Politische Literatur : Die Wut der Kinder

Waren die 68er selbst totalitär? "Unser Kampf" von Götz Aly liefert für diese These nur unzureichende Beweise.

Tissy Bruns
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Fragwürdige Säulenheilige: Demonstration mit Portraits von Che Guevara und Ho Chi Minh 1968 in München. -Foto: Dietrich

Nach eigenem Bekunden hat Götz Aly den Anklang an Hitlers „Mein Kampf“ gewollt. Der renommierte Historiker, bekannt durch seine Forschungen über den Nationalsozialismus, hat sein „68er“-Buch vorgelegt. An Gründen zum Revoltieren fehlte es nicht, sagt der Autor, Jahrgang 1947. Auch nicht ihm selbst, der in der Beklemmung einer schwäbischen Kleinstadt aufgewachsen ist und Ende 1968 nach Berlin kam, um am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin Politik zu studieren. „Doch die Selbstermächtigung der Achtundsechziger zur gesellschaftlichen Avantgarde, ihr Fortschrittsglaube, ihre individuelle Veränderungswut, ihre Lust an der Tabula rasa und – damit bald verbunden – an der Gewalt erweisen sich bei näherem Hinsehen als sehr deutsche Spätausläufer des Totalitarismus. Daher der Titel dieses Buches: Unser Kampf.“

Wer mit einer Anspielung derart provoziert und deutsche Debatten kennt, rechnet mit reflexhaften Reaktionen. Diesen Gefallen sollte man dem Buch nicht tun; es verdient ihn nicht. Denn zunächst einmal sind die revoltierenden 68er ja in einem banalen Sinn unbestreitbar Spätausläufer einer totalitären Diktatur gewesen, als Kinder ihrer Eltern. Und es deckt nicht eben ein Geheimnis auf, wer zu dem Schluss kommt, dass diese Kinder ihren Eltern und einer demokratischen Gesellschaft in einer Weise widersprochen haben, die totalitäre Züge hatte – und das nicht erst, als nach dem Höhepunkt der Bewegung Dogmatisierung, Sektiererei und RAF ins Spiel kamen. Die Bibel, Psychoanalytiker und Sozialwissenschaftler wissen, dass verdrängte Traumata sich in die nächste Generation übertragen. In diesem Sinne haben die 68er – deren Seelenlage („Generation der emotional frierenden Kinder“) Aly übrigens treffend beschreibt – Elternmuster nachagiert, als sie die Vergangenheit aus der familiären Sprachlosigkeit holen wollten – und ebenso mit ihren Systemveränderungsträumen, die zu Recht allesamt gescheitert sind.

„Strategie der Verweigerung“ als Kernbestand der Revolte

Alys Provokation mit dieser „Ähnlichkeit“ ist also keine. Wenn er aber den 68ern, denen Freund und Feind heute bescheinigen, dass sie den Blick der Deutschen auf die NS-Vergangenheit nachhaltig geöffnet haben, gerade diese Wirkung abspricht, dann allerdings ist das eine steile These. Die 68er, sagt Aly, seien nicht Motor, sondern die Verzögerer, ein Hemmnis der spätestens mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozess in Gang gesetzten, staatlich gewünschten, gesellschaftlich weithin verweigerten Aufarbeitung der Geschichte gewesen. Ab Ende 1967, mit dem Vietnamkriegs-Protest, habe man das zentrale Problem des eigenen Landes in die Ferne projiziert. „Der neue Zauberspruch ließ die jungen Deutschen frei werden.“ Gemeint: „USA-SA-SS“, die damals oft skandierte und wohl dümmste Parole jener Zeit. Zum Kernbestand der Revolte, schreibt Aly, habe die „Strategie der Verweigerung“ gehört. „Sie richtete sich mit aller Kraft gegen die zentrale Frage der deutschen Geschichte: das Reden, Forschen und Nachdenken über Auschwitz.“

Mit dieser These kann Alys Buch nicht überzeugen – auch nicht Leser, die (wie die Autorin dieses Textes) Alys Analyse sehr gut nachvollziehen können, dass auch für die nachgeborene Generation der 68er die Wahrheit über die deutsche Geschichte oft mit Abwehrreflexen erkauft wurde, durch simple „Faschismus-Theorien“ oder Projektionen, zum Beispiel in Richtung USA oder in die Gegenwart des eigenen Landes. Erwuchs daraus, wenn man nach den subjektiven Absichten der 68er fragt, wirklich eine „mit aller Kraft gegen die zentrale Frage der deutschen Geschichte“ gerichtete Haltung? Eher wohl doch die (unreflektierte) Ambivalenz eines rigorosen Erkenntnisdrangs, der sich mit der lauten Kraftmeierei verbinden musste, die junge Menschen sich und anderen zumuten, wenn sie mehr wollen, als sie ertragen können. Wenn man überhaupt von einer allgemeinen Haltung „der“ 68er sprechen kann, dann war die doch typisch: Wir wollten es unbedingt wissen, öffentlich rücksichtslos gegenüber den Eltern und Großeltern, Lehrern und Professoren – und waren gleichzeitig voller Angst davor, ihre Gesichter in den grausigen Verbrechen zu entdecken.

Der persönliche Furor Alys muss befremden

Aly hat recht, wenn er die Prozesse und Enthüllungen über die Nazi-Zeit der frühen 60er Jahre aufzählt. Er macht sie zum Beleg gegen die gängige Sicht der Wirkung von ’68 auf die deutsche Geschichtsdebatte. Nun hat allerdings niemand behauptet, dass die 68er die Nazi-Verbrechen aufgedeckt hätten. Es war ja gerade die Kluft zwischen diesen langsam ruchbar werdenden Wahrheiten und den Elternhäusern, die davon nichts wissen wollten, die diese Generation angetrieben hat. Hat die 68er-Bewegung nach der Adenauer-Zeit dazu beigetragen, die deutschen Verdrängungen aufzubrechen und überfällige Modernisierungen anzutreiben? Aly schreibt, dass sie vor allem Symptom einer ohnehin auf der Tagesordnung stehenden Erneuerungskrise war. Gewagt. Zumal der Autor selbst vormacht, dass der Abstand für eine nüchterne Debatte über die Wirkung von ’68 offenbar immer noch zu gering ist.

Aly macht seinen Lesern über seine eigene Beteiligung am damaligen Zeitgeschehen nichts vor, einschließlich seiner bis 1973 andauernden Tätigkeit für die „Rote Hilfe“. Man glaubt ihm unbedingt, dass die Wiederbeschäftigung mit Dokumenten und Ereignissen dieser Zeit auch eine schwere „Selbstprüfung“ war. Umso merkwürdiger, dass der Leser sich durch eine pauschale Ex-68er-Schelte durcharbeiten muss, bevor er zu dem Kern des Buches gelangt, der ihm den sensationellen Titel gegeben hat. Und da schreibt Aly mit einem persönlichen Furor, der jeden befremden muss, erst recht, wenn er das ganz spezielle Biotop der Westberliner SDS-Führungszirkel nicht kennengelernt hat. Dort muss der Omnipotenz- Wahn schon in frühen Stadien jedes Maß überschritten haben. Und im eingemauerten Westberlin haben sich die menschlichen Hinterlassenschaften offenbar in einer Weise konserviert, die anderen Ortes schneller Vergangenheit wurden.

Die Energie, die Aly auf heutige Welt-Chefredakteure oder ehemalige grüne Bundestags-Vizepräsidentinnen verwendet, garantiert dem Buch sicher öffentliche Erregungs-Aufmerksamkeit. Wer wüsste nicht gern, wer neben den 68er-Karikaturen, die Aly nennt, die vielen ungenannten sind, die er nur beschreibt? Jeder kennt den einen oder anderen Alt-68er, der „immer auf der besseren Seite“ war. Nur: Die „Selbstprüfung“, die man Aly glaubt, haben natürlich viele seiner eben auch Generationsgefährten durchgemacht, die wie er den Irrtümern der 68er voran- oder nachgelaufen sind.

Weil er mit den 68ern pauschal polemisch verfährt, kommen zwei Stärken des Buches nicht genug zur Geltung. Erstens hat der Historiker Aly hartnäckig nach Dokumenten der „offiziellen“ Bundesrepublik gesucht und stellt sie im Buch vor. Staatssekretärsrunden über die Studentenunruhen, Treffen im Bundeskanzleramt, Anmerkungen des damaligen Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger, die – nach Überwindung der anfänglichen Theorie von der Fernsteuerung aus dem Osten – in ihrer Differenziertheit in interessantem Gegensatz zu der staatlichen Überreaktion stehen, die viele Studenten damals erst zu 68ern gemacht hat. Ein verdientes Denkmal setzt Aly den Mutigen dieser Zeit, denen viele 68er Abbitte schuldig sind, vor allem Richard Löwenthal und Ernst Fraenkel. War 68 eine totalitäre Bewegung, eine mit totalitären Zügen, bloß Krisensymptom oder Aufbruch? 40 Jahre danach ist es nicht zu früh für diese Fragen. Alys Antworten überzeugen nicht.

– Götz Aly: Unser Kampf 1968.  S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 256 Seiten, 19,90 Euro.

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