Roberto Bolaño : Die finstere Würde des Vaterlands

Roberto Bolaño erzählt in seinem funkelnden „Chilenischen Nachtstück“ von den Problemen des Künstlers in der Diktatur.

Maja Rettig
Roberto Bolano
Roberto Bolano: Chilenisches Nachtstück -Foto: promo

Ein mittelmäßiger chilenischer Dichter, der weitaus berühmter als Literaturkritiker und auch als Priester ist, liegt im Sterben. Sein Leben lang sei er mit sich im Reinen gewesen, beteuert Sebastián Urrutia Lacroix auf dem Sterbebett. Aber – und dann hebt er zu einer absatzlosen Rechtfertigungssuada an, bei der aber unklar ist, was die Vorwürfe sind und wer sie erhebt.

Es ist ein dunkles, zunächst schwer durchschaubares „Chilenisches Nachtstück“, das der 2003 gestorbene chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño hier vorgelegt hat. Ein Roman, dessen Redefluss Abschweifungen erzeugt, Abschweifungen der Abschweifungen und Anekdoten, die von Andeutungen und Unzuverlässigkeitshinweisen durchsetzt sind. Das öffnet den Raum für wüste Vermutungen: Was ist mit der Libido des Priesters, geht er auf die Avancen des Kritikerpapstes Farewell ein? Was geschieht, wenn er mit einem anderen Geistlichen „unvergessliche Stunden“ verbringt? Sebastián Urrutia Lacroix ist ein sich Windender. Obwohl es doch so rundläuft in seinem Leben, wird er immer wieder heimgesucht von Fiaskogefühlen, träumt er von dem Unheil, das ihn schon bald ereilt.

Dabei ist das reale Unheil gar nicht so weit. Das verschwiegene Zentrum seiner Beredsamkeit ist nämlich nicht sein verbotenes Begehren, sondern die ästhetizistische Existenz des Kunstkritikers und Künstlers in politisch hochproblematischer Zeit. Während der Demonstrationen gegen Chiles Regierungschef Allende, da Mangel und Inflation sich ausbreiten, liest Bolaños Held griechische Tragödien. Nach dem Militärputsch durch General Pinochet hält er kurz inne, „einen Finger zwischen den Seiten des Buchs, das ich las, und dachte: welch ein Frieden“. Und was macht die Kirche? Sie schickt ihn nach Europa, damit er untersucht, wie Taubenexkremente die Kirchen zerstören. Und das zu einer Zeit, da Chile brennt!

Bolaños Roman handelt von der Obszönität einer rein auf die Kunst ausgerichteten Existenz unter der Diktatur, vom Verhältnis der Kunst und des Kunstbetriebs zur Gewalt, auch vom dem der Kirche zur Gewalt. Diese Obszönität kulminiert auf einer Party des „Literatengesindels“, wo ein halbtotes Folteropfer gefunden wird: „Und der Avantgardetheoretiker schloss leise die Tür, ohne Lärm zu machen.“

Auch der Erzähler verstrickt sich immer weiter schuldhaft: Auf Anfrage erteilt er als umfassend gebildeter Mensch und Nichtmarxist den Putschisten Nachhilfeunterricht in Marxismus – damit sie den Feind besser verstehen. Der Weg von Roberto Bolaño war dem seines Helden genau entgegengesetzt. Als zwanzigjähriger wollte Bolaño unter Allende den Sozialismus mitaufbauen helfen – wofür er unter Pinochet kurzzeitig in Haft kam. Danach verließ er Chile für immer, die meiste Zeit lebte er in Spanien. Bolaño musste den Preis des Exils zahlen, seine Bücher wurden im spanischsprechenden Raum und in Europa erst kurz vor seinem Tod wahrgenommen und gefeiert. Trotzdem ist sein Werk keineswegs im pädagogischen Sinn „engagiert. Bolaño zeigt die Realität als surrealistisch inspirierte Ungeheuerlichkeit. Das „Chilenische Nachtstück“ instrumentalisiert die Literatur nicht, und es denunziert sie auch nicht. Dieser Roman ist Feier und Parodie der Kunst.

Bolaños Ironie arbeitet mit deftigen Brüchen, oft aber ist sie kaum zu greifen. Als der Erzähler in jungen Jahren Pablo Neruda begegnet, verbindet sich in der Schilderung dieser Szene sein Pathos mit der Ironie des Autors zu einer Art zärtlichem Spott von bezaubernd schiefer Poesie. Der große Dichter „murmelte mit tiefer Stimme Worte vor sich hin, die für niemand anders als den Mond bestimmt sein konnten. Ich erstarrte zu einem Ebenbild der Reiterstatue, die linke Hand halb erhoben. Es war Neruda. Was sonst geschah, weiß ich nicht. Dort stand Neruda, ein paar Meter weiter ich selbst, in tiefer Nacht, vom Mond beschienen, umstanden von der Reiterstatuette, den Pflanzen und Chiles Gehölzen, umfangen von der finsteren Würde des Vaterlands.“ In dieser Reibung liegt auch die Kunst, einen Ich-Erzähler überzeugend als mittelmäßigen Poeten entworfen und zugleich selbst ein großartig funkelndes Buch geschrieben zu haben.

Roberto Bolaño: Chilenisches Nachtstück. Roman. Aus dem Spanischen von Heinrich von Berenberg. Hanser Verlag, München 2007.

157 Seiten, 17,90 €.

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