Out of Adel : Mein Leben, ein Roman

Christine Gräfin von Brühl schreibt Bücher über ihre adlige Herkunft. Porträt einer Nestbeschmutzerin

von

Natürlich wird sie von Kopf bis Fuß gemustert. Trägt sie den „Knopf im Ohr“, von dem sie schreibt, jenen Perlenstecker, der bei ihren Standesgenossinnen nicht fehlen darf? Ist auch die entsprechende Kette um den schlanken Hals gelegt? Gehört das elegant über die Schulter geworfene Tuch nun ebenfalls zum klassischen Erscheinungsbild einer Adligen oder ist es nur modisches Accessoire? Auftritt Christine Gräfin von Brühl im Savoy-Hotel an der Charlottenburger Fasanenstraße: Das Outfit scheint perfekt. Die 47-Jährige ist heute ganz adlige Dame und hält sich sehr gerade. Die Contenance stimmt, würden Kenner sagen.

Schon lange vor Beginn der Lesung zur Tea-Time am späten Sonntagnachmittag sind die Reihen des gediegenen, in Rot und Gold gehaltenen Speisesaals gefüllt, zusätzliche Stühle müssen herbeigetragen werden. Spannung liegt über dem Raum. Die vornehmlich älteren Damen im Publikum recken ihre Nasen, um mehr von der zierlichen Frau vorne im Schein der Leselampe zu sehen, die so freimütig vom Leben in der „Kiste“ oder „Kaste“ erzählt, wie intern der Adel genannt wird. Und von ihren Problemen damit, woraus ihre beiden zuletzt erschienenen Bücher „Noblesse oblige“ und „Out of Adel“ ihren besonderen Reiz beziehen.

Die Diplomatentochter, die in Accra, der Hauptstadt von Ghana, zur Welt kam, in London, Singapur und Brüssel aufwuchs, ist immer selbstbewusst ihren eigenen Weg gegangen. So hat sie in Polen zu Zeiten der Solidarnosc studiert, anschließend als Slawistin promoviert und als Journalistin kurz nach dem Mauerfall in Dresden gearbeitet, wo ihr berühmtester Vorfahr die Brühlschen Terrassen erbauen ließ. Heute lebt sie in Berlin und schreibt Bücher. Es kam, wie es kommen musste: Dieser Freigeist ging auch noch eine Mesalliance ein, hat einen Bürgerlichen geehelicht.

Damit rücken all die glamourösen Geschichten aus den Hochglanzmagazinen nah, in denen eine schwedische Prinzessin ihren Fitnesstrainer heiratet oder die Frau des norwegische Thronfolgers ein uneheliches Kind in die Beziehung einbringt. In Deutschland kann seit Abschaffung von Adel und Monarchie im Jahre 1918 jedoch ein gewöhnlich sterblicher Schwiegersohn, eine Schwiegertochter unter Stand nicht mehr kurzerhand per Ritterschlag zum Baron oder zur Gräfin befördert werden. Und damit beginnen die Probleme. Wer einen solchen Fehltritt wagt, ist „draußen“ aus der blaublütigen Welt, zumindest fast.

„Out of Adel“ erzählt davon: die Geschichte einer jungen Gräfin namens Christine Brühl und ihrer folgenreichen Begegnung mit einem Künstler, der Schrat genannt wird, in Dresden. Nicht ganz zufällig stimmen diese Namen mit lebenden Personen überein. Nur wenige Details dieser wahren Begebenheit haben sich in der Wirklichkeit anders zugetragen. Etwa die für den Fortgang der Geschichte so wichtige Figur „Paula“ wurde aus zwei Personen zusammengedichtet. So läuft „Out of Adel“ unter der Rubrik Roman und nicht als Tatsachenbericht. Wer die Autorin jedoch kennt, weiß, dass das Happy End, die Versöhnung und Familienzusammenführung am Schluss, den wahren Tatsachen entspricht. Am Ende der Lesung wollen es einige Zuhörerinnen noch einmal ganz genau wissen: Ob sie immer noch eine Gräfin sei? Was es mit ihrem Titel auf sich habe? Christine Brühl nimmt es gelassen hin: Nein, zum Adel gehöre sie seit ihrer Heirat nicht mehr. Den klangvollen Namen aber dürfe sie behalten, der sei nun einmal auch als Autorin ihre Marke.

Die Reaktionen aus adeligen Kreisen auf die offenherzigen Bekenntnisse einer „Ehemaligen“ waren da eher gemischt. An sie selbst wurde Kritik kaum direkt herangetragen, das bekamen dafür die Eltern zu hören, die heute in Wien leben, dem letzten Einsatzort des Vaters als Botschafter der Bundesrepublik. Nach ihrem ersten Buch „Noblesse oblige“ über die „Kunst, ein adliges Leben zu führen“ galt sie als „Nestbeschmutzerin“. Dabei muss es sich vor allem für Betroffene höchst amüsant lesen, was sie über den Gotha, die Bibel der Adligen, schreibt. Seit 1763 werden in dem Handbuch minutiös die fürstlichen und gräflichen Häuser aufgeführt, die Freiherren und Barone. Mithilfe des Gotha werden die verwandtschaftlichen Beziehungen, hierarchische Verhältnisse geklärt, bevor eine neue Beziehung eingegangen wird. Noch heute gelten die „gesteckten“ Verbindungen als die dauerhaftesten, mit Glück stellt sich die Liebe hinterher ein. Denn nichts gilt dem Adel als höheres Ziel, als Tradition und Familie hochzuhalten.

Gebrochen hat Christine Brühl mit dieser Welt nicht. Längst wird sie wieder zu Familienfesten geladen und verbringt die Ferien „auf diversen Schlössern und Landsitzen ihrer zahlreichen Verwandten in Europa“, wie der Verlag mitteilt. Und doch bleibt sie eine Grenzgängerin. Wer sie zufällig kennenlernt, wird von ihr selbst kaum etwas über ihre hochwohlgeborene Herkunft erfahren. Schon gar nicht, wenn man sie nach Jahren im Monbijou-Schwimmbad mit ihren beiden Kindern wiedertrifft. Längst ist das bohemehafte Leben an der Seite eines Künstlers dem straff organisierten Alltag einer vierköpfigen Familie gewichen, bei dem Karl und Josefine zur Schule gebracht werden müssen, der Ehemann seiner Arbeit im Atelier nachgeht und die Autorin einen Katzensprung von der gemeinsamen Wohnung entfernt in ihrem Büro die Fahnen des nächsten Buches korrigiert.

Beinahe hätte sich die fleißige Schreiberin dabei selbst überholt: Während sie auf Lesereisen für „Out of Adel“ nach Leipzig, Hamburg, Chemnitz geht, läuft die Produktion für „Die preußische Madonna“, eine Biografie über Königin Luise, die Ende April anlässlich ihres 200. Todestages erscheint. Natürlich gibt es auch zu Luise familiäre Verbindungen. Ein Vorfahr der Autorin, Carl Adolph Graf von Brühl, war Erzieher von Kronprinz Friedrich Wilhelm, dem späteren König und Luises Ehemann. Doch vor allem hat die Biografin an Luise „ihr unprätentiöser Charme und ihre Herzensbildung“ fasziniert. In gewisser Weise hat Christine Brühl sich damit selbst charakterisiert. Denn etwas verbindet beide Frauen: dass sie sich selbst treu geblieben sind. Davonlaufen würde Brühl nie. Stattdessen führt sie ein Doppelleben, das sich in ihren Büchern auf bemerkenswerte Weise zusammenfügt.

Bücher von Christine Brühl: Out of Adel, Verlag Gustav Kiepenheuer, 18,95 €. Noblesse oblige, Eichborn Verlag, 17,95 €. Die preußische Madonna, Aufbau Verlag 22,95 €. Die Biographie über Königin Luise hat am 6. 5. um 20 Uhr im Schloss Charlottenburg Buchpremiere.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben