Sachbuch : Triumph der Scheinheiligkeit

Der Vatikan und das Geld: Für den Publizisten Curzio Maltese ist die katholische Kirche in Italien eine „geheimnisumwitterte Größe“.

Hannes Schwenger

Von Josef Ratzinger, inzwischen besser bekannt als Papst Benedikt XVI.,stammt die Bemerkung, dass sich die katholische Kirche in ihrer zweitausendjährigen Geschichte nicht immer „aus eigener Kraft von materiellen Dingen befreien konnte, sondern dass diese ihr von anderen genommen wurden; und das war am Ende ihre Rettung“.

Nimmt man das wörtlich, dann könnte sich Curzio Maltese mit seinem neuen Buch als potenzieller Retter der Kirche brüsten, so scharf geht er mit den Finanzen des Vatikans ins Gericht. Aber so weit geht der namhafte italienische Publizist und Kirchenkritiker nicht, der sich mit einem früheren Buch immerhin rühmt, er habe nachgewiesen, dass Papst Pius XII. „zu den Hauptverantwortlichen des 2. Weltkriegs“ zählt. Mit dem jüngsten habe er nur „ein bescheidenes Ziel: Es will darüber aufklären, wie die öffentliche Finanzierung der ’ehemaligen’ Staatsreligion funktioniert.“ Die Gänsefüßchen für ’ehemalig’ erklärt er mit seiner Kernthese, die katholische Kirche habe seit der Trennung von Kirche und Staat in Italien ihre politische und ökonomische Macht nicht eingebüßt, sondern sogar erheblich erweitert und jeder Kontrolle entzogen.

Noch immer sei sie die einzige Religion, die über einen eigenen Staat und eine eigene Bank verfügt, aber sich dennoch vom italienischen Staat und Steuerzahler alimentieren lässt: Seit den Lateranverträgen – dem von Mussolini geschlossenen Konkordat – verfügt der Vatikan über umfangreiche materielle Privilegien, unter anderem Steuerfreiheit für das Eigentum und die Bewohner des Vatikans, Zollfreiheit für alle Importwaren, einen eigenen Bahnhof auf Kosten des italienischen Staats und staatliche Besoldung der Religionslehrer für den Religionsunterricht an allen weiterführenden staatlichen Schulen. Allein 700 Millionen Euro im Jahr zahlen Staat und Kommunen als Zuschüsse für kirchliche Bildungs- und Gesundheitsdienste. Seit 1990 behält der italienische Fiskus acht Promille der Einkommenssteuer für soziale Zwecke ein, die der italienischen Bischofskonferenz (CEI) zufließen; laut Maltese sprudelt damit „ein Geldstrom in die Kassen der CEI, der bald auf eine Milliarde Euro pro Jahr anschwillt“. Doch nur ein Fünftel dieser Summe wende die katholische Kirche tatsächlich für wohltätige Zwecke auf, vier von fünf Euro „dienen der Eigenfinanzierung“.

Dazu zählen außer Priestergehältern und Ausgaben für Gottesdienste und Religionsunterricht auch Aktivitäten auf dem Finanz- und Immobiliensektor; keine quantité negligeable, wenn man weiß, dass ein Viertel von Grund und Boden in Rom der Kirche gehören und dass sie in kirchlichen Immobilien in ganz Italien in großem Umfang Hotel- und Tourismuseinrichtungen betreibt; zumeist steuerfrei, da ein entsprechendes Dekret alle Immobilien von der Grundsteuer befreit, die nicht ausschließlich kommerziellen Zwecken dienen. „Tatsächlich“, erläutert Maltese, „verfügen jedes Hotel, jedes Kino und sogar die Buchhandlungen über eine Kapelle oder wenigstens einen religiösen Schaukasten zum Beweis der ’nicht ausschließlich kommerziellen Nutzung’.“ Maltese nennt das einen „Triumph der Scheinheiligkeit“, der seinem Buch den Titel leiht: Scheinheilige Geschäfte.

Über deren Umfang kann auch er keine eindeutigen Angaben machen, „da verlässliche Zahlen fehlen und die Kirche dazu neigt, die tatsächliche Nutzung ihrer Immobilien zu verschleiern“. Die vatikanische Holdinggesellschaft APSA und das römische Pilgerwerk ORP haben zudem in Italien exterritorialen Status und müssen keine Bilanzen vorlegen. Als einzige internationale Behörde untersuchte die Federal Reserve 2002 die Finanzen des Vatikans im Hinblick auf die in den USA anfallenden Zinsen; mit dem Ergebnis, dass der Vatikan in den USA über rund 600 Millionen Dollar in Wertpapieren verfügte und weitere 273 Millionen in Joint Ventures mit amerikanischen Partnern investiert hatte. In Italien gibt es Zahlen dazu nur aus den sechziger Jahren, als die Regierung das Aktienvermögen des Vatikans auf 90 Milliarden Lire bezifferte; das entspräche heute 776 Millionen Euro. Curzio Maltese jongliert für seine Hochrechnung mit schwindelerregenden Zahlen und muss am Ende doch einräumen: „Ohne genaue Zahlen wird das Hab und Gut der Kirche zu einer metaphysischen, geheimnisumwitterten Größe.“

Das gilt auch für die Geschäfte der Vatikanischen Bank IOR. Sie verwalte nach „vorsichtigen Schätzungen“ rund fünf Milliarden Euro als Einlagen und biete - bisher jedenfalls – „eine bessere Verzinsung als die besten Hedge-Fonds und einen unbezahlbaren Vorteil: das absolute Bankgeheimnis“. Sie unterliege keinen externen Kontrollen, gebe keine Scheckbücher aus und vollziehe ihre Transaktionen zum Großteil in bar oder in Goldbarren, „ohne eine Spur zu hinterlassen“. Als Johannes Paul II. Mafiosi exkommunizierte, sei die Mafia empört gewesen, weil sie ihr Geld doch bei der Vatikanbank gebunkert habe. Maltese nennt sie deshalb „ein schwarzes Loch, in das niemand hineinzuschauen wagt“. Ein gewagter Vergleich, denn inzwischen sind die schwarzen Löcher normaler Geschäftsbanken erheblicher größer als fünf Milliarden.

Das ist nicht der einzige Schwachpunkt in Malteses Argumentation, denn auch er muss einräumen, dass die Kirche mit den

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staatlichen Zuwendungen die öffentliche Hand von sozialen Aufgaben entlastet und fast als einzige Organisation wirksame Hilfe in den Ländern der Dritten Welt leistet. Wer es aber ernst meine mit der Trennung von Staat und Kirche, der müsse „zuerst an den Toren des Vatikan rütteln“. Der Regierung Berlusconi traut er das nicht zu: Sie lasse „unter dem Gesichtspunkt der Verteidigung der Laizität des Staates wenig Gutes erhoffen“.

Curzio Maltese: Scheinheilige Geschäfte. Die Finanzen des Vatikans. Antje Kunstmann Verlag, München 2009, 158 Seiten, 16,90 Euro.

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