Gedichte : Göran Sonnevi: Felskristalle

Erinnerungen an die eigene Kindheit im Krieg, an Bahnhöfe und "wirbelnde Schneesoldaten", Bilder von geschichtlichen Ereignissen oder vom Meer: Die Gedichte des Schweden Göran Sonnevi.

Nico Bleutge

Vielleicht existieren tatsächlich unendlich viele imaginäre Dimensionen, wie Göran Sonnevi einmal schreibt, alle gleich wirklich, alle gleich wichtig. Der schwedische Dichter jedenfalls schafft mit seinen Versen vielsträngige Welten, Gedichte, die an kleine Labyrinthe erinnern oder an das Astwerk von Bäumen, „verzweigt wie die Hirschgeweihkrone / Der Runenbaum, Drachenspiralen“. Dabei ist den Gedichten nichts ferner als bemühte Rätselhaftigkeit. Doch wie offen die Verse auch sein mögen, ihr Fluchtpunkt ist die Vergänglichkeit.

So sind die Gedichte Göran Sonnevis, der 1939 im schwedischen Lund geboren wurde, auch von einem großen Memento mori durchzogen. Erinnerungen an die eigene Kindheit im Krieg, an Bahnhöfe und „wirbelnde Schneesoldaten“, Bilder von geschichtlichen Ereignissen oder vom Meer – all das findet sich in den Gedächtnisschächten. Freilich ist dieses Memento mori kein negatives, sondern ein solches, als dessen Kehrseite die Utopie erkennbar wird. Kleine Momente des Glücks scheinen zwischen den Zeilen auf, manchmal bleibt nur eine Spur der Natur: „Ich berühre die Kristalle im Fels, die geäderte Seelilie/aus weißem, schwach violettem Stein, sowie einen roten Stein, abgeschliffen vom Meer“.

Aber es gibt auch andere Gedichte. Sei es im Lamentieren über die „Masken der politischen Führer“, sei es in deutlicher Kritik an der Macht der Medien und der Märkte, oder sei es in plakativen Sätzen über aktuelle Kriege. Statt das Politische in Bilder einzulagern, missbraucht Sonnevi den Vers immer wieder als Behältnis für Meinungen und Botschaften. Gestern in der Zeitung, heute schon im Gedicht. So unterläuft er genaue jene Offenheit, die er andernorts als die Peilmarken seines Schreibens betont. Das ist nicht nur schade, sondern auch verwunderlich. Zwar hat Sonnevi von Anfang an politische Lyrik verfasst. Doch allmählich entwickelte er eine Poetik, die sich an den Erkenntnissen der modernen Linguistik und der Sprachphilosophie orientiert. Es sind Verse in einer entschlackten, bisweilen fast asketisch reinen Sprache, alles löst sich hier in Formen auf, fern der Konkretion, fern von politischer Stellungnahme.

Ein ferner Nachhall jener Texte ist bisweilen auch in der vorliegenden Sammlung zu spüren, in Liebesgedichten, die eine empfindsame Sprache kultivieren, ohne je sentimental zu sein: „Ich halte deinen Kopf, / wiege dich, deinen / Kopf aus Nacht, / deinen glasklaren Kopf / Ich berühre die Zeichen / ihre kleinen Formen“. In solchen Zeilen findet Sonnevi zu seiner ganzen Stärke. Es ist alles andere als einfach, diesen feinen Ton im Deutschen nachzubilden. Leider fehlt der schwedische Text in dieser Ausgabe. Aber die deutschen Versionen lassen vermuten, dass Klaus-Jürgen Liedtke nicht nur die Atmung von Sonnevis Versen getroffen hat, sondern auch ihren Rhythmus, „wunderbar / Wie die Bewegungen eines Tiers unter der Haut“. Nico Bleutge

Göran Sonnevi: Das brennende Haus. Ausgewählte Gedichte 1991-2005. Aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke. Hanser Verlag, München 2009.  142 Seiten, 14,90 €.

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