Literatur BETRIEB : Der große Bücherherbst

Gerrit Bartels wundert sich über den Missmut eines Kollegen. Jammern, dass der Bücherherbst doch nicht so groß war, kann man hinterher immer noch.

Gerrit Bartels

Der kommende Bücherherbst wird ein ganz, ganz großer werden! Das muss er auch, denn der vergangene Bücherfrühling war eher durchwachsen, genau wie der Bücherherbst davor. Und schließlich gibt es nichts Schöneres als die stetig wiederkehrende Vorfreude auf eine neue Büchersaison, auf die neuen Romane von Norbert Gstrein, Uwe Tellkamp, Ingo Schulze, Uwe Timm, Dietmar Dath oder Franziska Sparr, um nur einige zu nennen, oder auf die vielen türkischen Titel, die im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse mit ihrem Gastland Türkei erscheinen. Ja, man ist sogar (zumindest ein ganz klein bisschen) gespannt darauf, wie Günter Grass seine Autobiografie weiterschreibt.

Verwunderlich ist in diesem Zusammenhang, wenn der große, verdiente Literaturchef einer großen, verdienten Wochenzeitung in dieser schon vorab stöhnt über den kommenden Bücherherbst und ein Klagelied darüber anstimmt, dass die Verlage zu viel Entbehrliches veröffentlichten. Das weiß er schon beim bloßen Blick in die Verlagsprogramme, da schreibt er den Verlagen einmal mehr in ihr Stammbuch, sie produzierten „allzu oft Bücher, denen es an irgendeiner Notwendigkeit aus literarischen oder sachlichen Gründen völlig mangelt.“

Eine merkwürdige Freudlosigkeit am eigenen Gewerbe schwingt da mit, durchsetzt mit dem notorisch kulturpessimistischen Wehklagen über das sich immer schneller drehende Bücherkarussell und mit typischen Erhobene-ZeigefingerFiguren wie „Notwendigkeit“, „Dauerhaftigkeit“, „das gute Alte“, „das nicht immer gute Neue“. Da ist man sofort geneigt zu sagen: Nichts schlimmer als Bücher, denen die Notwendigkeit aus jeder Zeile springt, nichts schlimmer als Bücher, die mit jeder Zeile kundtun, für die Ewigkeit geschrieben worden zu sein.

Ächz, ächz. Nicht immer ist Notwendigkeit ein Kriterium für Qualität. Ja, selbst Quatschbücher wie „Generation Umhängetasche“ haben ihre Berechtigung, wenn sich darin tatsächlich ein paar hundert Leute wiederfinden sollten. Oder der neue Lehmann-Roman von Sven Regener, der ohne diese Ansprüche auskommt, aber die jüngere Vergangenheit der Vorwende-Bundesrepublik gekonnt und unterhaltsam abbildet.

Und immer diese schön deutsche Sehnsucht nach dem großen, genialischen Werk, das bestehen kann neben den Flauberts, Prousts, Brochs, und Manns von ehedem. Ach, die armen Gstreins, Timms und Tellkamps, wie blass sie dagegen wirken. Wie schön, dass sie es trotzdem wagen, Bücher zu schreiben, Werke zu schaffen. Ja, dieser Bücherherbst wird ein ganz, ganz großer! Jammern, dass er doch nicht so groß war, kann man hinterher immer noch.

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