Max Frisch : Entblößt zur Unkenntlichkeit

Jeder ist ein Dichter: Max Frischs New Yorker Poetikvorlesungen lesen sich wie ein Stück Literatur.

Rolf Strube

Geht einmal euren Phrasen nach“, zitiert Max Frisch Büchners „Danton“, als er 1981 im Alter von 70 Jahren vor den jungen Zuhörern des City College of New York über den Impuls zu schreiben und die gesellschaftliche Funktion der Literatur spricht. Die beiden in englischer Sprache gehaltenen Vorlesungen, jetzt unter dem Titel „Schwarzes Quadrat“ erstmals auf Deutsch erschienen, werfen kein neues Licht auf sein Alterswerk, lesen sich allerdings wie ein Stück Literatur. Es ist das aus seinem Spiel „Biografie“ bekannte Verfahren, mit dem Frisch sich hier ein eigenes zeitliches Kontinuum schafft, sich ins Kreuzverhör nimmt, hinter dem Faktischen früherer Gedanken und Positionen nach möglichen Varianten sucht.

Jeder, nicht nur der Dichter, erklärt Frisch, erfindet seine Geschichten. Manchmal habe man eine regelrechte „Gier nach Geschichten“, um sich eine Erfahrung erzählbar, lesbar zu machen – aber: „Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben“. Aus diesem Vorbehalt sei sein Roman „Stiller“ hervorgegangen, mit dem 1954 sein Aufstieg als Prosaautor begann. Stiller war der erste in einer Reihe von Ich-Suchern, die sich vergeblich bemühen, der einengenden Realität, den Vorurteilen der anderen, der Missempfindung eines verfehlten Lebens zu entkommen. Für den „Spielleiter“, den Autor selbst, gilt, was Frisch in seiner 1975 erschienenen autobiografischen Erzählung „Montauk“ bekennt: Er habe in diesen Geschichten nie sein eigenes Leben beschrieben und sich doch „entblößt bis zur Unkenntlichkeit“. Nichts verrate mehr über einen Menschen, über seine Einstellung zur Realität, als frei „erfundenes Zeug“.

Seine scheiternden Figuren – Stiller, Faber, Gantenbein oder Graf Öderland – sie alle stehen für die „Klage, dass das Leben anders sein sollte“. Das „Wie“, betont Frisch, sei nicht Sache der Literatur. Auch in seinen Tagebüchern mit ihren Kommentaren zum Zeitgeschehen habe er Literarisches und Politisches auseinandergehalten; und doch, unterbricht er sich, hat ihn diese Trennung nie befriedigt. In aller Literatur gebe es „noch etwas anderes“: eine genuin menschliche Erfahrung von Ungenügen und Sehnsucht, die zur Spontaneität befreien, Glück oder Schrecken bedeuten könne. Man könne sie ignorieren, aber sie folge einem wie ein zugelaufener Hund überallhin. Man findet diese Erfahrung gewöhnlich in der Poesie und, exemplarisch, in einem Bild, das nichts darstellt als eine „nackte, gerahmte Ikone“ – Malewitschs „Schwarzes Quadrat“. Rolf Strube

Max Frisch: Schwarzes Quadrat. Zwei Poetikvorlesungen. Hg. von Daniel de Vin. Nachwort von Peter Bichsel. Suhrkamp, Frankfurt a. M., 2008. 93 Seiten, 14,80 €.

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