Literatur : Ich bin deine Prophetin

Atiq Rahimi erzählt in seinem Roman „Stein der Geduld“ vom Kriegsalltag der Frauen in Afghanistan - beklemmend und bühnenreif.

Ulrike Baureithel
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Atiq Rahimi wurde 1962 in Kabul geboren und floh 1984 über Pakistan nach Frankreich. »Stein der Geduld« ist sein dritter Roman. -Foto: dpa

Afghanistan, erklärte Atiq Rahimi bei der Verleihung des Prix Goncourt im vergangenen Jahr, symbolisiere für ihn den ganzen Terror der Welt. So lange das so bleibe, werde er nicht aufhören, darüber zu schreiben. In seinem schon in der Schulzeit entstandenen Roman „Erde und Asche“ tat er dies noch in seiner Muttersprache Dari, die für den 1962 in Kabul geborenen und 1984 mit den Eltern nach Frankreich geflüchteten Schriftsteller die Brücke zur verlorenen Heimat schlug. Mit dem nun auf deutsch erschienenen Roman „Stein der Geduld“ hat sich der Autor auch sprachlich assimiliert. Das französische Original wurde mit dem höchsten Literaturpreis des Landes ausgezeichnet.

Während Rahimi in „Erde und Asche“ ein männliches Duo, einen Großvater und seinen tauben Enkel, in den Mittelpunkt rückte, gibt er nun dem stummen weiblichen Personal eine Stimme. „Stein der Geduld“ ist die Geschichte einer afghanischen Frau, die am Krankenbett ihres bewusstlosen Mannes, eines Kriegsheroen, zu sprechen beginnt. Seit Tagen sitzt sie bei ihm, befeuchtet ihm die Augen, erneuert die Infusion, die aus Mangel an Medikamenten nur aus Wasser besteht. In der Stadt bestimmen Granateneinschläge und Schüsse den Rhythmus des Lebens, in dem kargen Haus treiben die Atemzüge des Patienten das Gebet der Frau an, und die Runden ihrer Gebetskette übernehmen die Zeitrechnung.

Als die Protagonistin am 16. Tag ihrer Sitzwache die Stimme erhebt, gibt es keinen, der sie zum Schweigen bringen könnte. Stockend zuerst, unterbrochen von Selbstbezichtigungen und Litaneien, dann immer selbstbewusster, spricht sie von ihrem Leben und den Verhältnissen im Land. In einer von Pflege und der Versorgung der beiden Töchter unterbrochenen Rückblende taucht der Leser Stück für Stück ein in die Geschichte zweier Eheleute, die damit begann, dass die junge Frau mit einem abwesenden „Kämpfer“ verheiratet wurde. Jahrelang lebte sie unter der Fuchtel ihrer Schwiegermutter, bis sie dem ihr fremden und vom Krieg psychisch verwahrlosten Mann zum ersten Mal begegnet. Seine Aufenthalte sind kurz, die Ehe ist unglücklich und die Frau selbst in der Zweisamkeit einsam.

„Du leidest nie! Du hast überhaupt nie gelitten!“, klagt sie den Mann nun an und schüttet ihm ihr Leid vor die Matratzenkante. Dass der einstige Held, der statt im Kampf in einem banalen Streit verletzt wurde, nicht einmal mit einer Kugel im Nacken Schmerz empfindet, empört sie. Sie hofft auf ein erlösendes Ende, gleichzeitig pflegt sie ihn fürsorglich, will durch das monologische Zwiegespräch einen besseren Menschen aus ihm machen. Ihre Erzählung weist über das gemeinsame Leben hinaus, in die Zeit ihrer Kindheit, in eine Gesellschaft, in der Mädchen nichts gelten und in der Familien Unterdrückung und Gewalt ausüben.

Die zwischen Vorwurf und Geständnis changierende Geschichte ist verwoben mit den Mythen des Landes, Schlüsselerzählungen schuldhafter Verstrickung, die an das abendländische Ödipus-Epos erinnern, jedoch von der mündlichen Erzähltradition leben. . „Das Gesetz des Krieges ist das Opfer“, hieß es schon in „Erde und Asche“. „Ein glückliches Ende setzt Opfer voraus“, entgegnet nun auch der weise Schwiegervater auf die beharrliche Frage der jungen Frau.

Rahimi nimmt zahlreiche Motive seines ersten Romans wieder auf: den Erzählreigen aus Tausendundeiner Nacht, Taubheit und Stimmverlust, die aufgeschobene Zeit. Dem engen weiblichen Aktionsradius entsprechend, richtet er die Leserperspektive auf das Haus der Frau, das sie mit Ameisen, Fliegen, Spinnen und einem Vorhang voller Zugvögel teilt. Das beklemmende, bühnenreife Kammerspiel wird nicht einmal aufgebrochen, als das Viertel zwischen die Fronten des brutalen Bürgerkriegs gerät, Soldaten ins Haus eindringen, die Nachbarn niedermetzeln und die Frau nur durch eine List einer Vergewaltigung entgeht.

„Schulen und Krankenhäuser brauchen wir für Geist und Körper. Aber um unsere Seelen wiederzufinden, brauchen wir mehr Poesie“, glaubt der Literaturwissenschaftler und Filmemacher Rahimi, dessen Werke in den frühen achtziger Jahren ins Visier der afghanischen Zensur gerieten. Auch diesem neuen Roman, der in Lis Künzlis Übertragung den ihm eigenen poetischen Rhythmus behält, hat er ein Plädoyer für die Literatur eingeschrieben. Die gestohlene Pfauenfeder, die dem Vater der Erzählerin als Lesezeichen im Koran diente, symbolisiert die neue Rolle, die die Tochter am Krankenlager ihres Mannes übernommen hat. „Du lebst und du bewegst dich nicht. Du hörst, und du sprichst nicht. Du siehst, und du bist unsichtbar! Genau wie Gott. Du bist geduldig, gelähmt. Und ich, ich bin deine Botin! Deine Prophetin!“

Der zum Schweigen verurteilte Mann, die zum Sprechen erwachte Frau: Aus solchem Stoff wurde vor 30 Jahren feministische Bekenntnisliteratur geschrieben. Dass hier ein Autor zur Selbstbefreiung veranlasst und die Protagonistin durch ihre monologische Rede nicht sich selbst, sondern den Mann am Leben erhält: Das ist ein paradoxer Reflex auf eine nachgeholte Emanzipation, die nach 40 Jahren Krieg eine ganz andere Dramatik aufweist als die im Westen. Rahimis moderne Scheherazade erzwingt mit ihren Geschichten die Aufmerksamkeit eines gebrochenen „Königs“. Nicht ihr, sondern sein Leben ist bedroht. Es fehlt ihr nicht an Verständnis für die Krieger und sie weiß um ihre befristete Macht. „Jetzt kann ich alles mit dir machen. Du bist für mich am Leben, für meine Geheimnisse. Dein Atem hängt an meiner Erzählung.“ Doch was passiert, wenn der seng-e-sabur, der Stein der Geduld, explodiert?

- Atiq Rahimi: Stein der Geduld. Roman. Aus dem Französischen von Lis Künzli. Ullstein Verlag, Berlin 2009. 167 Seiten, 18 €.


Der Autor stellt sein Buch am Freitag, 18.9., um 19.30 Uhr im Haus der Berliner Festspiele vor.

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