Geopolitik : Das Glatte und das Gekerbte

Zwischen Meer und Land: Niels Werber untersucht den Zusammenhang von Geopolitik und Literatur.

Steffen Richter

Im Februar 1996 verkündete der Amerikaner John Perry Barlow eine „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“. Dieser neue soziale Raum, heißt es darin, liege außerhalb der Hoheitsgebiete irdischer Regierungen. Human und gerecht werde er sein. Die Euphorie der 90er Jahre, die neuen Medien würden eine von materiellen Räumen – und somit von Staat, Macht und Gewalt – abgekoppelte friedliche Netzwerkwelt etablieren, ist heute verebbt. Der Zusammenhang von Raum und Medien allerdings prägt das Denken der Gegenwart ganz erheblich. Das lässt sich, behauptet der Literatur- und Medienwissenschaftler Niels Werber, nicht zuletzt an den Erzeugnissen der Populärkultur ablesen. Das Wissen, das diese Texte und Filme transportieren, will er bergen, um eine „Geopolitik der Literatur“ zu beschreiben, die ihren Ausgang im 19. Jahrhundert nimmt.

Noch vor kurzem hätte der Begriff der Geopolitik, der in den 1920er Jahren durch den Geografen Friedrich Ratzel zu Ehren kam und gemeinsam mit dem des Lebensraumes Karriere in der nationalsozialistischen Expansionsideologie machte, für Irritationen gesorgt. Mittlerweile aber sind Raumkonzepte im Rahmen des kulturwissenschaftlichen „topographical turn“ mit Sorgfalt wieder in ihre natürlichen Rechte eingesetzt worden und haben an Anrüchigkeit verloren.

Auch dass Werber Carl Schmitt als theoretischen Stichwortgeber führt, muss nicht als politische Sympathiebekundung ausgelegt werden. Schmitts grundlegende Unterscheidung von Meer und Land liefert vielmehr eine Folie für das wohl produktivste Begriffspaar der gegenwärtigen Raumdiskussionen. Es ist das von Gilles Deleuze und Félix Guattari beschriebene Wechselverhältnis zwischen dem „glatten“, unstrukturierten Raum des Nomaden und dem „gekerbten“, markierten Raum des Sesshaften.

Anhand dieser Unterscheidung stellt Werber zwei wirkungsmächtige national-literarische Geopolitiken aus der Mitte des 19. Jahrhunderts gegenüber: Zum einen ist es das amerikanische Walfängerschiff Pequod, das in Herman Melvilles „Moby Dick“ (1851) den glatten Raum der Weltmeere kerbt und den USA die Wege des Welthandels bahnt. Zum anderen schildert Gustav Freytag (mit deutlich antisemitischem Akzent) in „Soll und Haben“ (1855), wie sich die Verbindung von Volk und Raum durch Geldwirtschaft und Industrialisierung aufzulösen droht: Der sichere, gekerbte Raum wird in einen bedrohlichen, von Kommunikations- und Warenströmen durchfluteten glatten Raum überführt. Dass Freytags Roman ein Bestseller auch der Nazi-Zeit war, kann einen kaum verwundern.

Werbers erster Kronzeuge einer literarischen deutschen Geopolitik ist allerdings Heinrich von Kleist als Autor der „Hermannsschlacht“. Wie hier in einer Rhetorik der totalen Mobilmachung die Einheit von Volk und Reich in erst noch zu schaffenden Grenzen beschworen wird, klingt wie eine dichterische Vision, die im 20. Jahrhundert zu realer Politik wurde. Nur haben sich geo- und biopolitische Konzepte nach dem „Dritten Reich“ nicht einfach erledigt. Sie sind – und das ist vielleicht Werbers beklemmendste Botschaft – ins Fantastische ausgewandert. Noch Spektakel wie J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“ oder George Lucas’ „Krieg der Sterne“ lassen sich als Kämpfe um ethnisch homogene Räume lesen. Von einer „Bagatellisierung des Standortes“, wie sie Niklas Luhmanns Systemtheorie vermutete, kann also so wenig die Rede sein wie vom enträumlichten, demokratisch-nichthierarchischen „Empire“ des Autorenpaars Michael Hardt und Antonio Negri.

Gewiss, mitunter jongliert Werbers theoretisch hochgerüstete Studie großzügig mit dem Material, gelegentlich schiebt sich eine „rhizomatisch“ anmutende Argumentation vor die systematische Darstellung. Anregend ist das allemal. Dieselben Medien, das macht Werber klar, die als Raum überwindende Stifter einer universalen friedlichen Weltgesellschaft gelten, können Raum zum Zweck gewaltsamer Ausgrenzung und Vernichtung organisieren. Die in Literatur und Film verbreiteten „Selbstbeschreibungsversuche der Weltgesellschaft“ spiegeln diese gegenläufigen Bewegungen bis heute, gleich, ob sie der Höhenkamm- oder der Populärkultur angehören. Sie verdienen vor allem eines: misstrauische Lektüre.

Niels Werber: Die Geopolitik der Literatur. Eine Vermessung der medialen Weltraumordnung. Hanser Verlag, München 2007. 326 S., 24,90 €.

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