Literatur : Sie machten sich frei

„Du sollst begehren“ – Gay Taleses epochales Werk über die sexuelle Revolution in den USA

Frank Schäfer

Am Ende seiner Mammut-Reportage über die sexuelle Revolution in den USA kommt Gay Talese in „New Journalism“-Manier auf sich selbst zu sprechen, wenn auch in der dritten Person. Er erzählt von der großen Rechercheleistung des bekannten Schriftstellers Talese, vom Prinzip der teilnehmenden Beobachtung, das diesen berühmt gemacht hat und dem er auch bei diesem heiklen Thema treu geblieben ist, was zu hämischen Kommentaren in den Medien, etwa seiner alten Arbeitgeberin, der „New York Times“, geführt hat und fast auch zur Trennung von seiner Frau.

Talese war tatsächlich mittendrin im Geschehen. Er schlägt sich die Abende in versifften Pornokinos um die Ohren. Er besucht Massagesalons, die sich schon bald als Ersatzpuffs durchsetzen. Er arbeitet wochenlang als Manager eines solchen Salons und sucht das Gespräch mit den Kunden und den jungen, gutaussehenden „Therapeutinnen“. Er interviewt Diane Webber, neben Betty Page eine der ersten ganz nackten „Masturbationsmätressen“ der fünfziger Jahre, die sich zunächst für Nudisten- und Kunstmagazine und später auch für den „Playboy“ auszog. Er besucht das Set eines Pornofilms und bleibt so lange, bis auch der letzte Cumshot im Kasten ist. Und er lebt einige Wochen in der legendären Sandstone-Kommune in Kalifornien, wo John und Barbara Williamson und ihre Jünger sich der freien Liebe ohne Besitzansprüche, Eifersucht und konventionelle Stellungsvorgaben widmen – ein paar Jahre lang mit Erfolg. Die aus unzähligen Interviews zusammengefügten Porträts der Williamsons und des Ehepaars Bullaro, deren Leben durch dieses soziale Experiment völlig aus der Bahn geworfen wird, bilden dann auch das Herzstück dieser polyphonen, ausschweifenden Erzählung, der mehr analytische Schärfe und Abstraktionswille gut getan hätte.

Talese weiß das auch. Er berichtet von seiner anfänglichen Schreibblockade, seiner Irritation darüber, „dass er nach drei Jahren Recherche und unzähligen Stunden des Grübelns an der Schreibmaschine noch kein einziges Wort zu Papier gebracht hatte und noch nicht einmal wusste, wie er das Buch beginnen lassen oder das Material gliedern sollte“.

Er muss sich dieses Thema offenbar erschreiben und macht daher das, was er am besten kann: Er porträtiert Menschen. Zum Beispiel die vielen „Schmuddelverleger“ wie Samuel Roth, Barney Rosset, Maurice Girodias und nicht zuletzt Hugh Hefner und William Hamling, zwei weitere Haupthelden dieses Buches, die von der Kirche, reaktionären Lobbygruppen und ehrgeizigen republikanischen Politikern unzählige Male vor Gericht gezerrt wurden und die für die allmähliche Liberalisierung der Zensurbestimmungen in den USA weitaus mehr getan haben als die etablierten großen Verlagshäuser; Talese porträtiert ihren Staranwalt Stanley Fleishman, durch dessen Mithilfe für ein paar Jahre das Verbot obszöner Kunst aufgehoben wurde; die feministische Künstlerin Betty Dodson, die mit ihren ziemlich expliziten Bildern den Frauen ein „gesundes Mösenbewusstsein“ einimpfen wollte. Oder auch den Gründungsvater der Bewegung, Wilhelm Reich, dessen sexualpolitische Forschungen das theoretische Fundament der sexuellen Befreiung lieferten.

So entsteht eine assoziativ verzahnte, mit literarischen Mitteln wie Reprisen und Motivwiederholungen verknüpfte, bisweilen ermüdend detailverliebte Porträtcollage, unterbrochen nur durch gelegentliche sachdienliche Exkurse zum religiösen Apostatentum im 19. Jahrhundert, zur Transformation der Zensurbestimmungen oder zur Entwicklung des einschlägigen Zeitschriftenmarkts. Nichts scheint Talese unwichtig genug, und mitunter klingt das alles auch arg verklatscht. Trotzdem bekommt man durch sein Buch ein ziemlich authentisches Bild von der chaotischen Vielgestalt der sexuellen Revolution, die in Taleses polyperspektivischer Darstellung eher den Eindruck einer – wenn auch nicht zufälligen – Häufung einzelner liberalistischer Revolten erweckt.

Gay Talese, Jahrgang 1932, führt gewissermaßen vor, dass die Historie keineswegs so zielgerichtet verläuft, wie sie den Nachgeborenen bisweilen erscheint. Warum diese Einzelaktionen dann aber in den sechziger Jahren kulminieren und sich zu einer Art Zeitgeist verdichten, kann er nicht erklären. Ursachenanalyse ist nicht seine Stärke.

Man muss als Leser, und das bestätigt die genuin literarische Struktur des Buches, schon selbst Interpretationsarbeit leisten. Immerhin gibt Talese ein paar Hinweise. Der Zweite Weltkrieg, der die christlich geprägte Sexualmoral der Soldaten einerseits und die der daheim gebliebenen Frauen andererseits aufweicht und überdies den Einfluss der indifferent agierenden Kirche zurückdrängt, ist sicherlich ein Initiationsfaktor. Zudem führt die Absenz der Männer zu einem unvermeidlichen Emanzipationsschub der Frauen.

Gezwungen ihr Leben allein in die Hand zu nehmen, stellen sie fest, dass ihnen das durchaus gelingt. Auch wenn sich viele nach der Heimkehr der Männer wieder in ihre traditionelle Rolle fügen, erlebt zumindest die nachfolgende Frauengeneration einen fundamentalen Traditionsbruch, der ihre Einstellung zum Verhältnis der Geschlechter untereinander nachdrücklich verändert. Beziehungen sind für diese Generation weniger von überkommenen Konventionen vorbestimmt, sondern verhandelbar von beiden Seiten – und somit potenziell offen.

Hinzu kommt die ungemeine wirtschaftliche Prosperität des Landes in den fünfziger und sechziger Jahren und die damit einhergehende materielle Saturiertheit der Menschen, die intellektuelle Freiräume und alternative Begehrlichkeiten schafft. Nicht umsonst liegt das Epizentrum der sexuellen Revolution im Bundesstaat Kalifornien, in dem die Rüstungs- und Raumfahrtindustrie floriert wie nie zuvor. Dass man wegen des schönen Wetters dort leichter bekleidet ist als anderswo, mag auch eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

Gay Talese: Du sollst begehren. Auf den Spuren der sexuellen Revolution. Aus dem Amerikanischen von Gustav Stirner. Verlag Rogner & Bernhard, Berlin 2007.

672 Seiten, 29,90 €

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