Literatur : Jetzt bitte zur Taufstelle

Andreas Okopenkos „Lexikon-Roman“ schickt seine Leser durch einen wilden Parcours

Steffen Richter

Wäre er 17, ein Mädchen und Französin, orakelte vor 50 Jahren ein Schriftstellerkollege, Andreas Okopenko wäre bald berühmt. Okopenko aber war nichts von alledem. Bis heute wird er in Literaturgeschichten verschwiegen, selbst Fachgelehrte zucken ratlos die Schultern. Die Gründe sind vielfältig, vermutlich hat Okopenkos eigener Stoßseufzer nicht unrecht: „Achgott, die Avantgarde will mich nicht, und achgott, in der konservativen Dichtung hab ich schon gar nichts verloren.“

Okopenko, 1930 in der Slowakei geboren, kam als Neunjähriger nach Wien. Schon Anfang der 50er Jahre war er Herausgeber einer experimentierfreudigen Literaturzeitschrift – ganz in der Nähe, aber nie zugehörig zur konkreten Poesie der „Wiener Gruppe“. Dass sein wichtigstes Buch aus dem Jahr 1970 jetzt wieder aufgelegt wird, ist nicht nur erfreulich, sondern ein kleines Fanal inmitten unseres erzählerischen Biedermeiers. Es handelt sich um das „Lexikon einer sentimentalen Reise zum Exporteurtreffen in Druden“, kurz: „Lexikon-Roman“.

Die Geschichte ist von schönster Schlichtheit: Es geht um den Chemiekaufmann J., 40 Jahre, 1,78 Meter groß, der auf einem Donauschiff zum Treffen der Exporteure nach Druden (niederösterreichisch für „Nachtmahr“ und „Albdrücker“) reist. Das Ziel dieser Reise liegt allerdings entschieden in ihrem Weg. Wir lesen also, was unser Mann so sieht: Auen, Fabrikschlote, Bergklebesiedlungen – also Siedlungen, die am Berg kleben. Sodann, was auf dem Schiff geschieht: unverfängliche Bordereignisse, aber auch pikante Bordabenteuer. Schließlich, was ihm so durch den Kopf geht: Katzen, Psychoanalyse, Filme, Frauen oder Zeitungen.

Der Clou besteht darin, dass diese Geschichte sich nicht an einer linearen Chronologie entlanghangelt. Ihr Material ist wie im Lexikon alphabetisch geordnet – beginnend mit „A“, endend mit „Zz“. Der Leseparcours, den der Autor in einer „Gebrauchsanweisung“ vorschlägt, beginnt mit „Anfang der Reis“ und sollte bei „Brücke" fortgesetzt werden. Nur stolpert man unterwegs über den Querverweis: „Zur Identifikation des Helden suchen Sie, bitte, die Taufstelle auf.“ Kann man, muss man nicht. So wandelt man von einem „Mini-Essay“ zum nächsten und gibt dem „Möglichkeitenroman“ durch verschiedene Lektürewege unterschiedliche Gestalten.

Nun ist Okopenko aber kein Wortakrobat, dem die Welt schnurz wäre. „Aus der Lektüre“ will er uns „in die Welt befreien“. Und zwar in ihrem ganzen sinnlichen Reichtum. Tatsächlich beschäftigen sich die Fantasien des Chemiekaufmanns vor allem mit der drallen Barbara (100 kg schwer – 120, behaupten ihre Feinde). Auch gibt es zehn Einträge über „Restaurant-Menschen“, für „Essen und Trinken“ sogar elf. Man findet „Sex“ und „Siesta“, „Kuhdreck“ kommt im wertfrei-demokratischen Ordnungssystem des Alphabets neben „Kulinarisch“ zu stehen. Wie bei Ben Schott erfährt man einiges, was man nie wissen wollte, ist dem Autor deswegen aber nicht gram. Denn der Rest ist meist klug – etwa Handwerkliches wie eine Verteidigung des allwissenden Erzählers, ein Bekenntnis zum Eklektizismus oder Ansprachen an Kritiker („zeitungsbeliefernde Diagonalleser meiner Erzählungen“). Oder der Autor sieht wachen Blicks das Jahr 1968 am Rande vorbeischippern – wobei ihm vor allem politische und sexuelle Zwänge zur Befreiung einfallen. Die quittiert er: „das mache ich nicht mit“.

„Avantgardistisch“ sind am „Lexikon-Roman“ der Gedanke des nie fertigen Textes und das Angebot, jeder möge sich seinen eigenen Roman basteln. Dass sich die konsumistische Rezeptionspraxis gegen solche Ideen als resistent erwiesen hat, dürfte Okopenko nicht beunruhigen. Dazu fehlt seinem spielerischen Avantgardismus das Missionarische, das einige Produkte der Nachkriegsavantgarden so schwer verdaulich macht (etwa nouveaux romans von Jean Ricardou oder wabernde Signifikantenketten von Philippe Sollers).

Doch ist der Fall Okopenko symptomatisch: Er macht das Fehlen einer echten deutschen Avantgarde bewusst. Was immer in den 90ern gegen vermeintlich freudloses Herumexperimentieren gehetzt wurde und „avantgardistisch“ zum Schimpfwort mutieren ließ: Ein Pendant zum französischen Nouveau Roman, zu Oulipo, Tel Quel oder dem italienischen Gruppo 63 hat es hier nicht gegeben – abgesehen vom Import der Konkreten Poesie. Für die „politisierte“ westdeutsche Literatur der 60er hatte die Bewältigung des gesellschaftlichen Modernisierungsstaus offenbar Priorität gegenüber experimentellen Schreibweisen.

Natürlich, Okopenkos Roman-Bauplan ist nicht einzigartig. Julio Cortázars „Rayuela“ funktioniert ähnlich, auch Arno Schmidts dreispaltig gedruckter „Zettels Traum“ setzt die lineare Sukzession der Geschichte außer Kraft. Sein Verweissystem verleiht dem „Lexikon-Roman“ aber zudem die Anmutung eines frühen Hypertextes. Und wirklich gibt es den Roman seit 1998 in einer Version des Kreativkollektivs „Libraries of the Mind“ unter dem Titel „ELEX“ als CD-ROM. Die allerdings bleibt hinter den Möglichkeiten des elektronischen Mediums zurück, da sie mehr vereindeutigt und illustriert als zu verwirren und vernetzen.

Was bei Okopenko noch immer verblüfft, ist aber gerade das Fremdwerden des scheinbar bekannten Mediums Buch. Nie weiß man, an welcher Stelle der Geschichte man sich befindet, wie viele Seiten man gelesen hat. Panik bricht aus, wenn es einen Eintrag, auf den verwiesen wird, nicht gibt, ein anderer in eine Sackgasse führt. Dann steht man in einem Labyrinth: hier der Ariadnefaden, das Ordnungsversprechen des Alphabets – da die Desorientierung angesichts unzähliger möglicher Wege aus ihm heraus. Und man denkt: Donnerwetter, was ein Roman so alles (sein) kann.

Andreas Okopenko: Lexikon-Roman. Lexikon einer sentimentalen Reise zum Exporteurtreffen in Druden. Deuticke, Wien 2008. 384 S., 24,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben