Leidkultur : Halbzeit bei den Berliner Autorentheatertagen

Nach Kriegsheimkehrern oder Alzheimerpatientinnen versammeln sich heute Abend die so genannten Leistungsträger zur Betriebsfeier am Deutschen Theater Berlin.

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In Sibylle Bergs Firmenhöllen-Groteske „Hauptsache Arbeit!“ lädt der Chef eines Versicherungskonzerns seine Angestellten zu einer Bootstour ein. Die Partyhighlights brachte Hasko Weber vor drei Wochen am Staatstheater Stuttgart heraus. Jetzt gastiert die Urinszenierung bei den Autorentheatertagen Berlin.

Ein klangvolles Programm hat der als Förderer zeitgenössischer Stücke und Autoren ausgewiesene DT-Intendant Ulrich Khuon für die erste Berliner Ausgabe des Festivals zusammengestellt, das während seiner Amtszeit am Hamburger Thalia Theater Kultstatus genoss und „die aufregendsten Inszenierungen deutschsprachiger Gegenwartsdramatik“ zeigen will. Münchner Kammerspiele, Wiener Burgtheater, Schauspielhaus Zürich, René Pollesch, Jossi Wieler, Dea Loher, Roland Schimmelpfennig: Dank großzügiger Unterstützung diverser Stiftungen bewegt sich Khuons Gästeliste auf dem Niveau der wichtigsten deutschsprachigen Theaterfestivals. Tatsächlich gibt es sowohl mit dem Berliner Theatertreffen (dessen Jury dieses Jahr auffallend viele zeitgenössische Stücke eingeladen hat) als auch mit dem auf Gegenwartsdramatik spezialisierten Mülheimer Pendant „Stücke“ Überschneidungen. Einer der beiden Eigenbeiträge des DT – Andreas Kriegenburgs Dea-Loher-Uraufführung „Diebe“ – startet im Mai gleich bei beiden Festivals.

Heute gehen die Autorentheatertage mit Sibylle Berg im Großen Haus und Tom Kühnels konsumanalytischem Hannoveraner Lehrstück „Die Schöpfer der Einkaufswelten“ nach Harun Farockis Dokumentarfilm in den Kammerspielen in die zweite Halbzeit. Zeit für eine Zwischenbilanz. Die erste Festival-Beobachtung lautet: Es wird viel gelitten in der Gegenwartsdramatik. Und zwar auf hohem ästhetischen Niveau. Dea Lohers Tragödie „Das letzte Feuer“ in der Regie von Andreas Kriegenburg – eine Erfolgsproduktion des Thalia-Teams, die Khuon ins DT-Repertoire übernimmt – versammelte am Eröffnungsabend auf Anne Ehrlichs Dauer-Drehbühne lauter vom Leben gebeutelte Zeitgenossen in säuberlich eingerichteten Wohnparzellen: Die Schicksale einer galgenhumortapferen Brustkrebspatientin (Susanne Wolff), eines traumatisierten Kriegsheimkehrers (Hans Löw), einer Alzheimer-Patientin (Katharina Matz), einer hypersensiblen Polizistin auf Terroristenjagd (Lisa Hagmeister) sowie eines Elternpaares (Natali Seelig und Jörg Pose), das sein Kind bei einem Verkehrsunfall verloren hat, verdichten sich zu einem erschlagenden Leidenspanorama, das bei allen guten Schauspielmomenten auf einem merkwürdig gleich bleibenden Tragikpegel vorüberzieht.

Kein Distanz-, sondern eher ein allzu plakatives Aufdringlichkeitsproblem hat dagegen David Böschs Inszenierung „Adam Geist“ vom Wiener Burgtheater – der dritte Dea-Loher-Beitrag der Autorentheatertage. Wenn die Waise Adam (Sven Dolinski) auf seinem deprimierenden Stationendrama im Rechtsradikalen-Milieu gelandet ist, singt eine kahl geschorene Teenie-Mutter mit Hakenkreuzstrümpfen Skinhead-Lieder. Zieht Adam als Soldat in den Krieg, muss man nicht lange auf „You’re in the Army now“ warten. Einzig die Schauspielerin Sarah Viktoria Frick schafft es, in diversen Rollen differenzierte Figuren zu erspielen – womit wir bei der zweiten Beobachtung wären: Schauspieler/innen wie Frick oder Birgit Minichmayr, die sich im Zürcher „Interview“ nach dem Film von Theo van Gogh unter Martin Kusejs Regie als Soapsternchen mit einem zynischen Journalisten (Sebastian Blomberg) duelliert, trösten selbst über schmalbrüstige Regieleistungen bzw. Textvorlagen hinweg.

Dritte Beobachtung: Oft sind es kleine, unspektakuläre Textformen, die Spaß machen. Zum Beispiel Martin Heckmanns’ Dresdner Theaterprolog „Zukunft für immer“, in dem drei Schauspielerinnen Privatleben, Politik und Kunst auf eine selten intelligente und unterhaltsame Art ineinander stürzen lassen. Und viertens schließlich: Es bleibt ein großes Versäumnis der Theatertreffen-Jury, Jossi Wielers Jelinek-Inszenierung „Rechnitz (Der Würgeengel)“ nicht eingeladen zu haben: Das grandiose Gastspiel der Münchner Kammerspiele hat in punkto Textarbeit, intellektueller Reflexion und Schauspiel für die Autorentheatertage, die am Samstag traditionell mit der „Langen Nacht“ enden, Maßstäbe gesetzt.

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