Literatur BETRIEB : Der große Trennungsschmerz

Gerrit Bartels über das Stühlerücken bei deutschen Verlagshäusern.

Gerrit Bartels

Wenn es um wichtige Personalien geht, lässt sich das Verlagswesen gut mit dem menschlichen Beziehungs- und Liebesleben vergleichen: Verlassen und verlassen werden ist gleich unschön, doch wer schon einen neuen Partner hat, leidet weniger. Als sich Ende des letzten Jahres der zum schwedischen Medienkonzern Bonnier gehörende Piper Verlag und sein Verlagsleiter Wolfgang Ferchl trennten, hatte Piper gleich einen Nachfolger für Ferchl parat: Marcel Hartges vom Kölner Verlag DuMont. Hartges hatte dort drei Jahre erfolgreich gearbeitet, und von schlimmen Beziehungskrisen war bis zu seiner Abwerbung wenig zu hören gewesen.

Insofern verwundert es nicht, dass Hartges’ Stelle bei DuMont weiter vakant ist und der Verlag sich schwertut, einen Nachfolger zu präsentieren. Was wohl auch damit zu tun hat, dass es in Deutschland nicht so viele fähige Verlagsspitzenkräfte gibt, solche, die mit Leib und Seele, also einer Leidenschaft und einer Spürnase für Bücher, genauso ausgestattet sind wie mit ökonomischer Weit- und Umsicht. Bis heute hat etwa Michael Krüger keinen geeigneten Nachfolger für sich beim Hanser Verlag gefunden. Und die potenziellen Thronfolger, die Siegfried Unseld zu Lebzeiten verschlissen und, wie man im Nachhinein weiß: irrtümlicherweise nicht für gut genug für Suhrkamp befunden hat, sind fast Legion: seinen Sohn Joachim (heute FVA), Gottfried Honnefelder (später bei DuMont, heute Börsenvereinsvorsteher und Berlin University Press Verleger), Thedel von Wallmoden (heute Wallstein), Arnulf Conradi (Gründer des Berlin Verlags), Günter Berg (der nach Unselds Tod zu Hoffmann & Campe wechselte).

Da passt es gut, dass als Hartges-Nachfolger gern auch mal der Ex von Piper, Wolfgang Ferchl, ins Spiel gebracht wird und kaum ein Angehöriger des Literaturbetriebs das für abwegig hält. Das hätte was von dem legendären Trainertausch, der 1977 in der Bundesliga vorgenommen wurde: Damals wechselte Gyula Lorant von Eintracht Frankfurt zu Bayern München und im Gegenzug ging Bayern Münchens Trainer Dettmar Cramer zu Eintracht Frankfurt. Auch nicht abwegig ist das Gerücht, das sich seit der Leipziger Buchmesse hält: Dass Joachim Unseld der Nachfolger von Hartges und seine Frankfurter Verlagsanstalt (FVA) ein Imprint von DuMont wird. Das wäre das Modell Klett–Cotta/Tropen, das 2007 gefunden wurde, als die jungen Verleger Michael Zöllner und Tom Kraushaar als Verlagsleiter zu Klett–Cotta nach Stuttgart gelockt wurden und ihren Tropen Verlag mitnehmen durften.

Unseld zu DuMont, das passt auch deshalb, weil Joachim Unseld mit „Reise zu Lena“ gerade den ersten Roman des 82-jährigen Verlegertycoons Alfred Neven DuMont veröffentlicht hat, zu dessen Unternehmensgruppe M. DuMont Schauberg eben auch der DuMont Literatur und Kunst Verlag gehört.

Im Gegensatz zu DuMont schien der Eichborn Verlag in Frankfurt eine schnelle (und gute) Lösung gefunden zu haben, als er Anfang des Jahres für die mit ihrer Verlagsgründung Galiani zum KiWi-Verlag abgewanderten Wolfgang Hörner und Esther Kormann in Laurenz Bolliger vom Berlin Verlag einen neuen Leiter für die Eichborn-Literaturabteilung präsentierte. Auch das erinnerte an den Klett–Cotta-Tropen-Deal, dieses Mal in personeller Hinsicht: ein junger, aufsteigender, leidenschaftlicher Verlagsmann, der beim (um diesen Weggang sehr betrübten) Berlin Verlag für das Taschenbuchprogramm zuständig war und auch neue Autoren entdeckte. Und ein Verlag mit Tradition, der neue Impulse braucht und das Risiko einzugehen bereit ist, einem Jungen das literarische Programm anzuvertrauen.

Nun hört man jedoch an der Klatschbörse, dass Eichborn und Bolliger, der im Mai anfangen sollte, doch nicht zusammenkommen. Das hieße für Eichborn, von vorn mit der Suche anzufangen. Und auch dass die Trennung von Hörner weiterhin heftig schmerzt. Nicht zuletzt, weil eine Reihe von zugkräftigen Eichborn-Autoren mit ihrem Verleger mitgegangen sind. Unter anderem Jenny Erpenbeck, von der im ersten Galiani-Programm im Herbst ein neues Buch erscheint: „Dinge, die verschwinden.“

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