Leipziger Buchmesse : Noch nie habe ich so viel gelacht

Zaubermittel schwarzer Humor: Ana Novac berichtet vom Überleben im Konzentrationslager.

Nicole Henneberg

Immer wieder fragt man sich, woher ein junges Mädchen die Kraft nahm, mitten in der Hölle so dicht und konzentriert zu erzählen. Denn Ana Novac schrieb, müde und ausgehungert, auf der Pritsche die Nächte durch. „Die schönen Tage meiner Jugend“ hat sie ihre Aufzeichnungen genannt. Hunderte von Schnipseln und drei Hefte waren es einmal. Nur eines von ihnen konnte sie retten. Im Lager Plaszow bei Krakau begann sie zu schreiben; es war ihre zweite Station nach Auschwitz, wo sie im Sommer 1944 ankam. Damals hieß sie noch Zimra Harsanyi und war die zarte, behütete Tochter eines ungarischen Rechtsanwaltes.

Wann genau sie im siebenbürgischen Dej (Rumänien) geboren wurde, lässt sich nicht mehr feststellen – dem Verlag zufolge 1929. Doch verzeichnen die Listen heimgekehrter Häftlinge die Daten 1924 und 1925. Sie selbst, heute in Paris zu Hause, weiß es nicht mehr genau, und nach fünf Identitäten ist es ihr auch egal. Die Art ihres Erzählens legt allerdings nahe, dass sie wirklich sehr jung war. Die Ereignisse ringsum beurteilt sie mit der furchtlosen Rigorosität einer Heranwachsenden und hat nach Meinung ihrer Mitgefangenen lauter „unpassende Ideen“.

Ana Novac hat ihre Eltern verloren und ist von Fremden umgeben, die ihr jedes Stück Brot und jedes Kleidungsstück neiden. Sie hat keine Zeit zum Nachdenken: In der Frauenbaracke wird intrigiert und gestohlen. Die Aufseherinnen hetzen ihren „Hofstaat“ auf die Frauen, und jede der 700 kämpft gegen jede. Die Erzählerin ist fasziniert von den Eigenheiten dieser Frauen und beobachtet ihre Kämpfe mit Chronistenblick, manchmal feixt sie auch. Sie war eine „Göre, die auf der Lagerstraße herumlungert und sich verblüfft sagt: Sieh einer an, da bist du also an einer Vernichtungsstätte!“, wie die Autorin im Vorwort schreibt. So schrecklich dieses Abenteuer ist – sie will es verstehen und auskosten. Darin gleicht sie dem jüdischen Jungen in Imre Kertész’ „Roman eines Schicksallosen“. Nur will sie sich nicht als „guter Häftling“ bewähren, sondern nimmt ihre ganze Wut zusammen, um das Lagersystem auszutricksen.

„Die schönen Tage meiner Jugend“ erschien 1966 zunächst in Ungarn, 1968 auf der Grundlage einer stark poetisierenden rumänischen Version auf Französisch und 1967 ohne große Resonanz in Deutschland. Die neue Übersetzung beruht auf einer von Ana Novac korrigierten Fassung. Sie könnte eine Schwester von Tzili sein, dem listigen Waisenkind aus Aharon Appelfelds gleichnamigem Roman, das überall Schlupflöcher findet. Sie flüchtet in ihr Tagebuch, das nicht nur vom Hunger und der Angst ablenkt, sondern ihre eigene Stimme bewahrt.

Das Notieren wird zu einer zweiten Haut, die „vielleicht verhindert, dass alles übrige auseinanderfällt“. Die Originalnotizen, entstanden von Juni bis September/Oktober 1944, wurden verschiedentlich überarbeitet. Einmal spricht sie von „Endlösung“ – was eine 15-Jährige damals sicher nicht tat, und sie verwechselt manchmal Orte. Doch die frische Unmittelbarkeit ihrer Beobachtungen ist geblieben, ein spöttischer, liebevoller und genauer Blick auf den Alltag in den Baracken, im Kleidermagazin, beim Arbeitseinsatz.

Sie schildert, wie sich die Qualen der nächtelangen Appelle anfühlen, wenn Hunderte von Frauen zu einem einzigen hustenden und zitternden Riesending werden, und das lautlose Sterben während der Transporte. Brüderlichkeit ist selten – aber jeder dieser Momente ist kostbar, und sie vergisst keinen. Das Zaubermittel, das sie für sich entdeckt hat, um Trauer und Mutlosigkeit immer wieder in bissige Energie umzuwandeln, ist der schwarze Humor: „Noch nie habe ich soviel gelacht wie im Lager“, bekennt sie. „Vielleicht ist es Hysterie, wie auf Beerdigungen. Aber wahr ist auch, dass man keine Wahl hat, denn die Tränen trocknen zuerst.“

Als sie und ihre Freundin Sophie knapp der Selektion entgangen sind und sich auf der Lagerstraße umarmen, muss sie lachen: Was kann komischer aussehen als zwei sich umklammernde, kahl geschorene Nackte? Noch in der größten Bedrängnis gelingen ihr groteske Bilder. Den sadistischen Kommandanten des Lagers Plaszow lässt sie als keuchenden Wal mit dicken Hängebrüsten auftreten, dessen Kopf einem „nackten, glatten Arsch“ gleicht; als „Ästhet“ liebt er Hinrichtungen und lässt sie beim Appell vollziehen – so entsteht das „Lokalkolorit“ von Plaszow. Verzweifeln lassen sie nur Grausamkeiten: Das dumme Gesicht einer jungen Aufseherin, die mit dem Fahrrad kichernd über einen Schwerverletzten fährt, wird ihr Albtraumbild.

Das Tagebuch endet im „Bilderbuchlager“ Wiesau, wo sie ohne ihr Zubrot als Lagerdichterin verhungert wäre. Zu schreiben hört sie erst auf, als sie an Typhus erkrankt. Bis Julika, „das Phänomen“, im Krankenrevier Balladen von François Villon rezitiert und die Todkranke beschließt, weiterzuleben – „weil es wirklich dumm wäre, ein Leben loszulassen, in dem es solche Nächte gibt“.

Das gerettete Heft übrigens hatte sie einem Lagerkapo abgeschwatzt, der von ihrem Überlebenswillen beeindruckt war: „Wärst du ein Pferd, würde ich auf dich wetten“, sagt er. Die Bemerkung, erinnert sie sich, sei das Beste gewesen, was sie im Lager erlebt habe.


Ana Novac: Die schönen Tage meiner Jugend. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer.
Schöffling Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
320 Seiten, 19,90 €.

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