Literatur : Die Aufhebung des Daseins

Carl-Henning Wijkmark sucht in seinem Roman "Nahende Nacht" nach dem perfekten Abgang.

Volker Sielaff

Schon einmal hat sich Carl-Henning Wijkmark ausführlich mit dem Tod beschäftigt. In seiner 2001 im kleinen Berliner Gemini-Verlag erschienenen Satire „Der moderne Tod – Vom Ende der Humanität“ berichtet er von einem fiktiven Symposium, dessen Teilnehmer Vorschläge gegen die fortschreitende Überalterung der Gesellschaft erarbeiten sollen. Eine effiziente Lösung des Problems scheint schnell auf dem Tisch, als es heißt: „Wir brauchen Tote, um es ganz brutal zu sagen.“ Doch wie ließe sich die krude Idee in der Praxis umsetzen?

„Sozialverträgliches Frühableben“ nannte ein deutscher Ärztekammerpräsident zynisch, was Wijkmark seine sinistre Runde da aushecken ließ – und brachte es damit zu zweifelhaftem Ruhm. Die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ ernannte seine Formulierung 1998 zum „Unwort des Jahres“, gleichauf mit sprachlichen Verharmlosungen wie „Ethnische Säuberung“, „Diätenanpassung“ und „Rentnerschwemme“.

Der Tod hat den schwedischen Autor nicht losgelassen, auch wenn Wijkmark sich einer wohl unlösbaren Aufgabe verschrieben hat, deren Antithese er in seinem Buch gleich miterzählt: „In Schweden werfen wir uns gerne vor, dass wir nicht über den Tod sprechen wollen. Aber das ist bestimmt der kleinste unserer Fehler, und zu unserer Verteidigung muss man wohl sagen, dass es leicht ist über den Tod zu fantasieren, aber schwer, etwas Wesentliches vorzubringen, bevor man ihn selbst erlebt hat, und danach ist man verhindert.“ Aber genau das – über den Tod zu sprechen – hat sich Carl-Henning Wijkmark in seinem neuen Roman vorgenommen.

„Nahende Nacht“ ist ein eminent philosophisches Buch, das, indem es über den Tod sprechen will, unweigerlich über das Leben sprechen muss. Man kann den Gedanken freilich auch umdrehen und sagen, dass ein Buch über das Leben dessen Verschwinden einbeziehen muss. So ist Wijkmarks in der ersten Person erzählter Roman beides und nur scheinbar zweimal dasselbe: ein Buch über einen Sterbenden, der eher nebenbei seinen rapiden körperlichen Verfall registriert. Und ein Buch über einen Sterbenden, der beschlossen hat, den „Todesaugenblick“, wie es in Anlehnung an eine Formulierung in Tolstois Erzählung „Sewastopol im Mai“ heißt, für sich zu verlängern.

Man kann „Nahende Nacht“, das zweite Buch Wijkmarks bei Matthes & Seitz (bis zum Tod der Verlegerin Diana Kempff im November 2005 erschienen dessen deutsche Ausgaben bei Gemini), als Antwort des Autors auf dessen eigenes Buch vom „modernen Tod“ lesen, diesen ein wenig holzschnittartigen Parforceritt einer hoffnungslos zynischen Expertenkaste. Deren Rolle übernimmt in seinem neuesten Roman der kaum von seinem Laptop aufblickende, statistikverliebte Dr. Möller, ein zeitgenössischer Frankenstein, dem zuweilen ein ebenso schemenhaft bleibender „Mann in der gelben Lederjacke“ sekundiert, der mit seinem taxierenden Blick offenbar nur dafür zuständig ist, möglichst viele Zimmer des Sterbehospizes, in dem der Ich-Erzähler Hasse seine letzten Tage verbringt, so schnell wie möglich wieder zu schließen.

Diesen negativen Gestalten scheint der Autor indes nicht allzu viel abgewinnen zu können, sie tauchen nur als Boten einer Schattenwelt auf, die zu betreten sein Protagonist zögert. Denn Hasse, so sein Name, fühlt sich hin- und hergerissen „zwischen diesen beiden Polen: endlich die große Stille nach allem Lärm, und auf der anderen Seite ein nicht zu bezähmendes Grauen vor der Auslöschung, nie mehr zu sehen und zu erleben.“

Vom „Gleiten in das Sein“ ist, fast heideggersch, an anderer Stelle die Rede, wenn es dem Autor um den „vollkommenen Augenblick“ geht, um das „Leben als solches“, das für seinen Protagonisten, da gibt dieser sich keiner Illusion hin, einzigartig und unwiederholbar ist. Was er umgehend bedauert: „Nicht das Leben bin ich leid, sondern mich, und ich würde mit Freuden eine neue Identität annehmen. Doch das ist nicht vorgesehen, man bekommt keine zweite Chance. Verbrauchen und wegwerfen.“

Philosophisch kommt das Buch an seinen heißen Punkt, wenn nach dem Sinn all unserer angehäuften Erinnerungen, Erfahrungen und Gedanken gefragt wird und wenn der Erzähler etwa darüber reflektiert, dass die anderen sowieso nur „einen Bruchteil Kenntnis“ von einem selber erhalten könnten und auch „was man selber überblickt“, bei Weitem nicht alles ist: „Und dann, schwupps, ist es fort. Der menschliche Tod, welch eine Verschwendung trotz allem.“ Dass es möglich ist, noch im letzten Augenblick der Verschwendung zu frönen, zeigt eine zentrale, an Absurdität schwer zu überbietende Szene. Der sterbende Hasse, ein in seinem Leben wenig erfolgreicher Theatermann, nennt das Ereignis denn auch sarkastisch „Party für Angela“. Mit einem Fressgelage, das von der verständnisvollen Krankenschwester arrangiert wird, treten Hasses Zimmergenossen Harry und Börje von der Bühne ab. Sie wissen, dass dieses Festmahl sie umbringen wird, aber genau so wollen sie es haben. Nicht als „Sterbehilfe“ von der Hand eines anderen, „der einen kaum kennt“, sondern zu einem von ihnen selbst gewählten Zeitpunkt: „Es war schön, sie so zu sehen. Ich gönnte ihnen einen solchen perfekten Abgang.“

Wenn Georges Batailles großer philosophischer Text „Die Aufhebung der Ökonomie“, der sich der Idee der Verschwendung und ihren ökonomischen, politischen, ja metaphysischen Intentionen widmet, noch eines literarischen Pendants bedürfte, hier ist es. Mehr als ein Buch über das Sterben ist „Nahende Nacht“ somit ein Buch über die Freiheit des Lebens. Eines, das, indem es die Autonomie des Einzelnen verteidigt, sich gegen alle Bestrebungen einer bis ins Letzte durchorganisierten Gesellschaft richtet, ihn dieser Autonomie zu berauben.

Die Religion kommt in diesem Szenario nicht eben gut weg. Geistliche haben es schwer gegenüber der sarkastisch gestimmten Besetzung dieses Endspiels. Noch die letzten Fragen werden in Wijkmarks Buch mit souveräner Ironie abgehandelt, etwa wenn der kranke Börje eine Wette auf das ewige Leben vorschlägt: „Aber mein Problem ist doch nicht die Existenz Gottes, an die habe ich immer geglaubt. Die Frage ist doch, ob er an mich glaubt und mir ewiges Leben schenkt. Die Wette interessiert mich.“

Auch Hasse, der Trost und Ablenkung mehr in Büchern als bei der Religion sucht, zieht dem Besuch eines Pfarrers den eines talentierten Künstlers vor, der ihn für eine Ausstellung im Theaterfoyer porträtieren möchte. Eine griechische Skulptur der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter aus Kyrene in Nordafrika wird für ihn zum „besten Bild vom Tod“, „es sagte mir mehr als Mumien und Totentänze und grinsende Schädel. Es war der Kreislauf der Natur, der mit derselben kühlen Gleichgültigkeit Leben schenkt und auslöscht. Dieses Gesicht ohne Züge, es war der Augenblick des Todes, die Begegnung mit dem Blindfenster, während einen die schrillen christlichen Vanitasbilder vor allem zu Zerknirschung und Ergebenheit einschüchtern wollten.“

In diesem Zitat wird das Gegenprogramm des 1934 in Stockholm geborenen Carl-Henning Wijkmark deutlich. „Nahende Nacht“ ist das große Buch eines noch zu wenig bekannten europäischen Erzählers von Rang, ein Antizerknirschungsmanifest reinsten Wassers und ein Endspiel, das dem Leser das Leben und seine Verletzlichkeit vor Augen führt und ihn, bei aller kühlen Eleganz des Stils, nicht kalt lässt.

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