Literatur : Geld allein macht nicht unglücklich

Das Leben, eine Seifenoper: Johannes Willms porträtiert Honoré de Balzac als Genie und Aufschneider.

Christian Schröder
Balzac
Moi, Honoré. Balzac, napoleonisch. -Foto: picture alliance/maxppp

Dies ist kein Leben, es ist ein Roman. Mit 19 Jahren sitzt der Held in einer ärmlichen Mansarde am Rande des Marais in Paris, blickt zwischen den lockeren Dachziegeln in den Himmel und träumt vom Ruhm. „Mich plagt keine andere Unruhe als das Verlangen aufzusteigen“, schreibt er in einem Brief. Die Dachgeschoßbehausung wird von den Eltern finanziert, der Sohn soll zwei Jahre Gelegenheit haben, sein Talent zum Schriftsteller zu beweisen. Was er zu Papier bringt, ist ein schwärmerisches Langgedicht über den britischen Revolutionär Cromwell und eine Hand voll Groschenromane, für die er sich später schämen wird.

Es dauert lange, bis Honoré de Balzac sich Geltung verschaffen kann. Mit Anfang 30 veröffentlicht er seine ersten Werke, über die die Kritiker nicht mehr spotten. Ein paar Jahre später ist Balzac eine Berühmtheit, seine Romane werden von Brüssel bis St. Petersburg gelesen. Doch Lob und Ehre, die dem Schriftsteller nun zuteil werden, sind ihm nicht genug. Er will „über die intellektuelle Welt ganz Europas herrschen“ und sieht sich als legitimer Nachfolger seines Idols Napoleon: „Was er mit dem Schwert nicht vollendet hat, wird mir mit der Feder gelingen.“ Sein Selbstbewusstsein kennt keine Grenze, deshalb ist für ihn alles Erreichte stets eine Spur zu klein. Nichts reicht ihm, sein Ruhm nicht, nicht seine Erfolge bei den Frauen, und das Geld schon gar nicht. Balzac ist ein Genie, aber er ist auch eine lächerliche Figur.

„Balzac Existenz zerfällt in Schein und Sein“, befindet Johannes Willms in seiner angenehm kompakten und immer wieder süffig-ironischen Balzac-Biografie. Der Autor der epochalen, bei seinem Tod auf rund 120 Teile angewachsenen, aber unvollendet gebliebenen „Menschlichen Komödie“ sei ein „Meister der Täuschung und Selbsttäuschung“ gewesen. Die größte Gefahr für einen Biografen liegt darin, auf diese Täuschungen hereinzufallen. Willms, Napoleon-Biograf und Pariser Kulturkorrespondent der „Süddeutschen Zeitung“, entgeht ihr, indem er in Balzacs oft aufschneiderischen Auskünften, vor allem in den Briefen an seine Gönnerinnen und Geliebten, Dokumente einer Selbst-Mythologisierung sieht. Balzac wollte gefallen, und er brauchte ständig Kredit. So stilisiert er sich zum Arbeitstier, zum „Gefangenen, der in der Tiefe seines Verlieses von ferne eine köstlichen Frauenstimme vernimmt“, und schwelgt in Fantasien über künftige Reichtümer, für deren Erlangung er nur eines benötigt: ein bisschen Geld.

Doch mit dem Bild vom armen Dachkammerpoeten räumt diese Biographie ebenso gründlich auf wie mit Balzacs Verklärung zum prometheusartigen Geistesheroen, bei dem sich, so Stefan Zweig in seinem Balzac-Buch, „alles der souverän umformenden Willkür seines Willens unterordnet“. Für Willms ist Balzac in erster Linie ein Unternehmer und damit ein prototypischer Vertreter seiner Zeit. „Bereichert euch!“, lautete der Rat des „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe I. an seine Untertanen, und Balzac, 1799 in Tours geboren, versuchte so gut es ging, dieser Parole zu folgen.

Es ist die anbrechende Ära der Dampfmaschinen und Eisenbahnen, und auch Balzac wird gewissermaßen zum Industriellen. Eine „frenetische Produktion“, so Willms, setzt ein, der Ausstoß der Literaturfabrik Balzac ist gewaltig. Bekleidet mit einer Mönchskutte, aufgeputscht von Unmengen Kaffee, verbringt der Autor seine Nächte am Schreibtisch, schreibt bis zum Morgen 20, 30, manchmal 40 Manuskriptseiten und erschafft dabei, neben manchem Mediokren, Meisterwerke wie „Vater Goriot“, „Verlorene Illusionen“ oder „Die Frau von dreißig Jahren“. Gläubiger und Abgabetermine sitzen ihm im Nacken, seine Einnahmen verjubelt er für eine prunkvolle Lebensführung und windige Spekulationen. Er gründet Zeitschriften, betreibt zwischenzeitlich eine Druckerei mit 36 Angestellten und sucht in Sardinien vergeblich nach Silber. Alle Geschäftsideen scheitern. Balzac ist ein Dandy. Sein Verbrauch an gelben Glacéhandschuhen ist legendär, zu seinem Markenzeichen wird ein Spazierstock mit einem Knauf aus ziseliertem Gold und mit Türkisen besetzt, den er 1834 für die enorme Summe von 700 Francs in Auftrag gibt. Je bekannter er wird, umso größere Summen verschlingt seine Repräsentation, umso gewaltiger wird der Schuldenberg, desto mehr muss er schreiben. Ein Teufelskreis.

Willms attestiert Balzac eine „geradezu utopisch anmutende Maßlosigkeit“. Das gilt auch für seine literarische Produktion. 1833 hat Balzac die bahnbrechende Idee, sein gesamtes Werk unter dem Titel „Die Menschliche Komödie“ zusammenzufassen. Balzac schwebt ein „soziales Fresko“ vor, das sämtliche Aspekte des menschlichen Daseins abbilden soll. Bevölkert wird Balzacs gesellschaftliches Totalpanorama von rund 2000 Figuren. Willms erkennt in der „Menschlichen Komödie“ in erster Linie eine „erfolgversprechende Idee literarischen Marketings“. Sie erlaubt es Balzac, auch seine älteren Werke noch einmal unter einem neuen Etikett vermarkten zu können. Allerdings muss er seine Bücher fortan, um sie in das Gefüge einzupassen, immer wieder umschreiben.

Balzac war ein Maniac, im heutigen Psychojargon eine „Borderline-Existenz“. In der Liebe jagte er unerreichbaren Utopien hinterher. Die Frau seiner Träume sollte jung und schön, vor allem aber adelig und sehr reich sein. 1833 erhält er Fanpost von einer „Unbekannten“ aus der Ukraine. Bald weiß er, wer sie ist. Eveline Gräfin Hanska führt in einem Schloss bei Tschernobyl als Gattin eines 30 Jahre älteren Großgrundbesitzers ein Leben im goldenen Käfig. Balzac und die Hanska treffen sich in Neuchatel, Wien, Genf und verloben sich heimlich, nur eines stört: Der Mann ist immer dabei.

Balzac schreibt 414 Briefe an die Geliebte, diese Korrespondenz wird zu seinem Hauptwerk neben der „Menschlichen Komödie“. Er schmeichelt, barmt, spricht Liebesschwüre aus, versucht, seine Affären mit anderen Frauen herunterzuspielen. Doch auch nachdem ihr Mann 1841 stirbt, hält die Hanska Balzac noch acht Jahre hin. Ihm steht finanziell das Wasser längst bis zum Hals, „aus schierer Daseinsnot“, so Willms, unterwirft sich der Schriftsteller „geradezu hündisch“ der Gräfin. 1848 bricht er in die Ukraine auf, anderthalb Jahre lebt er im Schloss der Geliebten. Eine Art Belagerung, die mit einem Sieg endet: Am 14. März 1850 wird geheiratet. „Ich werde jetzt den strahlendsten Sommer und den angenehmsten Herbst haben, den man sich nur denken kann“, hofft der Bräutigam. Ein Irrtum. Balzac ist bereits todkrank. Mit der endlich eroberten Frau kehrt er nach Paris zurück, wo er am 18. August, gerade 51 Jahre alt, stirbt. Willms’ Biografie lässt Seifenoper und Tragödie fließend ineinander übergehen. Sie ist mitreißend erzählt und macht darüber hinaus Lust, Balzac zu lesen.

Johannes Willms: Balzac. Eine Biografie. Diogenes Verlag, Zürich 2007. 368 Seiten, 24,90 €.

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