Nina Hoss : Jede Rolle ein Leben

Sie ist die Ausnahmegestalt unter den deutschen Schauspielerinnen der jüngeren Generation und konsequent auf eigenen Wegen: Ein Buch feiert Nina Hoss.

Christina Tilmann
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Will kein wiedererkennbarer Star sein. Nina Hoss. Foto: ddp/Hecker

Mit dem größten Bedauern spricht Nina Hoss über Einar Schleefs letzte Inszenierung, Elfriede Jelineks „Macht nichts“, die 2001 wegen des plötzlichen Todes des Regisseurs nicht mehr zur Aufführung kam: „Im Nachhinein war es für mich, als habe er sein eigenes Begräbnis inszeniert. Alles war schwarz. Unglaublich schwer, mutig auch – es war eine Tragödie, dass das nie rauskam. Es hat sich so richtig angefühlt.“ Schleefs Sprachwucht, dazu die Endzeitstimmung der späten Langhoff-Ära am Deutschen Theater Berlin: lange her. Aber gerade diese Zeit hat Nina Hoss geprägt, weil sie der Ernsthaftigkeit, mit der diese Schauspielerin ihren Beruf angeht, aufs Schönste entspricht. Und einiges aus diesen Theater-Wahnsinnszeiten rettet sie in unsere heutige, leichtere Epoche hinüber.

Nina Hoss: Das ist die Ausnahmegestalt unter den deutschen Schauspielerinnen der jüngeren Generation. Wegen ihrer Unbedingtheit, mit der sie jede Rolle spielt. Kein Wunder, dass Rainer Rother, Leiter des Berliner Filmmuseums und der Kinemathek, seiner Nina-Hoss-Hommage das Zitat „Ich muss mir jeden Satz glauben“ voranstellt. Denn um Glaubwürdigkeit, um das Sich-Rollen-Leihen, Sich- Anverwandeln des Stoffs geht es immer wieder in den Gesprächen. Nicht ein wiedererkennbarer Star will Nina Hoss werden, sondern immer wieder eine Überraschung sein: jede Rolle ein Leben. Und nur konsequent, dass Rother, der eigentlich vom Film kommt, aber offenbar ein passionierter Theatergänger ist, auch das Filmwesen Nina Hoss konsequent von der Bühne her erschließt. Indem er, in Gesprächen mit ihr und ihren wichtigsten Regisseuren, die Bühnenauftritte in Einstellungen beschreibt, so wie er den Filmdreh als Bühne beschreibt.

Die Dichotomie war angelegt, von Anfang an, vom ersten Semester an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin, das Nina Hoss unterbrechen musste, weil Bernd Eichinger ihr die Hauptrolle für „Das Mädchen Rosemarie“ angeboten hatte. Die Rolle in dem Film von 1996 war ein grandioser Auftakt – und hätte ebenso gut der Anfang vom Ende sein können, der Beginn einer TV-Star-Karriere als Sexsymbol in immer flacheren Filmen.

Nina Hoss hat den Gegenweg gewählt, den langsamen Aufstieg am Theater – wo sie Nebenrollen in „Emilia Galotti“ oder „Faust II“ zu Hauptrollen macht, bevor sie dann selbst im Zentrum steht, in Barbara Freys viel gerühmter „Medea“ zum Beispiel. Die Intensität, die sie in diesen Inszenierungen erarbeitet hat, überführt sie zurück in den Film. Natürlich hat sie auch Großproduktionen bedient, „Die weiße Massai“ zum Beispiel oder zuletzt „Anonyma“. Doch am liebsten wandelt sie längst auf den Rätselwegen eines Michael Thalheimer oder Christian Petzold, mit dem allein sie vier Filme drehte und in dessen Theaterdebüt mit Arthur Schnitzlers „Der einsame Weg“ sie ab Sonnabend am Deutschen Theater zu sehen sein wird.

Rothers Buch ist eine Annäherung in Selbstaussagen und Fremdbeschreibungen, in Überblicken und Augenblicken. Mit am schönsten die Momentaufnahmen, in denen er Einzelszenen beschreibt, ein Blick nur, ein Gang, mit dem Nina Hoss unvergesslich geworden ist. Jeder Hoss-Fan könnte weitere hinzufügen – und weiß doch, dass all das nicht an den Kern, das Geheimnis Nina Hoss’ heranreicht. Sie wird uns immer wieder überraschen.

Rainer Rother, Nina Hoss. Ich muss mir jeden Satz glauben. Ein Porträt. Henschel Verlag 2009. 168 Seiten, 19,90 Euro

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