Politische Literatur : Völkermord 2.0

Ein alter Bekannter, ein wichtiges Buch: Der amerikanische Historiker Daniel Goldhagen hat sich des politischen Massenmordes angenommen – diesmal in globaler Perspektive.

Martin Zähringer
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"Schlimmer als Krieg" , die neue und profunde Studie von Daniel Goldhagen.

Der amerikanische Historiker und Genozidforscher Daniel Jonah Goldhagen hatte schon 1996 mit „Hitlers willige Vollstrecker“ die Forschungsperspektive in Sachen Holocaust auf die Täter verschoben. In seinem heftig umstrittenen – und kommerziell sehr erfolgreichen – Buch war Goldhagen damals der Frage nachgegangen, warum und wie der Holocaust geschah und was ihn ermöglichte. Seine Antwort: Hitler und die Deutschen verunglimpften, verfolgten und vernichteten die Juden aus einem „eliminatorischem Antisemitismus“ heraus, der im „Dritten Reich“ auf besonders fruchtbaren Boden gefallen war.

In seiner neuen und profunden Studie „Schlimmer als Krieg“ erweitert Goldhagen sein Buch jetzt um eine globale Dimension – und antwortet damit auch auf Forderungen vieler Historiker, die ihm antideutsche Reflexe und Ignoranz gegenüber Antisemitismus und Massenmorden in anderen Staaten vorgeworfen hatten. Vergleiche scheut der Autor dabei nicht: der Holocaust und Ruanda, Kambodscha und Indonesien erscheinen dabei auf einer Seite. Das synchrone Vergleichen soll jedoch keineswegs historisch relativieren. Aussagen von Tätern, Opfern und Zeugen des globalen Geschehens dienen der Herausarbeitung allgemein gültiger Kriterien. Es geht um die Erklärung der „modernen Eliminierungspolitik“, der übergeordnete Begriff des Forschungsgegenstandes lautet „politischer Eliminationismus“.

Ketzer, Abweichler, Untermenschen und Dämonen

Entscheidend für die Durchführung eliminatorischer Angriffe sei „der Wunsch, Völker oder Gruppen zu eliminieren“. Politische Entscheidungsträger als Vollzieher dieses Wunsches seien deshalb bedeutsam für die moderne Eliminierungspolitik des 20. Jahrhunderts. Goldhagens Buch beginnt in diesem Sinn mit einem Überraschungsangriff auf Harry Truman – dessen Entscheidung, Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abzuwerfen, habe ihn zum Massenmörder gemacht. Seinen historischen Anfang habe das Jahrhundert des „Eliminationismus“ aber beim deutschen Genozid an den Herero, sein vorläufiges Ende bei den Massenmorden des sudanesischen Regimes in Südsudan und in Darfur. Goldhagen setzt eine gewisse Vorkenntnis aus anderen Quellen des Völkermord-Diskurses voraus. Er referiert keine chronologische Abfolge, sondern konzentriert sich auf eine Diskussion der „eliminatorischen Verfahren“.

Vertreibung, Internierung, Vergewaltigung, Todesmarsch und Massenmord sind, so Goldhagen, die Verfahren eliminatorischer Angriffe. Voraussetzung dafür seien dabei in unserer Epoche fünf Faktoren: die Transformationskraft des modernen Staates, innenpolitische Konflikte, die Toleranz des internationalen Umfeldes, die Gelegenheit oder der unmittelbare Kontext und die Überzeugungen von der Richtigkeit des eigenen, mörderischen Tuns. Dafür sorge im Vorfeld das „gesellschaftliche Gespräch“ für die Dämonisierung und Entmenschlichung der späteren Opfer. So definierte man über längere Zeit chinesische Grundbesitzer als Schlangengeister, Tutsi als Kakerlaken, kambodschanische Intellektuelle als Schlangen, Juden als Teufelsanbeter – und damit als lebensunwert.

Der Textteil zum eliminatorischen Geschehen ist gelegentlich sperrig, einiges wiederholt sich und die moralisch-psychische Belastung durch das Bildmaterial trägt weiter zu einer schweren Lektüre bei. Aber Goldhagens wissenschaftliche Kategorisierung der Ergebnisse ist akkurat. Er unterscheidet vier Gruppen „entmenschlichter oder dämonisierter Opfer“: existenzielle Feinde, Ketzer/Abweichler, Untermenschen und Dämonen. Diesen vier Gruppen lässt sich ein Status zuordnen. Aus einem grafischen Modell liest man so Beispiele heraus: Tschetschenen waren für Russen existenzielle Feinde, aber nicht entmenschlicht und nicht dämonisiert. Kommunisten waren für die Nazis („Die Deutschen“) Abweichler – dämonisiert, aber nicht entmenschlicht. Armenier waren für die Türken Untermenschen – nicht-dämonisiert, aber entmenschlicht. Am schlimmsten trifft es die Juden: Sie waren für Deutsche, Slowaken und Kroaten nur Dämonen, sowohl entmenschlicht wie auch dämonisiert. Dieser doppelt tödliche Status galt, schreibt Goldhagen, sonst nur für die Hutu in Burundi und die Tutsi in Ruanda.

Goldhagen vermeidet, seine Kategorien im engeren Nahostkonflikt anzuwenden

Goldhagens Wissenschaft des Eliminationismus als „Naturgeschichte des Völkermordes“ versucht gewagt, alle konträren Großtheorien zu überbieten, die – auch in den Vereinten Nationen vergeblich – um Definitionen und Handlungsoptionen bemüht werden. Beziehungsweise, wie Goldhagen beklagt, gar nicht erst bemüht werden, weil die Vereinten Nationen selbst durchsetzt seien mit Akteuren eliminatorischer Politik. In seinem Sinne wäre jegliches eliminatorische Geschehen als „Krieg gegen die Menschheit“ zu deklarieren, nichtmilitärische Mittel dagegen wären ein Informationsbombardement betreffender Länder oder eine resolute Kopfgeldpolitik gegen die Massenmörder.

Diese Maßnahmen werden auf einen Gegner bezogen, der für Goldhagen als einzige eliminatorische Kraft von heute erkennbar ist: Der politische Islam in Ländern wie Iran, Sudan, Somalia und Akteuren wie Hisbollah, Hamas, Taliban sowie Al Qaida. Und die Juden seien jene Opfergruppe, die wieder einmal ihren doppelten Opferstatus erreicht. Goldhagen vermeidet konsequent, seine eigenen Kategorien im engeren Nahostkonflikt anzuwenden. Die „Unterdrückung angefeindeter Menschen in der eigenen territorialen Einflusssphäre“, die Wandlungsformen von Opfern zu Tätern diskutieren jüdische Intellektuelle in Israel schon lange offen.

Anregend ist das Buch trotz allem – für die wissenschaftliche und die politische Debatte zu einem globalen Problem.


Daniel Jonah Goldhagen: Schlimmer als Krieg. Wie Völkermord entsteht und wie er zu verhindern ist. Siedler Verlag, München 2009. 666 Seiten. 29,95 Euro.

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