"L'Innocente" : Sohneshass, Mutterhiebe

Lucie Ceccaldi rechnet in dem Buch "L’Innocente" mit ihrem Sprössling Michel Houellebecq ab.

Hans-Hagen Bremer

Mit einem vernehmbaren Aufatmen „über diesen großen, befreienden Moment“ hatte Michel Houellebecq den Tod seiner Mutter verkündet. Nun schlägt die angeblich Verstorbene, die trotz ihrer 83 Jahre putzmunter auf der französischen Insel La Réunion im Indischen Ozean lebt, zurück. In einer der Obszönität ihres Sohnes durchaus ebenbürtigen Sprache nennt sie diesen einen „Lügner, Betrüger und Parasiten“. Sollte es das „miese Arschloch“ noch einmal wagen, ihren Namen in einem seiner Bücher zu nennen, werde sie ihm „die Fresse einschlagen, dass ihm alle Zähne ausfallen“, droht Lucie Ceccaldi.

Der Zorn, mit dem die Mutter auf den 1998 erschienenen, in über zwanzig Sprachen übersetzten und inzwischen von Oskar Roehler verfilmten Roman „Elementarteilchen“ ihres Sohnes reagiert, ist das Ereignis dieses Frühjahrs auf dem Pariser Büchermarkt. Weniger wegen literarischer Qualitäten erregt das letzte Woche mit dem Titel „L’Innocente“ (Die Unschuldige) im Verlag Scali (413 Seiten, 19,90 €) erschienene Buch Aufsehen. Nach denen sucht der Leser vergeblich. Es ist vielmehr die Abrechnung, mit der sie im Nachwort dem „Individuum, das aus meinem Bauch hervorkam“, den in „Elementarteilchen“ begangenen Muttermord heimzahlt. Mit seinem Buch in der Hand, steht schon auf der Bauchbinde, solle sich Houellebecq öffentlich bei ihr entschuldigen: „Je demande pardon.“

In dem Bestseller hatte Houellebecq eine egoistische, lieblose Frau der 68erGeneration als Mutter der Halbbrüder Bruno und Michel dargestellt. Ihre mütterlichen Aufgaben vernachlässigt sie gegenüber ihrem Wunsch nach persönlicher Freiheit und sexueller Selbstverwirklichung. Die Kinder übergibt sie den Großeltern. Während beide Eltern, bald getrennt, ihrer eigenen Wege gehen und die Mutter sich in Hippie-Kreisen austobt, erleben die beiden Jungen eine Kindheit voller Kälte, die sie für ihr Leben prägt. Eine „alte Schlampe“ nennt Bruno am Ende des Romans die sterbende Mutter: „Du verdienst es zu verrecken.“

Wen Houllebecq damit treffen wollte, unterliegt keinem Zweifel. Der Frau im Roman hatte er den Mädchennamen seiner in Algerien geborenen Mutter gegeben. Sie studierte Medizin, heiratete, brachte den Sohn Michel zur Welt, ließ diesen aber im Alter von fünf Monaten ebenso wie die später geborene Halbschwester bei den Großeltern, während sie mit ihrem Mann, einem Hochgebirgsführer, im 2CV durch Afrika kutschierte. Nach der Scheidung praktizierte sie als Ärztin auf La Réunion, wo sie heute in einer Hütte ohne elektrischen Strom haust.

Aus Dankbarkeit für die Fürsorge, die Michel bei der Großmutter väterlicherseits erfuhr, nahm er deren Mädchennamen Houellebecq an. In zahlreichen Interviews beschrieb er später den „fundamentalen psychischen Schaden“, den die Mutter ihm zugefügt habe.

Das will Lucie Ceccaldi nicht auf sich sitzen lassen. Sie habe ihn doch als Baby gewickelt, liebkost und auf ihren Armen gewiegt, beschwert sie sich. Den Hass auf die Mutter habe ihm die Großmutter eingeträufelt. Zum endgültigen Bruch sei es während des ersten Golfkriegs 1991 gekommen, als Houellebecq bei einem Treffen in Paris den Islam als „Idiotenreligion“ geschmäht und den Arabern „Tod durch Verbrennen“ gewünscht habe.

Den Anstoß zu dem Rechtfertigungsbuch gab der Journalist Denis Demonpion, der 2006 über Houellebecq eine „nicht autorisierte Biografie“ veröffentlichte. Darin warf er diesem vor,seine Lebensgeschichte wie einen Roman redigiert zu haben. Selbst bei seiner Altersangabe habe der heute 52-Jährige zwei Jahre unterschlagen, was auch die Mutter dem „eitlen Emporkömmling“ vorhält.

Ihr Manuskript hatten drei Verlage abgelehnt, weil es zu wenig über den Skandalautor enthalte. Der vierte setzte dann das Nachwort mit der Sohn-Beschimpfung durch. Ceccaldi scheint das inzwischen zu bedauern. „Das Buch ist der Ruf einer Mutter nach ihrem Sohn“, sagte sie der Literaturzeitschrift „Lire“, „wäre es nach mir gegangen, wäre es ohne Nachwort erschienen.“

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