Lesung : Jon Savage: Goldgräber der Popkultur

Jon Savage liest aus seinem Buch "Teenage". Die Erfindung der Jugend. Er hat sich auf die Suche nach den Ursprüngen von Jugendkultur begeben.

Patricia Wolf
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Jugendkulturerforscher. Jon Savage.Foto: promo

Prima eingestimmt wird der Besucher im Festaal Kreuzberg mit Nirvanas "Smells like teen spirit“, "Teenage kicks" von den Undertones oder auch "Sound of silver" von LCD Soundsystem – passend zum Buch "Teenage – die Erfindung der Jugend“, aus dem Jon Savage lesen wird. Doch erstmal entschuldigt der Autor sich präventiv für das, was da kommen möge. Er und seine deutsche Übersetzerin Conny Lösch seien als Multimediashow angekündigt, und dass, wo sie doch beide absolute Technikidioten seien. Der Kulturwissenschaftler Jon Savage, ein sympathischer Mann von 55 Jahren, ist bekannt geworden durch seine definitive Chronik des britischen Punk "Englands Dreaming“. An diesem Abend will er sein im Herbst erschienenes Buch vorstellen. Darin hat er sich auf die Suche begeben nach den Ursprüngen von Jugendkultur.

Zuvor standen sieben Jahre Recherche, sein Material: Bücher und Filme, Radioreportagen, Gerichtsurteile, Modekataloge und Augenzeugenberichte. Und die beiden auf der Bühne kommen gut mit ihrem Arbeitsgerät zurecht, zeigen Fotos und Filmausschnitte, spielen Songs ein. Jon Savage beginnt, wie in seinem Buch "Teenage. Die Erfindung der Jugend“ mit dem "idealen Teenager“, den er durch Marie Bashkirtseff verkörpert sah – schön, jung, reich, belesen. Marie wurde berühmt, weil sie erstmalig in einem Tagebuch Einblick gewährte in die Seele einer jungen Frau.

Ihr Gegenpol ist Jesse Pomeroy, ein brutaler Massenmörder, 14 Jahre, arm und hässlich. Von ihm erzählt Jon an dem Tag nach dem Amoklauf, bei dem ein 17 Jähriger 15 Menschen und sich selbst tötete. Schon immer war Jugend aufgeladen mit den Wünschen und Ängsten der Erwachsenen, schon immer diente sie als ideale Projektionsfläche. Und weil Jugend formbar ist, wurde sie schon immer nach Kräften gedrillt und geknechtet. Dabei gehört es zu ihrer Natur, aufzubegehren, sich zu widersetzen. Welche mitunter skurrilen, gleichsam faszinierenden Formen das hervorbringen kann, davon gibt Savage in seinen Beispielen auf unterhaltsame Weise Auskunft. Weil er sein herrlich artikuliertes Cambridge-Englisch spricht, geht auch nichts verloren und wer nicht alles versteht, kann Conny Lösch zuhören, die zwischendurch immer Passagen aus der deutschen Übersetzung liest.

Die Etablierung des Begriffs "Teenager" - Savage illustriert sie auf amüsante Art

Amüsant und klar illustriert Savage eine Entwicklung, an deren Abschluss die Etablierung des Begriffs Teenager stand. Er nimmt seine Zuhörer mit auf die Reise, deren Stationen etwa Wandervögel und Pfadfindern auf der Suche nach dem Naturerlebnis sind, er erzählt von Sheiks und Flappern, weiblichen Vorkämpferinnen einer neuen Sexualmoral, denen F. Scott Fitzgerald in seinem Roman "Diesseits vom Paradies“ ein Denkmal setzte. Am Beispiel der Bright young people lässt er die vergnügungssüchtigen Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts aufleben. Er zitiert Sebastian Haffner, einen anderen großen Chronisten dieser Zeit, der von einem Berlin erzählt, das in den Zwanziger Jahren zur Sexmetropole avanciert war.

Am Ende spielt Savage einen Song von 1939, darin singt Judy Garland davon, wie es ist, zu jung für Jungs und zu alt für Spielzeug zu sein. Ich bin kein Kind, ich bin keine Erwachsene – ich bin "In between“ – ein Lied, das erste laut Savage, das erzählt, wie es ist, ein Teenager zu sein.

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