Parabel : Jonas im Flugzeugbauch

Genral Zia ist ein Diktator wie aus dem B-Movie: Mohammed Hanif entwirft eine Romanparabel auf die jüngste Geschichte Pakistans.

Andreas Resch

Was den US-Amerikanern das Mysterium um die Ermordung Kennedys, ist den Pakistanern jenes um General Zia ul-Haq, der am 17. August 1988 in ein Flugzeug stieg, das kurz nach dem Start ins Meer stürzte und dabei nicht nur den Präsidenten, sondern auch seinen Stellvertreter sowie den amerikanischen Botschafter Arnold Raphel in den Tod riss. War es Mord oder ein Unfall, vielleicht sogar ein Fluch? Der 1965 im pakistanischen Okara geborene BBC-Journalist und Dramatiker Mohammed Hanif vermeidet in seinem Romandebüt „Eine Kiste explodierender Mangos“, eine direkte Antwort auf diese Frage zu geben.

Stattdessen entwickelt er eine Reihe von Parallelplots, die jeder für sich eine Erklärung abgeben würden. Ist der junge Offizier Ali Shigri schuld, dessen Vater der Diktator einst exekutieren ließ? Ist es Zias Stellvertreter, der umtriebige General Akhtar? Oder jene im Gefängnis schmorende alte Frau, der magische Kräfte zugeschrieben werden? Im entscheidenden Moment, und das ist ein genialer erzähltechnischer Kniff, verweigert sich die Geschichte einer Auflösung.

Kapitelweise wechselt die Handlung zwischen dem Ich-Erzähler Shigri, der den Präsidenten im Verlauf eines sogenannten Silent-Drill-Manövers mit einem Bajonett töten möchte, dem Präsidenten sowie zahlreichen Nebenfiguren hin und her. Mit seinem Schmerbauch und dem gezwirbelten Schnurrbart ist General Zia ein B-Movie-Diktator, wie er im Buche steht: ein halbseidener Demagoge, der Koranübersetzungen auf Englisch liest, um Zitate daraus in seiner Rede zum Nobelpreis verwenden zu können – denn den meint er verdient zu haben –, und ansonsten gnadenlos die Militarisierung seines Landes vorantreibt.

Dramaturgisches Geschick beweist Mohammed Hanif darin, die einzelnen Handlungsstränge über mehrere hundert Seiten hinweg aufeinander zusteuern zu lassen. Allerdings stattet er seine Figuren mit einem Tonfall aus, der sie auf ihre prägnantesten Merkmale reduziert. In den auktorial erzählten Kapiteln funktioniert das, da der Diktator und General Akhtar, der ein wenig an die Comicfigur Isnogud erinnert, der so gerne Kalif wäre, in ihrer Absurdität perfekt für solche Überzeichnungen geeignet sind.

Problematisch ist jedoch, dass Hanif für seinen Protagonisten Ali Shigri keine eigene Erzählstimme gefunden hat. Doch da Ali ein tendenziell realistischer Charakter ist, fehlt seinen Kapiteln das groteske Moment, das den Rest so unterhaltsam macht. Dieses ständige Abbremsen nimmt dem Roman, der in seinen besten Momenten an Gary Shteyngarts Politfarce „Absurdistan“ erinnert, immer wieder seinen Schwung.

Gelungen ist dagegen das Spiel mit mythischen und religiösen Versatzstücken. So ist Zia besessen von der Geschichte von Jonas und dem Wal, und im Tod des Generals spiegelt sich eine Variante dieser Geschichte wider, denn das Flugzeug, in dessen Bauch er sich befindet, spuckt ihn, den eben nicht Geläuterten, nicht wieder aus, sondern versinkt mit ihm in den Tiefen des Meeres. Das alles verweist in seinem Nebeneinander von Rationalem und Irrationalem immer auch auf das politische Klima im Pakistan der späten Achtziger. Es offenbart, darauf hat Hanif in der „New York Times“ hingewiesen, Parallelen zur Regierungszeit des 2008 zum Rücktritt gezwungenen Präsidenten Pervez Musharraf. Sowohl Zia als auch Musharraf, so Hanif, verkörpern den Geist einer radikalen Islamisierung. Insofern ist der mit dem neu geschaffenen Commonwealth Writers’ Prize ausgezeichnete Roman auch eine Parabel auf die jüngste pakistanische Geschichte.

Mohammed Hanif: Eine Kiste explodierender Mangos. Roman. Aus dem Englischen von Ursula Gräfe. A1 Verlag, München 2009. 384 S., 22,80 €.

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