Politische Literatur : Nach unten offen

Wo war Deutschland von 1949 bis 1990? Peter Bender findet in Ost und West überraschende Gemeinsamkeiten.

Hermann Rudolph

Man muss die Dinge zuspitzen, damit hervortritt, was sie uns zu sagen haben. Bis 1949, dem Jahr der Gründung der Bundesrepublik und der DDR, gab es Deutschland, ganz ohne Wenn und Aber, und seit 1990, von der staatlichen Vereinigung an, existiert es wieder. Aber was war im größeren, vier Jahrzehnte andauernden Teil der Nachkriegszeit, in dem das Land geteilt war? Sollte es dazwischen, so fragt der Publizist Peter Bender, Deutschland nicht gegeben haben? Die Frage gibt sich provokativ oder gespielt naiv, je nachdem, die Antwort ist sein ehrgeiziger Versuch einer deutschen Geschichte seit 1945, deren Pointe im Untertitel von Benders Buches steckt: Er kündigt diese vielfach gebrochene, malträtierte Geschichte als „ungeteilte Nachkriegsgeschichte“ an. Hat es eine solche Geschichte gegeben? Oder, anders gefragt: Wie viel Gemeinsamkeiten waren in der Nachkriegsära und trotz der Teilung wirksam? Es liegt auf der Hand, dass es für das Selbstverständnis des vereinten Deutschland von immenser Bedeutung ist, wie es sich damit verhält.

Es ist Benders dritter Anlauf, die deutsche Nachkriegsgeschichte nach in ihr noch enthaltenen Zusammenhängen zu befragen. 1989, kurz vor der Wende, stand das Unternehmen unter dem Titel „Deutsche Parallelen“ und versprach „Anmerkungen zu einer gemeinsamen Geschichte zweier getrennter Staaten“; es endete mit der Hoffnung auf ein geteiltes, aber nicht getrenntes Deutschland. Nach der Vereinigung, 1996, fragte er unter dem Titel „Episode oder Epoche?“ danach, welchen Ort die Zweistaatlichkeit in der Geschichte beanspruchen könne, um ihr schließlich doch nur die Rolle einer Episode zuzubilligen. Nun sieht Bender im Gang der Dinge, so der schöne Titel, „Deutschlands Wiederkehr“, also das Hervortreten eines nicht Verlorenen: weil „es Deutschland noch gab“, so sein Schluss, konnten die Deutschen die Chance zur Wiedervereinigung nutzen.

Den bewährten Erzähl- und Gedankenansatz behält Bender bei. Er begreift die Nachkriegsgeschichte als Reaktion auf die Herausforderungen, die die wechselnde Lage den Deutschen diktierte: zunächst gegenüber dem Schicksal, das sich die Deutschen durch NS-Diktatur, Krieg und Niederlage selbst bereitet hatten, im Weiteren gegenüber den Bedingungen des säkularen Ost-West-Konflikts, schließlich dem weltpolitischen Wandel der 80er Jahre. Bender richtet den Blick darauf, dass sich da nicht nur Gegensätze zeigten, sondern auch paralleles Verhalten und vergleichbare Entwicklungen. An den Anfang stellt er eine Art Phänomenologie des deutschen Geschicks in ost-westlicher Brechung, Sie handelt von Schuld und Schande, von dem „gebrochenen Kreuz“ der Deutschen und der „Verstümmelung“ des Landes, von Trennung und Entfremdung – der unverzichtbare Grund der Nachkriegsgeschichte. Ihre Hauptbewegung sieht er in der Entwicklung, mit der aus dem Gegeneinander des Kalten Krieges im Laufe der 60er und 70er Jahre durch Entspannung und Koexistenz ein Nebeneinander wurde. Sie führt zu den tektonischen Verschiebungen in den 80er Jahren, die heute fast schon als Vorschein der Wiedervereinigung erscheinen, obwohl gerade damals kaum jemand nicht fest an die Dauer der Verhältnisse glaubte.

Benders Sicht der Dinge ist immer originell, voller Sinn vor allem für die schwierigen Binnenverhältnisse im geteilten Land, aber ihre eigentliche Prägung erhält sie durch seine brillante, zugreifende Darstellungsgabe. Da kann der Journalist, der Bender sein Leben lang war, den Historiker, als der er hier auftritt, beflügeln. Überhaupt bezieht das Buch seine Überzeugungskraft aus den pointierten, Beobachtung und Analyse verdichtenden Zuspitzungen. Der Autor rückt West- und Ostdeutsche in eine vergleichbare Perspektive, entdeckt Zusammenhängendes auch im Gegensätzlichen und bemüht sich, Verständnis dafür zu wecken, wie die Deutschen versuchten, mit den Verhältnissen zurechtzukommen, manchmal an ihnen rüttelten, öfter in einem Modus Vivendi verharrten. Ein leichter Sympathie-Überhang liegt bei den Menschen im Osten und ihrer Selbstbehauptung in den engeren Verhältnissen, ein spürbarer Vorbehalt gilt dem Westen. Aber es trifft ja zu, dass das Interesse der Westdeutschen am Ergehen der Ostdeutschen zunehmend lau wurde und dass alle Deutschen, wie Bender anmerkt, die gleiche Blickrichtung hatten, nämlich „nach Westen, aber die Bundesbürger kehrten dabei ihren Landsleuten den Rücken zu“.

Allerdings steckt in Benders Parallelaktionen auch eine Verführung. Sie machen die Dinge vergleichbarer, als sie sind, verdecken die tiefen, wohlbegründeten westlich-östlichen Verschiedenheiten in der Nachkriegsgeschichte. Waren denn, um zu Benders Ausgangspunkt zu kommen, die Herausforderungen, denen sich die besiegten Deutschen in West und Ost zu stellen hatten, wirklich die gleichen – hier in einer alles in allem freien Weltordnung, dort im Totalitarismus? Erst recht die Ziele: Wo doch der Wunsch, wieder wie andere Völker zu leben, im Westen gegen Interessen und eine aufgeklärte Hegemonie durchzusetzen war, im Osten aber eisern an eine Doktrin gebunden blieb! 40 Jahre, so schreibt Bender, hätten sich West und Ost im gleichen Zwiespalt von Abhängigkeit und Emanzipationswillen befunden. Doch diese Gleichheit ist bestenfalls so gleich wie, sagen wir, Carter und Breschnew.

Die Wissenschaftler nähern sich der Nachkriegsgeschichte vorerst über den Zangengeburtsbegriff von der „asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte“. Dieses Programm verwirklicht Bender locker, lesbar und gibt eine Fülle von Ansichten und Einsichten dazu. Aber der Leitstrahl, den er mit der Frage installiert hat, wo denn Deutschland war, als das Land geteilt war, also: die Suche nach dem Ungeteilten in dieser Nachkriegsgeschichte, nach der Einheit in der Teilung, verschwimmt im Vergleichen und Pointieren. Das liegt vielleicht dann doch weniger am Autor als an der Geschichte selbst. Am Ende fällt er zurück hinter das kunstvoll geknüpfte Gewebe seiner ungeteilten Geschichte – und zeigt sich skeptisch gegenüber der von ihm beschworenen fortwirkenden Kraft des Zusammenhangs. Ihr verdanke sich Deutschlands Wiederkehr nur zum Teil. Zum anderen den günstigen Umständen: „Wir hatten Glück“ ist Benders Schlusssatz. Wer mag ihm widersprechen?


– Peter Bender:
Deutschlands Wiederkehr. Eine ungeteilte Nachkriegsgeschichte 1945–1990. Klett-Cotta, Stuttgart 2007. 319 Seiten, 23, 50 Euro

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