Katharina Faber : Auf die Toten muss man hören

Herzzerreißend: In Katharina Fabers Roman "Fremde Signale“ bewachen drei Schutzengel ein kleines Mädchen

Andreas Schäfer
Faber
Die Schweizer Schriftstellerin Katharina Faber -Foto: Ullstein-Bild

Als Katharina Faber 2002 – mit immerhin fünfzig Jahren – ihren ersten Roman „Manchmal sehe ich am Himmel einen endlos weiten Strand“ veröffentlichte, war die Überraschung groß. Man war erstaunt über Fabers „ingeniöse Schnitttechnik“, ihre „frischen Worte“, mit denen sie von der intensiven Liebe zwischen einem Mörder und einer nicht mehr jungen Frau erzählte – falls man ihr spätes Erscheinen auf der literarischen Bühne überhaupt mitbekommen hatte. Denn Katharina Faber veröffentlicht in dem kleinen Schweizer Bilger Verlag, den man getrost einen Ort für Eingeweihte nennen kann. Doch zum Glück machen literarische Stimmen und Bücher, was sie wollen. Du findest nicht sie – sie kommen zu dir. Und so lag eines Tages Fabers neuer Roman im Briefkasten, „Fremde Signale“.

Vom Umschlag sah einen das aufgerissene Auge eines gemalten, totenbleichen Kindes an, auf der Rückseite war zu lesen: „Wir wollen nicht, dass man uns vergisst. Wir hatten Körper, Wünsche, Träume. Wir waren. Sind. In diesem Album sind wir. Weil es von uns erzählt.“

Hinter dem erzählenden Wir verbergen sich drei jugendliche Figuren, der Russe Michail Sledin, die Französin Linette Grandchance und der New Yorker Junge Boris Tomba, genannt Bob. Das Besondere an diesem Erzählerkollektiv: die drei sind schon lange tot. Vor sechzig Jahren starb Boris an einem „malignen Lymphom“, vor über zweihundert Jahren schon Linette, die sich bei der Pflege ihrer kleinen Schwester eine Hirnhautentzündung zugezogen hat. Und Michail, der freiwillige Soldat, wurde 1942 als Siebzehnjähriger von Deutschen getötet. Trotz ihres Todes sind sie freilich noch sehr präsent, nicht nur durch die impulsive Schreibweise der Autorin, ihre schnörkellosen Sätze, mit denen sie Stimmungen, Szenerien, Gefühle umreißt, plastisch, mit scharf geschnittenen Konturen, wie gestempelt. Die drei sind präsent, weil ihr Leben unerfüllt war. Ihre Seelen flattern gewissermaßen unerlöst durch eine Zwischenwelt. Nicht mehr hier, und noch nicht dort, suchen sie noch immer Nähe zu Menschen, verfolgen das Schicksal ihrer Hinterbliebenen, stellen sich vor, was aus ihnen selbst hätte werden können und rekapitulieren die Umstände des eigenen Todes.

Ihr Hauptinteresse, das dem Trauma ihres Zu-Früh-Gestorben-Seins geschuldet ist, gilt aber dem Schutz der anderen. Die drei sind die sehr emotionalen, also menschlichen Schutzengel eines Mädchens namens Katharina, das von allen Attali genannt wird und hinter dem sich die Autorin selbst verbirgt. Auch Katharina wurde wie die Autorin 1952 in der Schweiz geboren, wuchs in einer feudalen Deutsch-Schweizer Familie auf (Faber-Castell), studierte Medizin und schrieb einen Roman. Um das Leben dieser Katharina geht es also vordergründig in diesem Roman, beziehungsweise um ihr Am-Leben-Bleiben. Denn obwohl zahlreiche Angestellte um sie herumwuseln: Katharina ist ein gefährdetes Kind, das sich vielen Gefahren aussetzt. Die Engel haben viel zu tun.

„Fremde Signale“ ist wohl die unpersönlichste Autobiografie, die man sich vorstellen kann. Denn die drei Erzähler berichten und beschreiben, sich dabei gegenseitig klug, witzig oder naseweis ins Wort fallend, Katharinas Lebensstationen, ihr (meist) fahrlässiges Verhalten und das (aus ihrer Sicht oft absurde) mitteleuropäische Leben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Doch von Katharinas Innenleben erfährt der Leser so gut wie nichts. Die Hauptfigur wirkt, als würde sie sich wie eine Schlafwandlerin durchs eigene Leben tasten. Das Studium, die Heirat, die Geburt der Kinder, Scheidung – alles bleibt äußerlich. Diese Unschärfe ist freilich Programm. Sie ist zum einen Ausdruck einer Fühllosigkeit der Katharina-Figur sich selbst gegenüber. Zum anderen zeigt sich in ihr die vornehme Zurückhaltung der Autorin.

Denn eigentlich soll es nicht um sie gehen, sondern um die, denen das Schicksal weniger Glück und Zeit geschenkt hat. Die Engel haben ein wahnsinniges Mitteilungsbedürfnis. So viel ist passiert in so kurzer Zeit! Um erlöst zu werden, muss der noch immer virulente Schmerz durchs Erzählen abgetragen werden: Boris Geschichte ist dabei die anrührendste.

Schon als Dreizehnjähriger weiß er, dass er später mal Schriftsteller werden will, doch dann macht ihn der Krebs dick, und an der immer stärker werdenden Apathie seiner Mutter verfolgt er die Stufen seiner Krankheit zum Tode. Immer wieder lenkt Boris die Handlung nach Amerika, verfolgt über Jahrzehnte die Spur seiner Abwesenheit, die sein Tod im Leben seiner Familie hinterlassen hat – bis ins neue Jahrtausend hinein, „im traurigen New York, wo Asche niedergegangen ist wie Regen.“ Erst als auch seine Mutter im Jahr 2006 stirbt, findet er seine Ruhe.

Und jetzt ist der Moment gekommen, an dem auch Katharina aufwachen darf. Denn ihre jahrzehntelange Schlafwandelei war auch Taubheit den – von wo auch immer – gesendeten Zeichen gegenüber: Für einen Narziss zu arbeiten kann für Engel ziemlich frustrierend sein.

„Was wir übermitteln, kommt nicht aus einem Alphabet. Unsere Zeichen gleichen in nichts den Zeichen einer Sprache. Und wenn wir uns an Menschen wenden mit unseren Signalen, so sind es für sie: fremde Signale. Herausgelöst aus dem Zeichennetz der Sprache. In ihre Menschentaubheit hinein. Schicken wir unsere Signale.“ Nach einem erneuten Autounfall, den sie unbeschadet übersteht, gehen Katharina endlich die Augen auf. Die erzählerische Wendung, die mit ihrem Erwachen ihren Anfang nimmt und die im Rückblick dem Buch einen neuen, tieferen, glänzenderen Sinn verleiht, soll nicht verraten werden. Sie ist, selbst bei wiederholter Lektüre, schlicht herzzerreißend.

Geschickt hat Katharina Faber schon vorher mit Zeit- und Erzählstimmen gespielt, doch nun hebt sich auch der Vorhang, der die Welt der Lebenden von der der Toten trennt. Und am Ende dieses außergewöhnlichen Romans erlebt der Leser mit epiphanischer Wucht etwas Seltenes, einen kaum zu erklärenden Moment der „Gegenwärtigkeit von allem“, für den es nicht nur Darstellungsvermögen, ein famoses Gespür für Timing, sondern auch Weisheit, also so etwas wie heitere Demut braucht.

Katharina Faber. Fremde Signale. Roman. Bilger Verlag, Zürich 2008. 330 S., 23 €

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