Literatur : Kaukasus Knaxus

Berlin-Tiflis-Berlin: Giwi Margwelaschwilis Lebensweg schillert, wie seine Romane. Heute wird er 80 Jahre alt.

Jörg Magenau
Margwelaschwili
Giwi Margwelaschwili -Foto: Verbrecher Verlag

Warum bloß ist Giwi Margwelaschwili kein berühmter Schriftsteller? Im Zeitalter von Migrationshintergründen und Parallelwelten wäre er doch der ideale Autor: Migration steht bei ihm im biographischen Vordergrund, und wenn er irgendwo zu Hause ist, dann in seiner literarischen Parallelwelt, die sich zu einem eigenen, höchst realen Kosmos ausgewachsen hat.

Seine Wohnung im Wedding, hart an der Grenze zum Prenzlauer Berg, ist spartanisch. Ein Schreibtisch mit Laptop, ein vergilbter Vorhang, zwei müde Sessel, ein Sofa, das als Ablage für dicke Stapel französischer Philosophie dient. Sonst nichts. Als „Wartburgen“ bezeichnet Margwelaschwili derartige provisorische Behausungen: „Da braucht man nicht viel.“ Das Leben in der Wartburg ist zu seiner Existenzform geworden. Die Texte sind dort wichtiger als die außerliterarische Wirklichkeit.

Geboren wurde Giwi Margwelaschwili heute vor 80 Jahren in Berlin-Wilmersdorf. Die Eltern waren 1921 aus der georgischen Hauptstadt Tiflis vor der bolschewistischen Revolution geflüchtet. Die Mutter starb bald an Heimweh, sie öffnete in der Küche den Gashahn und schloss die Fenster. Nachzulesen ist diese Szene in Margwelaschwilis Autobiografie „Kapitän Wakusch“. Mit ihr verlor er den Kontakt zur georgischen Muttersprache. Er lernte Deutsch mit Berliner Zungenschlag, der auch heute noch deutlich hörbar ist. In der Familie war er damit isoliert. „Ich war linguistisch vollkommen aus dem Häuschen“, schreibt er in seiner kunstvollen Literatursprache, in der „Häuschen“ für das bürgerlich Gesicherte, für Heimat und Verwurzelung steht. Die Worte besitzen bei ihm ein Eigenleben. Sie gehen neue Sinnzusammenhänge ein und sind so beweglich, dass sie sich oft nur mühsam durch Klammern und Einschübe bändigen lassen.

Der Vater kämpfte publizistisch um die nationale Befreiung Georgiens. Während des Krieges holte er georgische Soldaten aus deutschen Kriegsgefangenenlagern, um sie für die nationale Sache zu rekrutieren. Der Sohn hörte im Radio Dixieland und wappnete sich mit amerikanischem Jazz gegen das ideologische Getöse. 1946 lockte der sowjetische NKWD Vater und Sohn nach Ost-Berlin und verhaftete sie. Der Vater wurde erschossen, Giwi kam für anderthalb Jahre ins KZ Sachsenhausen, das nun unter sowjetischer Herrschaft stand. Der zweite Teil seiner Autobiografie mit dem schelmischen Titel „Sachsenhäuschen“ erzählt davon – unter anderem auch von einer Begegnung mit Heinrich George, der im Lager den „Faust“ aufführte. Zu Margwelaschwilis Kunstwillen gehört es, das Schreckliche geradezu heiter erscheinen zu lassen. „In der Literatur wird die Wirklichkeit zum Spiel. Darin liegt die Erlösung“, sagt er.

1947 brachte man ihn zu Verwandten nach Tiflis, um ihn als Georgier zu repatriieren. Da konnte er kaum ein Wort Georgisch. Er unterrichtete Deutsch und Englisch und begann zu schreiben, natürlich auf Deutsch und ohne Aussicht auf Veröffentlichungen. Die Manuskripte füllten im Lauf der Jahrzehnte nicht nur Schubladen, sondern Schränke seiner Wartburg. Was unter diesen Bedingungen entstand, ist ein einzigartiger, seltsam versponnener und in seiner Intensität kaum zu überbietender Beitrag zur deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Es sind Texte, die von Migration nicht nur erzählen. Ihr Schicksal ist ihnen bis in die neu zu erfindende Sprache hinein eingeschrieben.

Margwelaschwilis „Buchpersonen“ sperren sich immer wieder gegen ihr „textologisches“ Schicksal. In dem großartigen Roman „Muzal“ geht es um eine georgische Legende oder vielmehr darum, was die Figuren tun, wenn sie gerade nicht gelesen werden: Dann lungern sie herum wie Schauspieler in der Pause, spielen Karten, müssen aber immer zur Stelle sein, falls doch einmal plötzlich ein Leser vorbeischaut. Muzal ist nur eine Nebenfigur der Legende. Er wird eigentlich schon am Anfang erschlagen. Doch nun, gewissermaßen in seiner Freizeit, freundet er sich mit seinem Gegner an, der ihm eigentlich nach alter Sitte und unveränderlicher Textvorlage die Hände als Trophäen abhacken soll. Gemeinsam überlegen sie, wie der ewigen Wiederholung dieses blutigen Schreckens zu entkommen wäre.

Warum kehrte Margwelaschwili 1987, nach 40 Jahren Heimatexil, nach Berlin zurück? „Ich bin doch verantwortlich für meine Buchpersonen“, sagt er. „Ich muss ihnen den Weg zu den Lesern bereiten. Und das geht nur, wenn ich hier anwesend bin.“ Bisher sind ihm die Leser nur zögerlich in seine Gedankenwelten gefolgt. Anfang der neunziger Jahre, als der Osten sich öffnete, erschienen mehrere seiner Bücher in verschiedenen Verlagen, darunter „Muzal“ und zwei Teile der sechsbändigen Autobiografie. Dann lange nichts mehr. Erst in diesem Herbst wagt der kleine Berliner Verbrecher Verlag einen Neuanfang mit „Officer Pembry“, einer Science-Fiction-Groteske, die im späten 21. Jahrhundert spielt. Die „Prospektive Kriminalpolizei“ muss darin den vorhergesagten Gefängnisausbruch eines Psychopathen verhindern. Das Buch ist ein Kriminalroman auf der Meta-Ebene, ein metaphysisches Spiel, das Freiheitsräume für Leser erkundet.

Margwelaschwilis textgenerierte Wirklichkeiten lassen sich als Metaphern des Lebens in der Diktatur lesen, aber auch als existenzielle Grunderfahrungen. Das Individuum ist durch seine familiären Prägungen, durch den unerbittlichen Zugriff der Geschichte und durch den genetischen „Text“ ja immer schon festgelegt. Deshalb kann Margwelaschwili in Berlin auch mit dem weitermachen, woran er schon in Tiflis gearbeitet hat: Seine Parabeln taugen für alle Wirklichkeiten und Gesellschaftssysteme. Auch in Berlin schreibt er weitgehend abseits der Öffentlichkeit, der Markt hat in seinem Fall einen ähnlichen Effekt wie einst die Zensur. Zehn Romane hat er seit der Rückkehr nach Berlin schon geschrieben.

Als müsse er einen kurzen Spaziergang in der Textwelt unternehmen, schaltet Margwelaschwili den Computer ein und beginnt, den Anfang seines jüngsten Werks vorzulesen. Dazu kriecht er fast in den Bildschirm hinein und gleitet mit dem Zeigefinger über die Zeilen. Die Buchpersonen seiner Autobiografie „Kapitän Wakusch“ melden sich zu Wort. Sie behaupten, am Gelesenwerden gar kein Interesse mehr zu haben. Aber das ist nur eine Notlüge aus purer Verzweiflung. Giwi Margwelaschwili wartet sehnsüchtig darauf, dass die „Wunschleser“ endlich eintreffen. „Buchpersonen, die nicht gelesen werden, liegen in ihren Texten wie in Särgen“, sagt er und schaut dazu listig, mit schräg gelegtem Kopf. Seine Bücher und all seine Buchpersonen hätten es verdient, endlich gelesen und damit zum Leben erweckt zu werden.

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