Rafael Chirbes : Im Fluss der Zeit

Die Schöne, der Macher und die Schriftsteller: Rafael Chirbes’ "Krematorium" ist ein SPrachungeheuer.

Andreas Resch

Dieses Buch ist ein vielköpfiges Sprachungeheuer. Auf 430 Seiten breitet es die Ereignisse eines einzigen Vormittags im fiktiven südspanischen Urlaubsort Misent aus. Rafael Chirbes mitunter schwer lesbarer Roman „Krematorium“ ist eines jener raren Bücher, die sich scheinbar wie von selbst erzählen – ein nicht versiegen wollender stream of consciousness, ein Klangteppich, gewoben aus literarischen Verweisen, Gedankenfragmenten, Reflexionen und Sinneseindrücken.

Kapitelweise springt der Text von Figur zu Figur, und es dauert etwas, bis sich die Erzählstränge zu einer einigermaßen kohärenten Handlung fügen. Zu Beginn erleben wir den Morgen aus der Perspektive des reichen Bauunternehmers Rubén Bertomeu, wie er in einem Stau steht und seine Beziehung zu seinem kürzlich verstorbenen jüngeren Bruder Matías reflektiert. Weitere Protagonisten: Rubéns junge Frau Monica, die auf den richtigen Augenblick wartet, um ihrem Mann zu erzählen, dass sie ein Kind von ihm erwartet; Rubens Tochter Silvia, die den Onkel stets dem Vater vorgezogen hat; und Silvias Ehemann Juan, ein Literaturprofessor. Dann gibt es noch den todkranken, Drogenexzessen nicht abgeneigten Schriftsteller Federico Brouard, sowie Rubéns Handlanger Ramon Collado. Das Element, das die einzelnen Stränge zusammenhält, das die Figuren animiert, für einen Moment innezuhalten, ist Matías’ anstehende Beerdigung. Der Tote ist der große Abwesende dieses Romans, ein Geist, der in den Erinnerungen der Hinterbliebenen herumspukt.

Begeisternd an diesem Buch ist, dass Chirbes seine Charaktere nicht als in sich geschlossene, sich aus sich selbst heraus erklärende Wesen konstruiert hat. Vielmehr konturieren sie sich größtenteils über ihre Differenz: anhand von Spiegelungen, Kontrastierungen und Brechungen. So sind Rubén und Matías Antipoden. Im Gegensatz zum Macher Rubén war Matías ein Traumtänzer, seine „Städte nur aus Wörtern erbaut“. In dem Maße, in dem Rubén von den Menschen in seiner Umgebung verachtet wird, wird Matías von ihnen ikonisiert, ohne dass man recht begreifen würde, warum.

Silvia wiederum ist als Restauratorin, als Bewahrerin des Schönen, ihrem Vater, dem Architekten des Pragmatisch-Hässlichen, zwar diametral entgegengestellt – gleichzeitig ähneln sie sich in ihrer kreativen Mittelmäßigkeit. Brouard und der Wissenschaftler Juan schließlich verkörpern zwei unterschiedliche Schriftstellerkonzepte: Brouard schreibt aus dem Geworfensein der eigenen Existenz heraus. Juan dagegen, der gerade an einer Brouard-Biografie arbeitet, könnte ohne einen Untersuchungsgegenstand nicht existieren. Doch auch Brouard ist auf einer materiellen Ebene von Juan abhängig, der dem Schwerkranken hilft, seinen Alltag zu bewältigen.

Ein zentrales Thema von „Krematorium“ ist die Zeit. Auch hier arbeitet Chirbes mit Kontrastierungen. Zum einen gibt es eine Genauigkeit des Beschriebenen: Wenige Augenblicke erzählter Zeit können sich hier auf viele Minuten Lesezeit dehnen. Gleichzeitig springt der Text zwischen den Dekaden hin und her, verbindet so weit von einander Entferntes – stets auf der Suche nach jenem sich verflüchtigenden Augenblick, in dem ein Mensch nicht mehr derjenige ist, der er eben noch war, aber auch noch nicht der, der er irgendwann einmal sein wird. Der Moment, in dem die Fremdheit einsetzt.

Rafael Chirbes: 

Krematorium. Roman. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Verlag Antje Kunstmann, München 2008. 432 Seiten, 22 €.

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