Hindenburg-Mythos : Ersatzkaiser

Für Jesko von Hoegen erlangte Hindenburg schon während des Ersten Weltkrieges den Statuts eines "Ersatzkaisers". Später half er Hitler, an die Macht zu gelangen.

Hannes Schwenger

Toter Feldherr, geh nun ein nach Walhall!“, rief Adolf Hitler im August 1934 dem toten Reichspräsidenten Paul von Hindenburg nach, der ihn ein Jahr vorher zum Reichskanzler ernannt und ihm damit die Macht in Deutschland übergeben hatte. Über den lebenden Hindenburg hatte er sich ganz anders geäußert, wenn man dem Zeugnis eines Zeitgenossen glauben darf, dem er im September 1932 gesagt habe: „Sehen Sie nicht, dass ich das alte Zugpferd brauche?“ Da habe er bereits den „Tag von Potsdam“ geplant, an dem er sich unter dem Segen Hindenburgs als Hüter und Erbe der preußischen Tradition inszenierte. „Der alte Feldmarschall des Weltkriegs und der junge Gefreite aus dem Schützengraben, die sich dem Hakenkreuz verpflichten, am Grabe Friedrichs des Großen!“, habe Hitler geschwärmt. „Eine wunderbare Ansicht, mit gewaltigem Potential! Ich werde einen solchen Akt in Potsdam inszenieren, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat! Wenn ich gewaltsam eine Entscheidung erzwinge, könnte der alte Idiot zurücktreten, und das kann ich mir nicht leisten.“

Ob das Zitat glaubhaft ist oder nicht – es wurde 1938 in London publiziert –, es gibt in zynischer Kürze die nützliche Rolle Hindenburgs für Hitlers Griff nach dem höchsten Staatsamt wieder: Kaum war Hindenburg tot, da machte sich Hitler in Personalunion zum Kanzler und Reichspräsidenten und damit zum alleinigen Führer des „Dritten Reichs“. Für den „kleinen Gefreiten“ war der Weg frei zum größten Feldherrn aller Zeiten, als den sich Hitler wähnte. Zu seinen letzten „Heldentaten“ gehörte es dann 1945, das Grab- und Denkmal Hindenburgs in Tannenberg sprengen zu lassen, damit es nicht in russische Hände fiel.

Das Deutschland, das er hinterließ, hat keine Verwendung mehr für Feldherrenmythen aller Art. Obwohl es immer noch da und dort Hindenburgstraßen gibt, ist auch der „Held von Tannenberg“ nur noch Gegenstand der Entmythologisierung. So schreibt auch Jesko von Hoegen mit dem Buch dieses Titels keine neue Heldenlegende, sondern eine kritische Revision der alten und ihrer politischen Funktion in drei Systemen: Kaiserreich, Republik und NS-Staat.

Das beginnt schon mit dem Ort und Verlauf der Schlacht bei Tannenberg, die eigentlich Schlacht bei Ortelsburg heißen und als deren Stratege zumindest in gleichem Maß Erich Ludendorff als Stabschef genannt werden müsste. Wilhelm Groener hat später berichtet, dass der einzige Grund für die Reaktivierung des 67-jährigen Ruheständlers Hindenburg war, „dass man von seinem Phlegma absolute Untätigkeit erwartete, um Ludendorff völlig freie Hand zu lassen“. Die Erwähnung Tannenbergs verdankt sich einem Leitartikel von Theodor Wolff, der damit auf eine historische Niederlage des Deutschen Ordens bei Tannenberg 1410 Bezug nahm, die sich nun in einen historischen Sieg verwandeln sollte. „Der Revanchegedanke“, schreibt Jesko von Hoegen, „wurde dadurch verstärkt, dass in Polen und Russland die Schlacht bei ,Grunwald‘, wie dort die Schlacht von 1410 genannt wurde, im Vorfeld des Krieges zu einem erfolgreichen Abwehrkampf gegen eine ,Germanisierung Polens‘ stilisiert worden war“. Im Umkehrschluss wurden nun Tannenberg und sein Held Hindenburg zum Symbol preußisch-deutscher Selbstbehauptung im Osten.

In der Folge avancierte Hindenburg zum Oberbefehlshaber der Ostfront und Chef des Generalstabs. Für Jesko von Hoegen erlangte er damit „schon während des Krieges den Statuts eines ,Ersatzkaisers‘“. Damit erregte er allerdings den Neid Wilhelms II., der sich 1917 beim Chef des Marinekabinetts beklagte, er sei im Großen Hauptquartier „doch nur der Adjutant Hindenburgs und habe gar nichts zu sagen“. So groß war der Nimbus des Helden von Tannenberg inzwischen, dass er es sich leisten konnte, nach der deutschen Niederlage unangefochten als „Moderator“ des Übergangs vom Kaiserreich zur Republik aufzutreten. Sein Verbleiben an der Spitze des Feldheers „wurde von der gesamten Presse unabhängig von der jeweiligen parteipolitischen Gesinnung als Ausdruck von ,Treue‘, ,Vaterlandsliebe‘ und ,Pflichtbewusstsein‘ gedeutet.“ Der Generalfeldmarschall, schrieb die „Vossische Zeitung“, habe als einer der Ersten die „eiserne Notwendigkeit“ erkannt, sich der Republik zur Verfügung zu stellen, um den drohenden Bürgerkrieg abzuwenden. Selbst der Vorsitzende des Arbeiter- und Soldatenrates in Kassel versicherte ihn seines persönlichen Schutzes und erwartete, „dass die bürgerliche und soldatische Bevölkerung Kassels ihm nur Gefühle der Verehrung und Hochachtung entgegenbringen wird und er vor jeder Belästigung sicher ist“.

Es war die Kehrseite dieses Nimbus, der Hindenburg 1925 und 1932 sogar bis ins Amt des Reichspräsidenten trug, dass er mit ihm auch zum Moderator von Hitlers „Machtergreifung“ werden konnte. Zu spät erkannten die konservativen Steigbügelhalter Hitlers, dass Hindenburg in der Gefahr war, zur Marionette Hitlers zu werden – „eine Marionette, die man bei Festakten mit einem Staatsgewand bekleidet in Szene bringt“, wie die „Kreuzzeitung“ noch im August 1932 warnend schrieb. Mit dem Händedruck zwischen Hitler und Hindenburg in Potsdam – so konstatiert Jesko von Hoegen – „ging der Mythos des Feldherrn Hindenburg als ,Befreier Ostpreußens‘, die ihm zugesprochene militärische Kompetenz und sein Charisma als ,Retter‘, auf den neuen ,Führer‘ Hitler über.“ Die Folgen sind bekannt.

— Jesko von Hoegen:
Der Held von Tannenberg. Genese und Funktion des Hindenburg-Mythos. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2007. 475 Seiten, 54,90 Euro.

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