Siegfried Lenz : Der Zeit entrückt

Mit dem Charme der alten Bundesrepublik: Siegfried Lenz’ Liebesnovelle "Schweigeminute".

Christoph Schröder
Sigfried Lenz
Sigfried Lenz. -Foto: dpa

Am Anfang, der das Ende ist, sitzen sie alle in der Aula des Lessing-Gymnasiums. Das Podium ist bekränzt, der Schulchor singt „Wir setzen uns mit Tränen nieder“, der Direktor hält eine Ansprache. Vor dem Podium ein hölzernes Gestell mit einem schwarzumrandeten Foto: Stella Petersen, Englischlehrerin des Gymnasiums, bei einem Unfall ums Leben gekommen. Unter der Schülerschaft: Christian, den mit Stella mehr als nur eine Schüler-Lehrer-Beziehung verband. Zuneigung? Liebe sogar? Wahrscheinlich schon.

Siegfried Lenz schreibt in seiner neuen Novelle über die Liebe. Allein das ist eine Erwähnung wert. Und er tut es auf die denkbar dezenteste und denkbar schwierigste Weise – in kurzen Szenen, in kleinen Momenten, in Gesten, die Hoffnung wecken bei demjenigen, der hoffen will. „Schweigeminute“ ist durchgängig aus der Perspektive des Schülers Christian erzählt; seinen Beobachtungen in Bezug auf Stella sind mithin geprägt von den Launen des Augenblicks. Man kann sein Alter auf vielleicht 17 oder 18 Jahre schätzen, genau benannt wird es, wie so vieles, nicht. Auch die Zeit nicht, in der die Novelle angesiedelt ist; es gibt einige vage Hinweise, wie beispielsweise den, dass noch in Mark bezahlt wird. Aber das ist auch nicht weiter wichtig.

Siegfried Lenz’ Sprache ist von einer altmodischen Entrücktheit, die sie paradoxerweise auch wieder zeitlos erscheinen lässt. Ein altbundesrepublikanischer Charme durchweht das Buch, und das ist eine große Qualität – wie könnte es anders sein im Falle dieses Autors? Die Bettdecke heißt hier noch ganz selbstverständlich „Zudeck“.

Christian, Stella und ein Sommer am Meer. Mehr braucht ein routinierter Erzähler wie Siegfried Lenz nicht, um daraus ein leichtes und doch ernstes Stück zu bauen; keine spektakulären Schauplätze, eine Pension namens „Seeblick“, eine vorgelagerte einsame Insel, die Vogelinsel, auf der Stella und Christian einmal stranden und sich zum ersten Mal auf eine flüchtige, beinahe ängstliche Weise näher kommen. Wer eröffnet das Spiel? Wer ist von wem angezogen? Das bleibt in der Schwebe. Christian, Sohn eines Steinfischers, der sich mit der Lektüre von Orwells „Animal Farm“ plagt und dessen Versetzung gefährdet ist, und Stella, die mit ihrem alten Vater, einem Kriegsveteranen zusammenlebt; eine schöne Frau, die jünger aussieht, als sie ohnehin ist.

Man segelt zusammen, ganz selbstverständlich, alle sind hier nah beieinander; die erste Nacht, in der Christian und Stella beieinander liegen, manifestiert sich in einem Abdruck in den Kopfkissen. Als es dann zum Sex (man wagt sich kaum, dieses Wort in diesem Zusammenhang zu benutzen) kommt, klingt es so: „Ihr Blick hielt meinem Blick stand, ich hatte das Gefühl, dass ihr Blick mein Verlangen erwiderte oder dass eine sanfte Aufforderung von ihm ausging; ich streifte ihren Badeanzug ab, und sie ließ es geschehen, sie half mir dabei, und wir liebten uns in der Mulde bei den Kiefern.“ Das war alles; mehr braucht es vielleicht auch nicht, um den ambivalenten Zustand zwischen Unsicherheit und Verlangen darzustellen. Vielleicht sind es eher außerliterarische Gründe, die so vehement für dieses kleine, zarte Buch sprechen – Dezenz, Taktgefühl, Einfühlungsvermögen, Atmosphäre, Menschenkenntnis. Aber all das muss man erst einmal beherrschen.

Die erzählerische Konstruktion von „Schweigeminute“ hingegen ist recht simpel, geht aber letztendlich auf: Die Gedenkfeier der Schülerschaft wird für Christian zu seiner ganz privaten Gedenkfeier; in Gedanken spricht er die Tote mit einem hin und wieder etwas pathetischen „Du“ an, während er sich an gemeinsame Erlebnisse erinnert. Dass die Liebesgeschichte unglücklich endet, ist von Anfang an klar, vielleicht auch für Stella klar, die mehr als einmal ein resigniertes „Ach, Christian“ seufzt. Dass auch den Lehrerkollegen und den Eltern das Verhältnis nicht verborgen geblieben ist, lässt sich aus Andeutungen heraus vermuten. Die Normalität des bürgerlichen Lebens stellt sich letztendlich von allein wieder ein. Es ist auch eine Entwicklungsgeschichte, die Siegfried Lenz in „Schweigeminute“ fern von jeder Altmännererotik erzählt: Nach der Trauer, so ist zu vermuten, kommt das Erwachsenwerden.

Siegfried Lenz: Schweigeminute. Novelle. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2008, 128 Seiten, 15,95 EUR.
Hörbuch: 3 CDs, gelesen von Konstantin Graudus, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2008, 19,95 EUR.

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