Shlomo Venezia : Im Herzen der Hölle

Der Schriftsteller Shlomo Venezia hat das jüdische Sonderkommando in Auschwitz überlebt.

Ernst Piper

In Shlomo Venezias Biographie spiegelt sich exemplarisch die Geschichte des europäischen Judentums. Seine Vorfahren wurden im 15. Jahrhundert aus Spanien vertrieben. Sie ließen sich in Italien nieder, wo viele Juden einen Nachnamen erhielten, der von ihrem neuen Wohnort abgeleitet war, so wie Venezia. Die Eltern des Autors gingen nach Griechenland, so dass Venezia in Saloniki zur Welt kam. Die italienische Staatsbürgerschaft behielten die Venezias, was ihnen nach der Besetzung Griechenlands durch Deutsche und Italiener 1941 zunächst einen gewissen Schutz bot. In nicht wenigen Fällen halfen die italienischen Konsulatsbeamten in Saloniki den Juden, in die italienisch besetzte Zone zu fliehen. Doch mit dem Sturz Mussolinis im Juli 1943 war es damit vorbei.

Venezia war in Saloniki, das zur deutschen Besatzungszone gehörte, geblieben. Nach der Kapitulation Italiens wurden die Juden dort gettoisiert. Über 40 000 von ihnen wurden nach Auschwitz deportiert und die allermeisten sogleich ermordet. Venezia kam mit anderen nach Athen und wurde erst im März 1944 nach Auschwitz abtransportiert. Er war damals 21 Jahre alt. In Auschwitz- Birkenau wurde er dem jüdischen Sonderkommando zugeteilt. Das waren jene Häftlinge, die in den Gaskammern und Krematorien arbeiten mussten. Sie wurden in regelmäßigen Abständen ermordet und durch neue Häftlinge ersetzt, so dass von den über 2100 Angehörigen des Sonderkommandos nur etwa 100 überlebt haben. Sie sind wichtige Zeugen für die Vernichtungsvorgänge, die sie als zur Mitwirkung Gezwungene durchlebt und durchlitten haben wie sonst niemand. Auch der Maler David Olère, dessen Zeichnungen Venezias Bericht illustrieren, gehört zu diesen Zeugen. Er war im März 1943 aus Drancy nach Auschwitz deportiert worden und musste fast zwei Jahre im Sonderkommando arbeiten.

Die Mitglieder des Sonderkommandos mussten die zur Vernichtung Bestimmten in Empfang nehmen, für ihre Entkleidung Sorge tragen und sie in die Gaskammer führen. Nach dem Abschluss des Vergasungsvorgangs bestand ihre Aufgabe in der möglichst rückstandslosen Beseitigung der Leichen. Diese Arbeit in der Todeszone des Vernichtungslagers, im „Herzen der Hölle“, war von all den grauenhaften Arbeiten, die die Häftlinge in den Lagern verrichten mussten, die furchtbarste. Nicht wenige verloren den Verstand, andere schmuggelten sich mit in die Gaskammer, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Als Shlomo Venezia nach dem Krieg darüber berichtete, was er durchgemacht hatte, glaubten ihm die Leute nicht. Das Geschehene überstieg ihr Vorstellungsvermögen, sie hielten ihn für verrückt. Venezia behielt deshalb sein Wissen fortan für sich. Erst ein halbes Jahrhundert später brach er sein Schweigen. Als der Antisemitismus in Italien wieder virulent wurde, wollte er Zeugnis ablegen und diesmal wurde er gehört.

Venezia musste in Auschwitz die unmenschlichsten Dinge tun, zum Beispiel bei Einzelerschießungen die Opfer festhalten und dabei sorgfältig darauf achten, dass der Schütze keine Blutspritzer abbekam, denn das konnte den eigenen Tod zur Folge haben. Er musste die Lebenden zum Gang in die als Dusche getarnte Gaskammer überreden und den Toten die Haare abschneiden. Er selbst hat all das überlebt, aber auch wieder nicht. Am Ende seines Berichts sagt er, was er durchgemacht habe, habe sein Leben zerstört: „Man kommt nie mehr wirklich aus dem Krematorium heraus.“

Dem Bericht Venezias sind zwei Aufsätze italienischer Historiker hinzugefügt worden, die allgemeine Informationen über den Holocaust bieten wollen. Die Übersetzung dieser Texte ist teilweise von erschreckender Qualität, wenn es etwa heißt: „Hitler ging, vom Druck der internationalen Meinung gedrosselt, schrittweise vor.“ An Stelle eines ausgewalzten Lexikonartikels über den Holocaust, der streckenweise kaum lesbar ist, wäre es wesentlich sinnvoller gewesen, dem Buch ein Nachwort beizugeben, das auf die Person des Autors eingeht und noch etwas mehr über sein Leben nach dem Krieg berichtet, als er es selbst tut.

Venezia hat sein Buch seinen beiden Familien gewidmet, „meiner Familie vor dem Krieg und meiner Familie danach“. Die erste Familie ist 1944 ausgelöscht worden, die zweite entstand zehn Jahre später. 1954 heirateten Shlomo und Marika Venezia, er war damals 32 Jahre alt, sie war 17. Shlomo Venezia schreibt im Vorwort seines Buches, seiner Frau habe er es zu verdanken, dass seine Söhne „zu den Männern heranwachsen konnten, auf die ich heute stolz bin“. Seine Frau stand ihm stets zur Seite, wenn die Welt des Lagers ihn wieder einholte und ihn Depressionen übermannten. In dem Buch über das jüdische Sonderkommando „Zeugen aus der Todeszone“ berichtet Marika, dass sie und ihr Mann in den ersten 13 Ehejahren kein einziges Mal abends ausgegangen sind. Sie sagt: „Wenn es mal nicht so leicht war, dann dachte ich immer daran, was er mitgemacht hat.“

In Venezias Buch nimmt das Unbeschreibbare Gestalt an, der Leser bekommt eine Ahnung vom Inferno des Holocaust. Bedauerlich ist, dass auf dem Schutzumschlag des Buches behauptet wird, dies sei das „erste umfassende Zeugnis eines Überlebenden“. So eine falsche Werbung hat Shlomo Venezia wirklich nicht nötig. Schon 1979 erschien „Sonderbehandlung“ von Filip Müller, übrigens wie das Buch Venezias in einem Haus der Verlagsgruppe Bertelsmann. Müller war fast drei Jahre in Auschwitz. Im Frankfurter Auschwitzprozess war er ein Hauptzeuge, ebenso in Claude Lanzmanns Film „Shoa“.

Die Einwände sollten niemanden davon abhalten, Shlomo Venezias Bericht aus dem Herzen der Hölle zu lesen. Es ist eine wichtige authentische Stimme in einer Zeit, in der die Zeitzeugen immer weniger werden.







– Shlomo Venezia:
Meine Arbeit im Sonderkommando Auschwitz. Karl Blessing Verlag, München 2008. 271 Seiten, 19,95 Euro.

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