Roman : Nathans Beschwerden

Erziehung der Lust: Robert Menasses Zeit- und Bildungsroman "Don Juan de la Mancha".

Gerrit Bartels
Robert Menasse
Robert Menasse: "Don Juan de la Mancha". -Foto: Promo

Ein Foto ziert die letzten zwei Seiten dieses Romans. Eine Blumenkinderidylle ist darauf zu sehen: junge Leute, die auf einer Wiese unter Bäumen sitzen. Mitten unter ihnen Robert Menasse, auf den ein weißer Pfeil zeigt: vollbärtig, langhaarig, gut gelaunt. Unter dem Foto steht ein Pessoa-Zitat: „Genau dasselbe Leben noch einmal, nur anders.“ Dies ist der letzte spielerische Witz eines witzigen Bildungsromans, der vermutlich autobiografische Züge trägt und von den Folgen der späten sechziger- und langen siebziger Jahre auf das Liebesleben junger Menschen und insbesondere Männer erzählt. Von einer Zeit also, in der in Liebesdingen alles und eigentlich auch wieder nichts möglich war, in der den Männern von den Frauen erklärt wurde, warum Liebe und Penetration ein Widerspruch sind, in der der „ideologisch korrekte Beischlaf“ das höchste aller Lustgefühle darstellte. Und in der eine vor einem Che-Guevara-Plakat sitzende Schöne mit Joint in der Hand nicht davor schützte, sich plötzlich in der schlimmsten Spießerehehölle wiederzufinden.

Das alles widerfährt Menasses Icherzähler Nathan, der zum einen als titelgebender „Don Juan de la Mancha“ zuweilen arg chronologisch die Frauen seines Lebens kennenlernt und sexuelle Befreiungen und Abstürze erlebt. Den wir zum anderen aber von Beginn an auch als zynisch-gealterten Mittfünfziger und Journalisten kennenlernen, der mit seiner aktuellen Geliebten Christa Sex mit Chilischoten praktiziert. Und der sich vor allem immer wieder auf der Couch seiner Psychotherapeutin erzählend und lügend seines Lebens von Kindheit an erinnert. Da ist Nathans Vater, ein Gesellschaftsreporter, der „kein Privatleben mehr hatte, sondern nur noch den privaten Genuss all der Möglichkeiten, die das Leben für jene bereithielt, die in der Öffentlichkeit standen“.

Der Vater verlässt Nathans Mutter schon bald und spielt dann angeblich keine weitere Rolle mehr in Nathans Leben. Und da ist die Mutter, die viele Verehrer hat, ohne dass diese für den jungen Nathan Vorbildfunktion haben. Nein, er muss seine Erfahrungen selbst machen, muss selbst seine Erziehung der Lust und nicht die der Gefühle vornehmen: angefangen von Barbara, der Sekretärin seines Professors, die ihn entmannt, über Helga, die in seine erste Bude einzieht, und Anne, mit der es nichts wird, bis zu Martina, seiner ersten Ehefrau, sowie Alice, einer schwierig-unerfüllten Liebe, und Beate, der zweiten Ehefrau.

Das alles hat ein bisschen was von Nick Hornby oder Frank Goosen („das waren die Frauen in meinem Leben, von denen will ich was erzählen“), nur ohne Pop, wird von Menasse aber heiter, ironisch und vielfach gebrochen erzählt. Nathan ist ein großer Freund von Kalauern, neigt aber genauso zu selbstkritischen und gesellschaftskritischen Reflexionen. Wobei sich mitunter nicht recht unterscheiden lässt, wo der Kalauer beginnt, die Sentenz ihren Fortgang nimmt und der knallharte Gedanke endet: „Es war eine Schule des Lebens – allerdings nur, wenn man für die Zeit nach der Schule ein Leben ohne Lust erwartet.“ Oder: „Ich fürchte, dass ich damals die Weltrevolution sogar als Voraussetzung für einen Orgasmus sah: Erst wenn alles Unglück der Welt beseitigt ist, wird mein Glück nicht relativ, sondern absolut sein können.“

Unterhaltsam ist dieser Roman allemal, und Tempo hat er auch, da Robert Menasse viele kleine Geschichten und Anekdoten auf gleich 83, mitunter recht kurze Kapitel verteilt. Dabei distanziert er sich geschickt auch von den Romanen der großen alten Schriftsteller Philip Roth, John Updike und Martin Walser über alte Männer und die Liebe. Trotzdem verdankt er gerade dem Frühwerk von Philip Roth einiges an Inspiration: Nicht umsonst heißt Menasses Held Nathan (so wie Roths Lieblingsfigur Zuckermann), nicht umsonst braucht dieser die Psycho-Couch, um loszulegen (so wie alle Roth-Figuren), nicht umsonst wird Nathans Leid durch Sex erst schön und literarisch. Nur seine jüdische Herkunft scheint so gar nichts abzuwerfen. Bezeichnenderweise schwächelt Menasses Roman dort etwas, wo er sich ganz im Zeichen der Weltrevolution befindet, wo Nathan seinen späteren Zeitungskollegen Franz und seine stachelige Liebe Alice Mitte der siebziger Jahre im Institut für Publizistik kennenlernt, im Seminar „Geistes- und Theoriegeschichte der Wirtschaftswerbung“.

An diesen Stellen, da Menasse aus Nathans allerdüsterster Zeit direkt erzählt, verliert „Don Juan de la Mancha“ kurz an Fahrt und bekommt einen gestelzten Abrechnungscharakter, den Menasse ansonsten elegant und mit viel Ironie zu überspielen weiß. Da braucht es erst den zeitgleichen Tod der Eltern und befremdliche, chemisch erzeugte Fruchtwassererlebnisse in der Badewanne, um davon wieder wegzukommen und dann auf ein schönes Finale zusteuern zu können.

Nur wer die Frau ist, auf die ebenfalls ein weißer Pfeil auf dem Foto am Ende des Romans zeigt, und warum diese Frau solcherart ausgestellt wird, verrät Robert Menasse nicht. Das hätte man nach alldem doch gern gewusst.

Robert Menasse: Don Juan de la Mancha. Roman. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2007. 276 Seiten, 18,80 €

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