Porträt : Der Diktator als junger Mann

Der Historiker Simon Sebag Montefiore lichtet das Dunkel um die Frühzeit des Sowjetführers Stalin.

Bernhard Schulz
Stalin Foto: Promo
Kaukasischer Revolverheld. Josef W. Dschugaschwili, der künftige Stalin, 1921. -Foto: Promo

Im Frühsommer 1907 blickte die Welt auf das abgelegene Tiflis. Die Zeitungen meldeten ein gewaltiges Bombenattentat, begangen am helllichten Tag mitten in der georgischen Hauptstadt. Vierzig Menschen kamen ums Leben, als eine Bande aus einem Transport der Staatsbank die enorme Summe von 300 000 Rubeln erbeutete. Der Planer des Wildwest-Überfalls war ein 28-jähriger Georgier. Ob er selbst teilnahm oder den Überfall nur beobachtete, muss wohl für immer ungeklärt bleiben. Bekannt aber ist, wer der junge Terrorist war – und wer er später wurde: Stalin.

Jugend und Reifezeit Stalins lagen bislang im Dunkeln. Gemeinhin galt, dass Stalin als farbloser Parteibürokrat quasi aus dem Nichts aufgetaucht sei. Trotzki, der charismatische Schöpfer der Roten Armee, verachtete seinen Rivalen als personifiziertes Mittelmaß. Anders als Trotzki, anders als alle Bolschewikenführer war „Koba“ – so sein Deckname – nie im Exil. Stattdessen führte er das ruhelose Leben eines kaukasischen Revolverhelden. Unmittelbar vor der Oktoberrevolution musste er sich gar vier lange, bitterkalte – und prägende – Jahre in der sibirischen Verbannung durchschlagen.

Der englische Historiker-Journalist Simon Sebag Montefiore, der vor vier Jahren mit der dickleibigen Gruppenbiografie „Stalin – Am Hof des Roten Zaren“ Furore machte, legt nun die gleichermaßen fesselnde Darstellung der frühen Jahre des Georgiers Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili vor, der sich nach tausenderlei Pseudonymen 1912 den Kampfnamen Stalin gab. Montefiore füllt damit eine fühlbare Lücke. So viel über den Diktator Stalin schon seit dessen Lebzeiten geschrieben wurde, so wenig über den Werdegang des 1878 in der verrufenen Kleinstadt Gori geborenen Schustersohnes. Montefiore, der Trotzkis hochnäsiges Urteil zurückweist, malt das lebenspralle Bild eines Gewaltmenschen, Revolverhelden, Schürzenjägers, aber auch eines hoffnungsvollen Dichters seiner Muttersprache und lesehungrigen Autodidakten, geleitet von eisernem Willen, vertrauend auf niemanden als sich selbst, intelligent, verschlagen, skrupellos und machtbesessen, der im Bolschewismus seine Religion findet. Dabei führte ausgerechnet das Meisterstück seiner kaukasischen Banditenjahre, der Überfall von Tiflis, fast zum politischen Verhängnis: dem – später sorgsam vertuschten – Parteiausschluss. Was Montefiore über Stalins Jahre als Berufsverbrecher im Erdöldorado Baku – sogar in Diensten der Rothschilds! – herausgefunden hat, klingt nach morgenländischer Fantasterei. „Seine vorrevolutionären Leistungen und Verbrechen waren viel umfangreicher, als wir geahnt haben“, rückt der Autor die Ergebnisse seiner zehnjährigen Recherchen ins Licht.

Mit der üblicherweise herangezogenen „Paranoia“ als Erklärung für Stalins Despotismus gibt sich Montefiore nicht ab, und seinen gewalttätigen Vater und die freudlose Kindheit will er als vulgärpsychologische Erklärungsmuster nicht gelten lassen. Wie schon für sein turbulentes Kreml-Buch hat er in den mittlerweile zugänglichen, jedoch erstaunlich wenig konsultierten Archiven Georgiens gewühlt, hat die wenigen noch lebenden Zeitzeugen aufgespürt und bemüht seinen kriminalistischen Scharfsinn, um verbleibende Lücken in der Chronologie der Ereignisse zu füllen. Als einfühlsamem Erzähler geraten ihm Episoden wie die des Tifliser Bankraubs oder aber Lebensabschnitte wie der der sibirischen Verbannung von 1913–17, die bislang nahezu Leerstellen in der Stalin-Literatur bildeten, zu eindringlichen Schilderungen der überraschend vielschichtigen Persönlichkeit des Georgiers.

Allein beim von „Sosso“ – so sein früher Kosename – zumindest nicht verhinderten Tod seiner ersten Frau Kato 1907 empfindet der spätere Völkervernichter anrührenden Schmerz. „Mit ihr sind auch meine letzten zärtlichen Gefühle für die Menschheit dahingeschwunden“, erklärt Sosso. Doch den einzigen Sohn lässt er gleichgültig zurück. Später zeugt er in Sibirien zwei uneheliche Nachkommen. Dazu gibt es zahllose Liebschaften, denen Stalin, fixiert allein auf Macht an sich, keine sonderliche Bedeutung einräumt.

Montefiore empfindet durchaus Sympathie für seinen Helden. Nicht zuletzt befreit er ihn vom Makel des „Bauerntölpels“, als den ihn Trotzki bereits nach ihrer ersten Begegnung, 1907 in London, fatalerweise geringschätzt. Lern- und lesewütig saugt Stalin auf, was ihm an Bildung versagt geblieben war, seit er das Tifliser Priesterseminar – das Traumziel seiner ehrgeizigen, dominanten Mutter – 1899 im Streit verlassen musste. Was ihm an Brillanz abgeht, macht er durch taktisches Geschick mehr als wett. Und er hat ein beispiellos gutes Gedächtnis. „Mein größtes Vergnügen ist es, mir ein Opfer auszuwählen, meine Pläne detailliert vorzubereiten, unversöhnliche Rachegefühle zu stillen“, soll er Lew Kamenew, dem eher gemäßigten bolschewistischen Mitverbannten und späteren Opfer des „Großen Terrors“, erklärt haben.

Die Analyse der widerstreitenden politischen Positionen, zumal im Jahr der Revolution 1917, ist Montefiores Sache weniger. Als begnadeten Erzähler fasziniert ihn die Zufälligkeit, bisweilen auch Lächerlichkeit der historischen Ereignisse; beispielhaft die karnevaleske Erstürmung des nahezu menschenleeren Winterpalastes in St. Petersburg. Die theoretischen Bemühungen Stalins, die später kanonischen Charakter erhalten sollten, verbannt der Autor lieber in Fußnoten. So im Falle der wichtigsten Schrift der Untergrundzeit, „Marxismus und nationale Frage“, entstanden 1913 in Wien. Stalins Wandel vom patriotischen Georgier zum chauvinistischen Großrussen, der sich über die Sprache hinaus auch die Sache der Unterdrücker seiner Heimat aneignet, bleibt weiterhin erklärungsbedürftig.

„Stalin war durchaus kein geborener Bürokrat“, resümiert Montefiore, „sondern ein fleißiger, völlig auf die Politik konzentrierter Arbeiter. Alles an ihm war politisch geprägt, aber er hatte einen exzentrischen, strukturlosen, unbürokratischen, fast bohemehaften Stil, der in keiner anderen Umgebung hätte erfolgreich sein können.“ Was der Autor auf gut 500 Seiten ausbreitet, ist ein abenteuergesättigtes Lebensbild, wie es kaum eine Parallele kennt. Stalin, der sich später als Verkörperung der bolschewistischen Partei stilisierte, wird bei ihm zur menschlichen Gestalt, mit allen denkbaren Abgründen, unverwechselbar geprägt vom Milieu des Untergrunds. Nur unter dem Zufall der Ereignisse von 1917 konnte Koba dauerhafte politische Macht erringen. Zu diesem Zeitpunkt ist Stalin wohl der Eigentümlichste unter seinen Genossen – und doch der Einzige neben dem bewunderten Lenin, der die Bolschewiki zu ihrer welthistorischen Bedeutung führen konnte, mit welch abscheulichen Mitteln auch immer. Apropos abscheulich: Unter Zar Nikolaus II. wurden binnen zweier Jahrzehnte 12 000 politische Gegner nach Sibirien verbannt. Unter Stalin erreichte die Zahl der Deportationen mindestens 20 Millionen.

Am heutigen Montag spricht Simon Sebag Montefiore mit Jörg Baberowski über sein Buch im Museum Dahlem (Lansstraße 8, 19.30 Uhr, Eintritt 10 €).

– Simon Sebag Montefiore: Der junge Stalin. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007. 537 Seiten, 24,90 Euro.

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