Literatur : Es kommt dicke Jacques Attali skizziert die Welt von morgen

Elke Kimmel

An schlechten Nachrichten über das Klima, die Entwicklung der Weltbevölkerung und die wachsende Rohstoffknappheit besteht kein Mangel. Positive Visionen sind selten. Jacques Attali, ehemals Berater François Mitterrands, Wirtschaftswissenschaftler und Romancier, wagt sich – fast – an eine.

Seine Vision ist zunächst finster: Parallel zum Aufstieg neuer Wirtschaftsmächte in Asien und Südamerika stagniere die europäische Wirtschaft. Der Mensch der Zukunft müsse noch mobiler sein, er werde hektischer und einsamer leben – Sesshaftigkeit werde ein Privileg der wirtschaftlich Nutzlosen. Cyberwelten lenken von der Trostlosigkeit dieses Alltags ab und verhelfen der Unterhaltungsindustrie zu enormen Gewinnen. Haushaltsroboter bespitzeln unsere Nachkommen rund um die Uhr.

Dieser Übergangsphase werde sich das „Hyperimperium“ anschließen, in dem der Markt die Demokratie besiegt haben werde. Öffentliche Dienstleistungen werde es global nur noch als Produkte geben, der Konformitätsdruck werde infolge wachsender Kontrollen weiter zunehmen. Nur eine Minderheit von „Hypernomaden“ werde von der Ordnung profitieren. Diese könnten ihr Leben dadurch fast beliebig verlängern, dass sie in ihren Klonen weiterlebten – allerdings würden sie so selbst zum Produkt. Folgt man Attali, so gleicht die Zukunft um 2035 in etwa den bei George Orwell und Aldous Huxley beschriebenen Szenarien.

Dem „Hyperimperium“ folgt der „Hyperkonflikt“ als Abfolge gewalttätiger Kriege weltweit. Demokratien haben hier kaum eine Überlebenschance. Am Ende – etwa von 2040 bis 2060 – werde die alte Welt untergehen und auf ihren Trümmern eine neue Zivilisation entstehen: die „Hyperdemokratie“. Deren Wegbereiter seien die „Transhumanen“, der Konsumwelt abtrünnig gewordene „Hypernomaden“. Dank ihrer biologischen Rolle als Mütter und „Gebende“ seien Frauen in besonderer Weise dazu berufen, eine neue Ökonomie jenseits des Marktes einzuführen. Einige Organe dieser „Hyperdemokratie“ existierten ansatzweise bereits – Nichtregierungsorganisationen, der Internationale Gerichtshof und die EU. Klima und natürliche Ressourcen werden in dieser Welt (wie die kollektive Intelligenz) zum gemeinsamen, unveräußerlichen Erbe, Grundgüter wie Zeit, Luft, Wasser und Wissen seien für alle frei verfügbar.

Am Ende überwiegt der Eindruck, dass der Autor zwar gerne an eine positive Zukunft glauben möchte, es ihm aber nicht recht gelingt. Seine Vision von Krieg und der Allmacht des Marktes sind düster und furchtbar, aber überzeugend. Den eher hastig gezeichneten, positiven Utopien fehlt diese Überzeugungskraft. Elke Kimmel



Jacques Attali:

Die Welt von morgen. Eine kleine Geschichte der Zukunft. Aus dem Französischen von Caroline Gutberlet. Parthas Verlag, Berlin 2008. 256 Seiten, 19,80 Euro.

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