Lyrik : Die Reibung der Luft

Nico Bleutge rückt in seinen Gedichten der Wahrnehmung zu Leibe. "fallstreifen" verhilft der jungen Lyrik zu unerwartetem Glanz.

Jochen Jung

Das Licht, die Luft, die See und alles, was sie ausmacht: Wind, Wellen, Wetter, Sand und, ja, die Vögel, die dort zuhause sind – wer dieses Buch gelesen hat, kann sagen, er sei am Meer gewesen, an der Nord- oder Ostsee, einmal nicht am Mittelmeer.

Was sonst Gedichte beschäftigt, Liebe und Leidenschaft, Landleben, Politik, das alles findet sich hier nicht, doch wer jetzt denkt: Natur, Naturlyrik, die Neue Naturlyrik, der hat auch nur die halbe Wahrheit, und das nicht nur, weil auch die Vorstadt, Borges’ „Arrabal“-Gedicht, in den Blick kommt. Zwar stimmt es, dass überwiegend Natur hergibt, was in dieser Lyrik aufscheint, so wie es stimmt, dass hier nicht einer eben mal in den Vorgarten spaziert ist, um nachzuschauen, ob die Primel schon von Frühling kündet.

„Es war von schnee die rede, seiner härte“, so beginnt das erste Gedicht, weit weg von Lieblichkeit und blauen Bändern, und wenn da steht, „federn / das vogeljunge im schnee“, dann ist das so wenig anheimelnd, wie wenn es beim Blick aufs Meer heißt: „gischtrunzeln lösen das licht / kein fluchtpunkt, keine mitte, nichts // das sich abmessen ließe“.

Nein, die Natur hier ist so wenig freundlich, wie es der Dichter sein will. Ihm geht es nicht darum, die Dinge einzukleiden mit Bildern. Es ist auch nicht die Sorte Beobachtungslyrik, die die Dinge frisch sehen will, „wie neu“, damit wir sie umso besser wiedererkennen. Vielmehr sieht Nico Bleutge das, was er sieht, in der entscheidenden Augensekunde anders, aus schrägem Winkel, nicht anverwandelt, sondern als Gegenüber, dem er so sein Geheimnis und seine Würde lässt. Oder auch erst gibt. So schreibt die Generation nach Handke: „das zucken der blätter / wenn es zu regnen beginnt, unbemerkt / für eine leicht gespannte weile / dann, plötzlich / laufen die augen hin und her“.

Die Bewegung der Augen, „das haarfeine rucken / des blicks / hinterm fenster“ – das ist das eigentliche Thema dieser Gedichte: Wie bringe ich die Wahrnehmung zur Sprache? Nun, zum einen, indem der Autor auch sich selbst bei seinem Tun wahrnimmt: „ich bin den pflanzen auf der spur. / das sind meine hände / beim zeichnen nach der natur“. Zum anderen, indem die Worte spürbar der augenblicklichen Erfahrung nachzugehen versuchen, dicht an ihr dran bleiben, damit das Bild so genau wie möglich wird, bis an den Rand des Möglichen: „die reibung der luft an den federn“.

Genauigkeit ist in der Literatur ja kein optisches Phänomen, sondern eine Frage des Gerechtwerdens. Nico Bleutge versteht es, der Unschärfe unseres Erkennens mit größtmöglicher Schärfe zu Leibe zu rücken. Das bewahrt seine Strophen vor allem Dekorativen und härtet ihre Schönheit.

In einigen dieser Gedichte werden – auch mit Hilfe literarischer Zitate, auf die im Anhang knapp verwiesen wird – Momente aus Kriegen, dem Dreißigjährigen ebenso wie dem Zweiten Weltkrieg, fokussiert. Auch wenn hier alle Grünbeinschen Attitüden vermieden werden, mag offen bleiben, ob das dieser Lyrik zu anderen Dimensionen verhilft. Zu Kriegen kann man ja nur eine Meinung haben. Hingegen gibt es am Anfang des Bandes ein Gedicht, in dem ein junges Mädchen, und ein paar Seiten weiter ein anderes, in dem ein Junge beobachtet wird, beides unsichere Gestalten im Übergang – so etwas bewahrt die Irritation desjenigen, der Klarheit erst gewinnen will.

Bleutge, 1972 in München geboren, ist unter den jungen Lyrikern, die ihrer Gattung in den letzten Jahren unerwarteten Glanz gegeben haben, vielleicht der Ernsthafteste. Fantasie ist hier so wenig Schlagwort wie womöglich Witz oder gar Humor. Was er zeigt, hat er gesehen, und was er gesehen hat, bestimmt das Gedicht. Wenn es nur ein Ausschnitt war – und in der Natur gibt es nur Ausschnitte –, gibt sich auch das Gedicht nicht „abgerundet“. Aber gerade das Augenblickliche macht es lebendig und überzeugend.

Dies ist kein Gedichtband zum Schnuppern und Blättern, sondern zum langsamen Lesen. Auf der letzten Seite angekommen, weiß man, dass dieser Autor schon jetzt eine verlässliche Größe nicht nur für die Lyrikszene ist. Bereits mit seinem Debüt „klare konturen“ hatte Nico Bleutge eine beachtliche Zahl von Auszeichnungen erhalten. Es könnten bald noch ein paar dazu kommen.


Nico Bleutge: fallstreifen. Gedichte. Verlag C.H. Beck, München 2008. 79 Seiten, 12,90 €.

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