Politische Literatur : Beitrag zur Gelassenheit

Deutschlands Geschichte lief nicht zwangsläufig auf das "Dritte Reich" zu, schreibt Alexander Gauland. Er besticht immer wieder durch pointierte Positionen.

 Arnulf Baring

Alexander Gauland nerven die ideologischen Verspannungen, die viele Deutsche mit ihrer Geschichte hadern lassen. Von einem langen Weg nach Westen, den wir vorgeblich zurückgelegt hätten, könne im Ernst keine Rede sein. Deutschland gehörte immer schon zu dem, was man heute Westen nennt – natürlich abgesehen von den Jahren der Hitlerherrschaft. Alle europäischen Nationen wandelten auf Sonderwegen. Ausländische Historiker sähen daher „die deutsche Geschichte nicht auf den größten anzunehmenden Unfall zulaufen“ und rückten nicht alles, was uns heute an der Vergangenheit störe, gleich in den Schatten von Auschwitz, schreibt Gauland. Völlig richtig habe Golo Mann betont, die Geschichtsschreiber täten Adolf Hitler viel zu viel Ehre an, wenn sie uns glauben machen wollten, „es habe Deutschland seit hundert Jahren nichts anderes getrieben, als sich auf das unvermeidliche Ende, den Nationalsozialismus vorzubereiten“.

Zu dieser gelassenen Sichtweise möchte Alexander Gaulands kleine deutsche Geschichte einen Beitrag leisten. In zehn knappen Kapiteln beschreibt er kenntnisreich und elegant in großen Zügen die wichtigsten Stationen und Wendepunkte unserer Geschichte: die mittelalterliche Kaiserherrlichkeit als römisches Erbe, dann die drei antirömischen Proteste – Luther gegen Karl V., Friedrich den Großen gegen das Reich, Preußen gegen Österreich. Es folgen die Bedingtheiten der Bismarckschen Reichseinigung 1871 und die immer kurzatmigeren Regime, die wir danach bis 1945 durchlaufen haben. Es folgt die lange Phase der Teilung. Das wiedervereinigte Deutschland („Endlich am Ziel“) beschließt den Band. Alexander Gauland besticht immer wieder durch pointierte Positionen. Zum Beispiel stimmt er Sebastian Haffner zu, Michail Gorbatschow sei die Persönlichkeit in der neuesten Geschichte, die er am meisten verachte. Die russische Geschichtsschreibung, fährt Gauland fort, werde Gorbatschow dafür verantwortlich machen, dass er die Arbeit von Jahrhunderten, die Ausdehnung nach Westen und Süden, in wenigen Jahren ruiniert habe. Zwar habe Hans Magnus Enzensberger Gorbatschow zu den Helden des Rückzugs gezählt, die unhaltbare Positionen aufgegeben und große Reiche friedlich aufgelöst hätten. „Doch dies ist der Versuch, ein ratloses Treibenlassen als Tugend auszugeben. Mag sein, dass sich die Überdehnung der russischen Weltmachtposition nicht unbeschränkt aufrechterhalten ließ, das sowjetische Reich reformiert werden und, wenn möglich, in ein Commonwealth umgewandelt werden musste. Doch dies hätte eine Bestandsaufnahme, eine Analyse der Optionen und Möglichkeiten vorausgesetzt. Nichts davon ist unter Gorbatschow geschehen.“

Zu keiner Zeit habe Gorbatschow eine Vision von Russlands Stellung in der Welt gehabt. „Fehlte schon eine eindeutige Definition russischer Interessen, so waren die diplomatischen Mittel geradezu erbärmlich. Gorbatschow ließ sich mit einem darauf völlig unvorbereiteten System auf die offene Diplomatie der westlichen Demokratien ein und zog dabei zwangsläufig den Kürzeren.“ Für einen Spottpreis habe er sechzehn Millionen Menschen und hunderttausend Quadratkilometer deutschen Territoriums preisgegeben.

Ich kann darüber als Deutscher nicht unglücklich sein.

– Alexander Gauland: Die Deutschen und ihre Geschichte.  wjs-Verlag, München 2009. 168 Seiten,  19,95 Euro.

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