Holtzbrinck im "Dritten Reich" : Einfach nur angepasst

Um des Erfolgs willen: Thomas Garke-Rothbart über den Verleger Georg von Holtzbrinck im „Dritten Reich“.

Wolfgang Benz

1983 starb Georg von Holtzbrinck, der 1948 Gründer der international operierenden Gruppe war, zu der heute bedeutende Verlage und auch Zeitungen wie „Zeit“ und „Tagesspiegel“ gehören. Die Vorgeschichte, das heißt die Anfänge des mittelständischen Unternehmers aus verarmtem westfälischem Kleinadel im Dritten Reich lagen im Dunkeln. Das Buch von Thomas Garke-Rothbart erhellt die Fakten. Es ist keine Biographie, da die Quellen zur Bewertung der Persönlichkeit zu spärlich sind, es ist vielmehr eine höchst willkommene und aufschlussreiche Studie zur deutschen Buchhandels- und Verlagsgeschichte im Dritten Reich, in der Georg von Holtzbrinck ein wichtiger Akteur war.

Es müsse doch im Interesse der Staatsführung liege, „wenn dieses Ereignis in Buchform festgehalten wird“, schrieb Georg von Holtzbrinck an seinen Partner Wilhelm Schlösser Anfang November 1939. Gemeinsam gehörte ihnen die Firma Devex, ein Zeitschriftenvertrieb, der Drückerkolonnen an die Haustüren schickte, mit namhaften Verlagen wie Kohlhammer und dem Union Verlag in Stuttgart kooperierte und bis zum Kriegsausbruch ziemlich viel Geld verdiente durch den Vertrieb von Zeitschriften der Deutschen Arbeitsfront (DAF), der größten Organisation im NS-Staat, die unter Robert Ley Arbeitnehmer und Arbeitgeber zwangsweise zusammenschloss und mit dem geraubten Vermögen der Gewerkschaften und Mitgliedsbeiträgen ideologische und ökonomische Macht verband.

Zu Kriegsbeginn wurden DAF-Magazine wie „Schönheit der Arbeit“ oder „Freude und Arbeit“ eingestellt, das brachte der Firma Devex beträchtliche Einbußen und gerichtliche Auseinandersetzungen mit der DAF. Im Entnazifizierungsverfahren des Georg von Holtzbrinck unternahm dessen Anwalt 1947 den Versuch, ihn als Mann des politischen Widerstands darzustellen unter Berufung auf den 1943 in letzter Instanz verlorenen Prozess mit der DAF.

Lebensgefährlich war das freilich keineswegs gewesen und an der Staatsfrömmigkeit Holtzbrincks gab es auch keinen Zweifel. Über den NS-Studentenbund (dem er 1931 in Köln beitrat, zu einer Zeit, da die Organisation verboten war), kam er zur NSDAP. Das Eintrittsdatum ist strittig. Die Mitgliedskarte nennt den 1. Mai 1933, das war der Tag, an dem die Mitgliedssperre eintrat, mit der sich die zur Macht gekommene Hitlerpartei der Sturzflut der Opportunisten, der „Märzgefallenen“ erwehrte. Es war vielleicht so, dass Georg von Holtzbrinck, aus geschäftlichem Kalkül, sich 1935 entschloss, der NSDAP beizutreten. Das gab er nach 1945 an und diese Version ist möglich, wenn er durch Protektion die Mitgliedssperre unterlaufen konnte. Die Mitgliedsnummer, die ihm zugeteilt wurde, legt aber mit gleich großer Wahrscheinlichkeit nahe, dass Holtzbrinck schon 1933 in letzter Minute den Aufnahmeantrag gestellt hatte. Zu beweisen ist weder die eine noch die andere Version; aber es ist auch nicht erheblich, wann er PG wurde, denn er hat die Tatsache nicht bestritten und er ist nicht als fanatischer Nazi in Erscheinung getreten. Holtzbrinck machte eben die Konzessionen, die notwendig schienen für den unternehmerischen Erfolg, und die Anpassung fiel ihm nicht schwer, da sein Weltbild vom damals weit verbreiteten Nationalismus und von ökonomischer Existenzangst geprägt war. Der Eintritt in den aggressiven und martialischen NS-Studentenbund ist jedoch für die Grundstimmung ein wichtiges Indiz.

Der Jurastudent hatte aber nicht viel Zeit für die Hörsäle in Köln und Bonn. In den Semesterferien reiste er als Zeitschriften- und Buchvertreter, bald, spätestens aber 1933 wurde das sein Hauptberuf.

Aus dem Zeitschriftenvertrieb Devex entstand dann ab 1937 ein Verlag, der nach dem Prinzip der Buchgemeinschaft (Direktvertrieb) funktionierte und mit der Übernahme des 1876 gegründeten Objekts „Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens“ nun auch inhaltliche Konzepte entwickeln musste. Das Erfolgsrezept bestand darin, der Familienzeitschrift in der Tradition der „Gartenlaube“ eine neue Struktur zu geben. Sie erschien ab 1937, als Holtzbrinck und Schlösser sie übernahmen, als periodische Publikation, organisiert in der Form der Buchgemeinschaft. Formal gehörte die „Bibliothek“ wegen des Kolportagevertriebs in die Sparte Zeitschriften (deshalb waren die Unternehmer Holtzbrinck und Schlösser auch nicht in der für Bücher zuständigen Reichsschrifttumskammer, sondern in der Pressekammer organisiert).

Im Januar 1939 feierte die „Bibliothek“ in einer Ausgabe das „befreite Sudetenland“ und im November 1939 gab es den prächtig ausgestatteten Sonderband „Der Feldzug in Polen 1939“. Im Vorwort wurde Adolf Hitler gepriesen, der „das Machwerk von Versailles Stück um Stück auf friedliche Weise zerstört“ habe. Von England sei „der Führer“ zur militärischen Auseinandersetzung gezwungen worden: „Man schlug die Friedenshand des Führers aus und ging in den Krieg … 18 Tage dauerte es und der Spuk von einer polnischen Großmacht war verflogen … von diesen 18 Tagen sprechen die Dokumente und Bilder der ,Bibliothek’. Der Band soll eine bleibende Erinnerung für ferne Tage und kommende Generationen sein“. Inhaltlich unterschied nichts das Druckwerk von der Propaganda, die im Hause Goebbels erzeugt wurde.

1940 übernahmen Holtzbrinck und Schlösser die „Wiesbadener Volksbücher“, eine Reihe, die seit 1872 in der Volksbildungsszene etabliert war. Auch das war eine unternehmerische Weichenstellung, denn für die Sparte Buch unter der Kontrolle der Reichsschrifttumskammer galt ein anderes Reglement als für den Zeitschriftenhandel, der seit Kriegsbeginn unter Papierrationierung litt. Die Kooperation mit dem Regime garantierte bis Kriegsende den ökonomischen Erfolg. Die Verlagsobjekte „Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens“ und die „Wiesbadener Volksbücher“ wurden 1943/44 miteinander verschmolzen, in der Firma setzte sich Holtzbrinck nach Auseinandersetzungen deutlich gegenüber den Partnern an die Spitze. Holtzbrinck war der eigentliche Geschäftsmann, der Chancen erkannte und nutzte und bei Bedarf auch den Onkel Erich von Holtzbrinck, den hochrangigen SS-Führer, gegen Provision einspannte, wenn Wege zu ebnen waren. Der Bedarf an Büchern war im Krieg erheblich. Schulen, staatliche, militärische Stellen verlangten nach Lesestoff. Holtzbrinck konnte liefern und verdiente viel Geld. Dass dafür nur systemkonforme Literatur in- frage kam, war selbstverständlich. Auch das unterschied Holtzbrinck nicht von anderen, die wie Bertelsmann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den unternehmerischen Aufstieg begannen – auf Grundlagen, die im Dritten Reich entstanden waren.

Thomas Garke-Rothbarts Arbeit ist keine elegante Darstellung. Akribische Recherche und detaillierte Darlegung mühsam erforschter Sachverhalte zeichnen das Buch aber ebenso aus wie der Verzicht auf die Attitüde moralischer Anklage und steile Thesen zum Verhältnis von Macht und Gewinnstreben. Die Geschichte des Unternehmers Georg von Holtzbrinck im Dritten Reich ist so unspektakulär wie bedrückend. Er war kein fanatischer Ideologe, kein bösartiger Antisemit, kein wilder Militarist, er hat sich nur einfach angepasst. Um des Geschäftserfolgs willen. Wenn er mit der offiziellen Linie vielleicht einmal nicht einverstanden war, hat er es niemanden merken lassen. Das aber hat den Erfolg des NS-Regimes ermöglicht – die Anpassungsfähigkeit, der Opportunismus, das Schweigen so vieler.

Der Brief, den er 1948 an den Onkel in New York schrieb („endlich bin auch ich entnazifiziert“), spiegelt das Unvermögen zur Einsicht, das der Generation der „Mitläufer“ gemeinsam war. Man habe in der Entnazifizierungsprozedur bescheinigt bekommen, dass man ein anständiger Mensch gewesen sei (auch wenn er 12 000 Reichsmark Sühne bezahlen musste), triumphierte Georg von Holtzbrinck. Nie habe es in der Geschichte etwas Törichteres gegeben als die Entnazifizierung. Aber der wirkliche Schaden seien die drei verlorenen Jahre (des Berufsverbots bis zur Klärung des Falles Holtzbrinck durch die Spruchkammer) gewesen, nämlich „die Unmöglichkeit, gleich nach dem verlorenen Krieg wieder aufbauen zu können und die vielen Aufregungen, die man hat mitmachen müssen“. Auch solches Selbstmitleid war typisch.

Thomas Garke-Rothbart: „… für unseren Betrieb lebensnotwendig.“ Georg von Holtzbrinck als Verlagsunternehmer im Dritten Reich. K.G. Saur Verlag, München 2008. 352 Seiten, 69,95 Euro.

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