LESESTOFF : Christoph Scheurle: Die deutschen Kanzler im Fernsehen

Michael Rösener

Christoph Scheurle: Die deutschen Kanzler im Fernsehen. Theatrale Darstellungsstrategien von Politikern im Schlüsselmedium der Nachkriegsgeschichte. Transcript Verlag, Bielefeld 2009. 241 Seiten, 25,80 Euro.

Das Wort vom „politischen Theater“ ist aus der öffentlichen Wahrnehmung von Politik und Politikern nicht wegzudenken. Der Dramaturg und Schauspieler Christoph Scheurle versucht, diesem Gemeinplatz eine sachliche Basis zu geben: Er hat aus theaterwissenschaftlicher Perspektive die Formen der Selbstdarstellung von Bundeskanzlern in der Vergangenheit untersucht. Dafür dienen ihm etablierte Fernsehformate wie Wahlwerbespots und TV-Duelle als Material, um das Medienverhalten der, wie er sie nennt, „Kanzlerdarsteller“ zu analysieren. Fern von kulturkritischer Medienschelte weist Scheurle darauf hin, dass theatrale Darstellung in der politischen Präsentation nicht mit Unehrlichkeit verwechselt werden dürfe. Vielmehr befänden sich Bundeskanzler in einer Rolle, die sowohl durch das mediale Umfeld wie auch durch die Erwartungen der Fernsehzuschauer von strengen Konventionen geprägt sei. In diesem engen Rahmen seien die Kanzler gezwungen, die Rolle individuell zu definieren, zu gestalten und von der Interpretation ihres Vorgängers abzugrenzen. Ziel sei es dabei, die eigene Kanzlerfähigkeit herauszustellen. So analysiert Scheurle zum Beispiel das ungleiche Auftreten des offensiv experimentierfreudigen Medienkanzlers Schröder mit der betont sachlichen Merkel. Scheurle bewertet diese Darstellungsstrategien nicht, sondern dokumentiert, dass sich beide als individuelle Ausgestaltungen der Rolle „Bundeskanzler“ beschreiben lassen. Bisweilen wirkt Scheurles Studie sehr akademisch, vor allem wenn sich der Leser durch die theaterwissenschaftlichen Grundlagendebatten im ersten Teil hindurchkämpfen muss. Doch die Mühe wird belohnt durch eine fundierte Grundlage, die sich für alle empfiehlt, die das Medienspektakel dieser Bundestagswahl jenseits der üblichen Binsenwahrheiten begreifen wollen. Michael Rösener

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