Literatur : Mutmaßungen über Hüte Johnson und Grass

in ihren Briefen

Thomas Wild

Nur einmal in über zwanzig Jahren wird es dringend. „Ich kann diese Rede ‚Bücher für die Bundeswehr‘ nicht machen“, telegrafiert Uwe Johnson im August 1965 an Günter Grass. Dieser hatte seinen Berliner Nachbarn überredet, Bücherlisten für Bundeswehrbibliotheken zusammenzustellen: Unterhaltung und Aufklärung statt der üblichen Ideologie von Militär und Nation. Als dann – Grass tourte gerade für die „EsPeDe“ – sechs Bibliotheken wahlkampfwirksam als Spenden an Kasernen übergeben werden sollten, zog Johnson die Notbremse. Seine Unabhängigkeit wollte er nicht aufgeben. Grass schüttelt darüber bis heute den Kopf: „Als hätte ich ihm die Hölle angetragen!“

Hierüber verlieren sich die beiden zunächst. Da ist der Macher Grass, der im Zentrum des Geschehens mitmischt und der heute seinen 80. Geburtstag feiert (vgl. Tsp. vom 13. 10.). Und da ist der Beobachter Johnson, der die Öffentlichkeit kaum anders betritt als mit seinen Büchern. Auf der literarischen Bühne erscheinen sie gleichzeitig 1959: Grass mit der „Blechtrommel“ und Johnson mit den „Mutmassungen über Jakob“. Rasch lernen sie einander kennen, werden Mitglieder der Gruppe 47, bald sind sie Nachbarn in Friedenau, Reisegenossen in die USA.

Die Briefe der frühen Jahre zeichnen das Bild einer agilen Planungsgemeinschaft: dem „Spandauer Volksblatt“ auf die Sprünge helfen, einen gemeinsamen Film über Berlin in Amerika lancieren, ein Ost-West-Lyrikertreffen ausrichten. Anfang der sechziger Jahre wollten sie auch eine deutsch-französisch-italienische Zeitschrift ins Leben rufen. Zur deutschen Redaktion sollten auch Bachmann, Enzensberger und Walser gehören. Nachdem das Projekt gescheitert ist, fragt Grass, ob man nicht wenigstens hierzulande „wirken will“. Kurze Zeit später startet Enzensbergers „Kursbuch“.

Zum Briefwechsel im emphatischen Sinn wird die Korrespondenz erst, als Johnson im Sommer 1966 mit seiner Familie für zwei Jahre nach New York geht. Was er dort sieht und hört, schickt er in langen Episteln über den Atlantik. Schilderungen von Unruhen in Harlem „nach der Ermordung des Pastor King“ etwa oder von der Spielplatzbegegnung mit einer jüdischen Frau aus Karlsbad, „am Arm hat sie die Nummer von Theresienstadt“. Johnson sammelt Material und unternimmt erste Schreibversuche für sein Erzählwerk „Jahrestage“ (was der insgesamt dürftige Kommentar nicht erklärt).

Adressat dieser Vertraulichkeiten ist interessanterweise nicht der künftige Nobelpreisträger, sondern dessen erste Frau Anna Grass. Mit ihr bespricht Johnson Filme, Artikel, politische Ereignisse, während mit „Günter“ über Hüte, Essen und den Literaturbetrieb geklatscht wird. Aus seinen Befreundungen mit Ingeborg Bachmann, Hannah Arendt oder Margret Boveri wissen wir, dass Johnson intellektuelle Frauen besonders wertschätzte. Seine Briefe an Anna Grass gehören zu den schönsten Passagen der Korrespondenz. Ihre spielerische Dichte und Klarheit zeigt eine Leichtigkeit, die den beiden Männern miteinander nicht gelang.

Im Sommer 1968 kehrt die Familie Johnson nach West-Berlin zurück. In den folgenden 15 Jahren bis zu Johnsons Tod werden nur noch 15 Briefstücke gewechselt. Sie sprächen „schonend freundlich aneinander vorbei“, charakterisiert Grass einmal die Lage und spitzt an anderer Stelle zu: „Unsere Freundschaft scheitert an mangelndem Vertrauen“. Johnson wiederum erklärt, Grass halte „die Konturen seines persönlichen Zustands offenbar für die des repräsentativen Lebens“. Am Ende finden Anerkennung, Fürsorge und Hilfsbereitschaft den Weg zurück. Was bleibt, ist die Frage, warum diese Briefe so hörbar schweigen zum literarischen Schreiben. Vielleicht genügt ein Blick zurück in den Briefwechsel: „Ich erinnere dich daran dass Dichten schwer ist“, zwinkert Johnson einmal Anna Grass aus den Mühen der „Jahrestage“ zu. Dem „gleichmässigen Geräusch“ der Schreibmaschine ihres Mannes nach, so ihre Antwort, könnte man entnehmen, „dass Dichten doch leicht sei, aber er bestreitet es.“

Uwe Johnson, Anna Grass, Günter Grass: Der Briefwechsel. Hg. v. Arno Barnert. Suhrkamp, Frankfurt a. M., 235 S., 22,80 €.

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