersten Aufmerksamkeit.

Im Gewandhaus wandte sich Dalos aber auch gegen die unselige Atmosphäre in seinem eigenen Land, Ungarn. „Der Kalte Krieg zwischen den Großparteien hat genügend Spielraum für den primitiven und aggressiven Rechtsradikalismus freigesetzt“, erklärte er. „Ungarns Probleme sind ansonsten mit denjenigen von vielen Reformstaaten vergleichbar: Inflation, Arbeitslosigkeit, Korruption und mangelnde Kompetenz der Eliten. Andererseits leidet das Land auch an sich selbst. Es findet keine Ruhe vor der gehässigen Atmosphäre, welche in eine kollektive Angstneurose überzugehen droht. Ebenso wie manche Krankheiten erst behandelt werden können, wenn das Fieber nachlässt, müsste die Republik zunächst ihre lange gepflegte Hasskultur loswerden, um ein soziales und politisches Gleichgewicht erreichen zu können.“ Wie, dafür hatte er am Ende auch noch einen Tipp: den Runden Tisch, der vor zwanzig Jahren schon einmal gute Dienste leistete. dotz

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