Literatur : Im Schatten der Vergangenheit

Andrew J. Bacevich weist den USA den Weg in ein neues „amerikanisches Jahrhundert“.

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Als Clare Boothe Luce in den angsterfüllten Monaten des „drôle de guerre“ durch Westeuropa reiste, kabelte sie ihrem Mann: „Bitte komm’ selbst her. Die Vorstellung kann jeden Augenblick beginnen.“ So flog Henry R. Luce in die Alte Welt. Unter dem Eindruck der deutschen Luftangriffe prägte der „Time“-Gründer im Februar 1941 das geflügelte Wort vom „amerikanischen Jahrhundert“: Während Amerika 1920 durch seinen Rückzug aus der Weltpolitik eine große Gelegenheit leichtfertig verspielt habe, müsste es sich künftig, ob es wolle oder nicht, seiner politisch- moralischen Verantwortung stellen, damit amerikanische Werte überall auf der Welt verwirklicht würden.

Ein Dokument der Hybris, wie Kritiker meinten, waren diese Gedanken jedoch nicht. Vielmehr begann Luce seine Ausführungen in der für ihn typischen Art mit einem Ausdruck tiefen Zweifels: „Wir Amerikaner sind unglücklich. Wir sind nervös, düster gestimmt und apathisch.“ Die zukünftige Aufgabe der USA schilderte er nicht in naiv optimistischer Art, sondern als gefährliche und zugleich unentrinnbare Schicksalslast. Luce sollte recht behalten: Mehr als jedes andere Land der Erde haben die USA das 20. Jahrhundert kulturhistorisch und machtpolitisch geprägt.

Wird dies im 21. Jahrhundert so bleiben? Der 11. September 2001 war für das amerikanische Jahrhundert ein „Weckruf aus der Hölle“, wie es Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu formuliert hat. Doch schon vorher war Skepsis zu hören, bei Akteuren und Beobachtern. Einige Urteile wirken in der Retrospektive geradezu prophetisch: „Nachlässigkeit und Kurzsichtigkeit“ erkannte George W. Bush senior nach dem Ende des Kalten Krieges, und dafür werde Amerika „eines Tages noch einmal den höchsten Preis zahlen müssen“. Bush riet dringend, vor der „Verpflichtung gegenüber der Welt nicht gleichgültig zurückzuweichen“.

Seinen Sohn zwangen die Terroranschläge in New York und Washington zum Umdenken. Die „Neocons“ rissen das außenpolitische Ruder herum: Präventive Intervention statt Isolationismus prägte Washingtons Kurs bis zur zweiten Amtszeit von Bush junior. Dann wich der Unilateralismus mehr und mehr einem auf Kooperation auch mit dem „alten“ Europa bedachten Stil.

Begleitet wurde all das von einer Debatte, die sich um den Begriff des Empires drehte. War Amerika dabei, ein Imperium zu werden, sich in eine Reihe mit dem römischen und dem britischen Weltreich zu stellen? Kaum war zu dieser Frage eine wahre Literaturlawine durch die Buchläden gerollt, kippte die Diskussion vom einen Extrem ins andere: Seitdem wird nicht mehr diskutiert, wie weit die Macht der Vereinigten Staaten reicht, sondern wie lange sie überhaupt noch Bestand haben wird.

Der Niedergang des amerikanischen Imperiums scheint für viele Autoren beschlossene Sache. Sie rufen bereits das postamerikanische Jahrhundert aus. Wie in ihm die neue Weltordnung aussehen wird, ist derzeit eine der meistgestellten Fragen auf dem globalen Parkett. Auch Andrew J. Bacevich versucht sie zu beantworten. Der Professor für Geschichte und internationale Beziehungen an der Boston University und Mitglied des „Council on Foreign Relations“ zählt jedoch nicht zu den Untergangspropheten Amerikas. Er glaubt auch nicht an das Ende des amerikanischen Traums. Für ihn bieten die augenscheinlichen Grenzen von Washingtons Macht vielmehr die Chance, die bisherigen Ziele auf einem anderen Weg zu erreichen. Denn Grenzen von Macht anzuerkennen bedeutet für ihn nicht Schrumpfung derselben oder unumkehrbaren Niedergang. In Wirklichkeit sei es genau umgekehrt: Eine realistische Einschätzung von Machtgrenzen verschaffe die Möglichkeit, „unsere Politik zu korrigieren und die Ressourcen wieder aufzufüllen, vielleicht sogar die Institutionen zu erneuern. Einschränkungen zwingen zur Überprüfung alter Wahrheiten, fördern neues Denken und setzen Kreativität frei“.

Dies dekliniert Bacevich am Beispiel des Anti-Terror-Kampfes durch: Gegen die „durchaus reale, wenn auch nicht existenzielle Bedrohung“, die vom gewalttätigen islamischen Extremismus ausgeht, setzt der Autor von „New York Times“, „Washington Post“, „Wall Street Journal“ und „Atlantic Monthly“ auf eine Strategie der Eindämmung. Denn diese habe sich schon gegen einen sehr viel ernster zu nehmenden Gegner bewährt: Während im Kalten Krieg ihr Hauptziel darin bestanden hatte, die Versuche des Kreml zu vereiteln, den sowjetischen Einflussbereich zu vergrößern, sollte es heute darum gehen, die Förderer des radikalen Islam an der Erweiterung ihres Einflussbereichs zu hindern. Zwar räumt Bacevich ein, dass die grundlegende Ausrichtung einer solchen Strategie defensiv ist. Aber letztlich ziele sie darauf ab, sich dem Gegner nicht zu fügen, sondern ihn zu überwinden. Demnach führte bereits die Eindämmung während des Ost-West-Konflikts zu einem Wettbewerb, den die Sowjets nicht gewinnen konnten. Die kommunistische Alternative zur liberalen Demokratie verlor mit der Zeit ihren Reiz. Die Folge: Die Bedrohung des Westens schwand mehr und mehr, bis sie kollabierte.

Eine neue Strategie der Eindämmung sollte nach Bacevichs luzider Analyse ein ähnliches Ziel verfolgen: die Unzulänglichkeiten des islamischen Extremismus sichtbar werden zu lassen, bis auch diese Bedrohung über kurz oder lang verschwindet. Hierbei bedeutet eine neue Eindämmungspolitik aber nicht, eine neue Nato zu schaffen oder einen neuen Marshallplan zu finanzieren. Sie bedeutet vielmehr eine verstärkte Überwachung islamistischer Aktivitäten sowie nachhaltige, multilaterale polizeiliche Bemühungen, Terroranschläge zu verhindern und terroristische Netzwerke auszuschalten. Zudem sollte sie den Islamisten ihre Rückzugsgebiete nehmen und ihnen die Hilfsquellen, besonders die finanziellen, abschneiden. Hierzu sollen die USA unter anderem ihren Verbrauch fossiler Brennstoffe und ihre Erdölimporte senken und gleichzeitig alternative Energiequellen entwickeln, um den Abfluss von Öldollars zu den Islamisten zu verringern – der Grundpfeiler von Bacevichs Strategie der Eindämmung. Denn schließlich habe die Unabhängigkeit von ausländischen Importen einen größeren Wert als selbst die stärkste Armee.

Dabei schließen sich Eindämmung und Engagement im Nahen Osten für Bacevich, dessen Sohn am 13. Mai 2007 im Irak gefallen ist, nicht aus. Ein geistiger Austausch und eine Kooperation im Bereich von Bildung und Kultur sollten nicht nur zugelassen, sondern gefördert werden. Ausgewählte Studenten aus der islamischen Welt sollten Gelegenheit erhalten, im Westen zu studieren. Das Werben für die eigenen Positionen in den betroffenen Ländern sollte ebenfalls Element dieser Politik sein.

Zugleich gibt sich Bacevich keiner Illusion hin: Solche Initiativen, für so wertvoll er sie auch hält, werden bestenfalls einen „marginalen Effekt“ haben. Auf Wahrnehmungen und Einstellungen in der islamischen Welt würden die USA auch weiterhin nur begrenzten Einfluss ausüben. Daher sollten die Amerikaner die anmaßende Vorstellung aufgeben, sie seien dazu berufen, die Muslime über Freiheit und das richtige Verhältnis zwischen Politik und Religion zu belehren. Der Grundsatz amerikanischer Politik müsse hingegen lauten: „Lassen wir den Islam den Islam sein. Die Muslime werden die Mängel des Islamismus am Ende selbst erkennen müssen, so wie die Russen die Defizite des Marxismus-Leninismus erkannt haben und die Chinesen schließlich die Schwächen des Maoismus entdeckten.“ Und nicht zuletzt: „Eines Tages werden vielleicht auch wir selbst erkennen, welche Fallstricke der amerikanische Exzeptionalismus enthält.“

In Anlehnung an den einflussreichen amerikanischen Theologen und Philosophen Reinhold Niebuhr, der das Wesen der Staatskunst definierte als Bestimmung des „Punktes, in dem das lokale und das allgemeine Interesse, das nationale und das internationale Gemeinwohl übereinstimmen“, geht Bacevich von der in der Tat realistischen Annahme aus, dass die Verbündeten Amerikas eine auf die Eindämmung gewalttätiger Extremisten zielende Strategie wahrscheinlich sehr viel eher akzeptieren würden. Und vor allem: Sie wären auch eher bereit, einen größeren Teil der Lasten zu übernehmen. Denn nur dann wird selbst ein an die Grenzen seiner Macht gestoßenes Amerika noch einmal ein Jahrhundert nach sich benennen können. Henry R. Luce wäre ein begeisterter Leser von Bacevich gewesen. Das heutige Washington sollte es ebenfalls werden.

– Andrew J. Bacevich: Grenzen der Macht. Das Ende des amerikanischen Traums?

Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2009. 238 Seiten, 20 Euro.

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