Kirche und Holocaust : Mit dem Teufel verhandeln

Der Stellvertreter: Zwei Bücher entlasten Pius XII. vom Vorwurf, zum Holocaust nur geschwiegen zu haben.

Hannes Schwenger
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Die Rücktrittserklärung hatte er angeblich bereits verfasst. Der Papst 1941 mit Wehrmachtsangehörigen im Vatikan. -Foto: ullstein

Es könnten Tage kommen, in denen man sagen können muss, dass in dieser Sache etwas gemacht worden ist." So spricht ein Diplomat. Nicht irgendeiner, sondern der Chefdiplomat des Vatikans, Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII. Man schreibt den 1. April 1933, und es geht, zwei Monate nach Hitlers Machtantritt, um die "Gefahr antisemitischer Exzesse in Deutschland". Papst Pius XI. und sein Staatssekretär beauftragen den Berliner Nuntius, er solle "sehen, ob und was man unternehmen kann".

Die Antwort war desillusionierend: Schon sechs Tage später erließ Hitler das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", das die Entfernung jüdischer Beamter aus dem Öffentlichen Dienst ermöglichte. Damit sei, schrieb der Berliner Nuntius Orsenigo, der antisemitische Kampf regierungsamtlich geworden und eine Intervention "käme nun einem Protest gegen ein deutsches Staatsgesetz gleich". Das sah man auch in Rom so, und es blieb bei der windelweichen Erklärung der deutschen Bischöfe, dass "die Tage nationaler Erhebung zugleich für viele treue Staatsbürger, und darunter auch gewissenhafte Beamte unverdientermaßen Tage des schwersten und bittersten Leidens geworden sind".

Dabei blieb es zunächst, und der Vatikan schloss sogar im Juli 1933 mit Hitler das Reichskonkordat und sah der Selbstauflösung der katholischen Zentrumspartei tatenlos zu. Der Papst und sein Staatssekretär sahen im Konkordat einen Erfolg ihrer Diplomatie, die so den Bestand der Bekenntnisschule und katholischer Vereine gesichert habe. Trotzdem hat Eugenio Pacelli seine Notiz vom 1. April 1933 mehrfach eingeholt, nicht erst durch Rolf Hochhuths Drama "Der Stellvertreter", das Pius XII. posthum Schweigen zum Holocaust vorwarf. Im Oktober 1943, zehn Jahre nach seiner Notiz, musste Pius XII. in Rom der Deportation von über 1000 Juden zusehen, weil "sich der Vorgang sozusagen unter den Fenstern des Papstes abgespielt hat". So formulierte es ein weltlicher Diplomat, der deutsche Botschafter beim Vatikan Ernst von Weizsäcker, in einem Telegramm nach Berlin, um weitere Deportationen abzuwenden. Auch da versagte die Diplomatie: Der Vorgang landete auf dem Schreibtisch von Adolf Eichmann, der ihn seinem Chef zu lesen gab und zu den Akten legte. Das berichtet Klaus Kühlwein, Dozent am Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg, in seinem Buch "Warum der Papst schwieg".

Denkbar war ein Abbruch der Beziehungen in Berlin

Den gleichen Vorgang schildert auch Hubert Wolf, Kirchenhistoriker an der Universität Münster, in seinem nach den Kirchenakten gearbeiteten Buch "Papst & Teufel", das noch eingehender über das innervatikanische Tauziehen um Reden oder Schweigen zur Judenverfolgung berichtet. Wolf stützt sich dabei auf die seit 2006 freigegebenen Akten aus dem Geheimarchiv des Vatikans bis 1939, während Kühlwein für die folgenden Jahre auch Zeitzeugenberichte und Gespräche mit Kirchenleuten heranzieht, darunter dem Untersuchungsrichter im Seligsprechungsprozess von Pius XII. Anders als Wolf, der eine Gesamtdarstellung zum Verhältnis von Vatikan und Nationalsozialismus und eine Biografie der beiden Pius- Päpste noch für verfrüht hält, versucht sich Kühlwein zumindest an einem Abriss der Biografie und des Wirkens von Eugenio Pacelli im Verhältnis zum Nationalsozialismus.

Beide Autoren halten Rolf Hochhuths Anklagen für einseitig und präsentieren einen Papst, der zwischen Diplomatie und Rettungsbemühungen für die jüdische Sache geschwankt, aber keineswegs nur geschwiegen hat. Kühlwein sieht, vor allem auf mündliche Berichte von Zeitzeugen gestützt, sogar ein entschiedenes Handeln Pius' XII. nach seiner ersten Gewissheit über den beginnenden Holocaust. In seinen "römischen (Geheim-)Gesprächen" mit Josef Müller, dem späteren Mitgründer der CSU, habe Pius als Mittelsmann des deutschen Widerstands zu den Alliierten fungiert und nach den Judendeportationen in Rom Kirchenasyl für verfolgte Juden angeordnet. Akten dazu wird man wohl erst in den noch verschlossenen Archivalien nach 1939 suchen müssen.

Auch seinen Rücktritt soll Pius XII vorbereitet haben

Die vorhandenen Akten jedenfalls zeigen einen Papst, der sich und anderen immer wieder die Frage stellt, ob öffentliche Schritte - über die Enzyklika "Mit brennender Sorge" Pius' XI. hinaus - nicht noch schärfere Maßnahmen sowohl gegen die Juden als auch gegen die Kirche selbst bewirken würden. Denkbar war etwa ein Abbruch der diplomatischen Beziehungen oder eine Exkommunikation Hitlers; nach Kühlwein soll Pius XII. sogar aus der Ferne einen geheimen Exorzismus - eine Teufelsaustreibung - an Hitler versucht haben. Aber, schreibt Hubert Wolf, "Hitler blieb bis zu seinem Tod Mitglied der katholischen Kirche. Auch ein Teufel konnte wie der Papst katholisch sein."

Dass Pacelli über Hitler keine Illusionen hatte, ist bezeugt. Dem britischen Diplomaten Kirkpatrick sagte er schon 1933 voraus, Hitlers Macht werde ihn "in jedem Jahr extremer und immer schwieriger im Umgang machen". Trotzdem machte er sich die Devise seines Vorgängers Pius XI. zu eigen, "wenn es sich darum handeln würde, auch nur eine einzige Seele zu retten, so würden wir den Mut aufbringen, sogar mit dem Teufel in Person zu verhandeln". An diesem Mut hat es auch Pacelli nicht gefehlt - am Ende vielleicht nicht einmal an dem Mut, ihm öffentlich entgegenzutreten. Weizsäckers Warnung im Oktober 1943 vor deutschen "Konsequenzen" beantwortete Staatssekretär Maglione mit der Feststellung, der Papst werde sich, wenn er zum öffentlichen Protest gezwungen sei, "was die Konsequenzen anbelangt, der göttlichen Vorsehung anvertrauen".

Für den Fall seiner Verhaftung, berichtet Kühlwein, habe Pius XII. sogar eine Rücktrittserklärung vorbereitet und "an einem sicheren Ort hinterlegt … Pius wird nach dem Krieg das Schreiben vernichtet haben. Gefunden wurde es nicht". Das gleiche gilt für ein Protestschreiben gegen die Deportation holländischer Juden, das der Papst nach dem Zeugnis seiner Dienerin Schwester Pascalina persönlich verbrannt habe. Er habe gefürchtet, "wenn man, wie es immer heißt, hier eindringt und diese Blätter findet - und mein Protest hat einen viel schärferen Ton als der holländische -, was wird dann aus den Katholiken und Juden im deutschen Machtbereich? Nein, es ist besser ihn zu vernichten".

Für Kühlwein gilt "die Episode im Kern als glaubwürdig". Doch das könnten dann nicht einmal die Geheimakten nach 1939 erweisen. Warum der Papst schwieg, ist für beide Autoren auch so offensichtlich.

Klaus Kühlwein: Warum der Papst schwieg. Pius XII. und der Holocaust. Patmos Verlag, Düsseldorf 2008. 246 Seiten, 19,90 Euro.

Hubert Wolf: Papst & Teufel. Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich. C. H. Beck Verlag, München 2008. 360 Seiten, 24,90 Euro.

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