Soziologie : Wo der Hammer hängt, bin ich zuhaus

Lob des Handwerks: Der große amerikanische Soziologe Richard Sennett erklärt, wie die Hand den Kopf das Denken lehrt.

Gregor Dotzauer
Richard Sennett
Rauchen, denken, schreiben: Richard Sennett in seinem New Yorker Appartment. -Foto: Charly Kurz/laif

Denken wir uns ein Buch, das ohne eine einzige neue Idee auskommt und trotzdem nötig ist. Ein Buch in der Überzeugung, dass alles, was sich über die körperliche und geistige Grundausstattung des Menschen sagen lässt, im Wesentlichen bekannt ist, aber immer wieder vergessen, verdrängt, verschüttet, unterdrückt oder von den Fluten eines mit falscher Aktualität auftrumpfenden Wissens überrollt wird. Ein Buch, das einen Ariadnefaden durch die Labyrinthe der abendländischen Anthropologie, Ökonomie, Kulturgeschichte und Sozialforschung legt, um dem neoliberalen Minotaurus zu entgehen.

Richard Sennetts „Handwerk“ könnte ein solches Buch sein. Was ist seine Studie anderes als der Versuch, eine auf den Erfahrungen des Handgreiflichen und des Fingerspitzengefühls beruhende Arbeitskultur vor dem Verschwinden in der Virtualisierung zu retten? Sennetts Plädoyer für einen neuen Materialismus, der weder dem Marxismus noch dem Konsumismus huldigt, geht aus von der schlichten Behauptung, „dass die Menschen durch die von ihnen hergestellten Dinge etwas über sich selbst lernen“. Zugleich heißt das: Wer nicht mehr mit der Widerständigkeit des Materials kämpfen muss, wird automatisch dümmer, stumpfer, gleichgültiger.

Die Feststellung hat einiges für sich. Manuelle Fertigkeiten weichen auf vielen Gebieten der Computersimulation, und obwohl Sennett weiß, dass es etwa in der Architektur gar nicht mehr ohne Designprogramme geht, weist er am Beispiel eines Megabauprojekts in Atlanta, Georgia einleuchtend nach, dass man auch die beste algorithmische Rechnung immer ohne die Wirklichkeit macht. „Wenn Hand und Kopf voneinander getrennt werden, leidet der Kopf“, schreibt Sennett. Und: Diese Trennung ist „nicht nur geistiger, sondern auch sozialer Natur“. So verbindet sich für ihn die Besinnung auf gutes Handwerk mit einer Revision gesellschaftlicher Hierarchien.

Wem das zu schnell gedacht ist, der sei gewarnt: Sennett selbst denkt so schnell – oft zu schnell. Der am Massachusetts Institute of Technology und der London School of Economics lehrende Soziologe, 1943 in Chicago geboren, hat ein großes sozialistisches Herz, wie seine Bestseller über den „flexiblen Menschen“ und die „Kultur des neuen Kaptalismus“ zeigen, und er verfügt über einen noch größeren intellektuellen Horizont. In seinem Buch, das den Auftakt zu einer Trilogie bildet, deren folgende Teile sich dem Zusammenhang von Religion und Krieg und dem Leben im Einklang mit der Natur widmen sollen, beschwört er die handwerklich zu bannenden „Gefahren aus der Büchse der Pandora“ mit der Unbekümmertheit eines Universalgenies.

Homer begegnet dabei Denis Diderot, der Renaissance-Goldschmied Benvenuto Cellini Sennetts Lehrerin Hannah Arendt, seine iranische Kochkursmeisterin Madame Benshaw dem englischen Kunsttheoretiker John Ruskin und der Geigenbaumeister Antonio Stradivari dem Arzt Luigi Galvani. Ein Stelldichein von Autoritäten unterschiedlichster Provenienz, die ein Verständnis von Handwerk zu teilen scheinen, das Sennett als analytische Selbstverständlichkeit präsentiert und das doch ein keineswegs verpflichtendes Ethos formuliert: Craftsmanship, so der zwischen Kunstfertigkeit und Könnerschaft angesiedelte Originalbegriff, bedeute, etwas um seiner selbst willen so gut wie möglich tun.

Der Rückgriff auf vertrautes Wissen liegt dabei in der Natur der Sache. Die Wiederholung – und dadurch: die Verbesserung – ist eine Voraussetzung allen Handwerks. Die Werkstatt der mittelalterlichen Zünfte, die Ablösung des Rasiermessers durch das ärztliche Skalpell und die Bandbreite beim Verfassen und Auslegen von Kochrezepten sind Themen, aus denen Sennett erstaunliche Funken schlägt – nur dass sie, etwa von Betrachtungen über die kollektive Herstellung der Linux-Software abgesehen, die Gegenwart kaum erhellen.

Sennett argumentiert am Beispiel des britischen Gesundheitssystems zwar gegen den rigide arbeitsteiligen Fordismus. Die postfordistischen Verhältnisse, in denen wir leben, die ambivalente Dehierarchisierung, Flexibilisierung von Aufgaben und Just-in-time-Produktion, die eben nicht handwerklichen Tugenden entspringen, sondern handfesten Kapitalinteressen, nimmt er nicht zur Kenntnis.

Diese Blindheit rührt nicht daher, dass Sennett einer vorindustriellen Romantik anhängen würde – geschweige denn, dass ihm die postfordistische Realität unbekannt wäre: Er hat sie selbst erforscht. Die beste Erklärung ist, dass der Wissenschaftler ständig mit dem Moralisten konkurriert. Wo der eine den guten Geist seiner Untersuchungen tatsächlich dem Stoff entlockt, da sieht der andere, wie vergeblich es ist, diesen Geist einer sich entziehenden Wirklichkeit wieder einzuhauchen. Ein kurioser Nebeneffekt dieses Querstands ist es, dass Sennett die Wiederauferstehung des Handwerkers im Heimwerker nicht einmal erwähnt.

Sennetts „Handwerk“ ist mehr Zettelkasten als Theorie – und mehr feuilletonistische Plauderei als ernsthafte Kulturgeschichte. Beides ließe sich möglicherweise als Vorzug ansehen, wenn Sennett sein+ assoziatives Gefüge nicht selbst überfordern würde, indem er die Entwicklung handwerklichen Könnens zum anthropologischen master narrative aufpumpt – und indem er die jargonfreie Lesbarkeit seines Buches dadurch entwertet, dass er mit Namen und Gedanken hantiert, die er weder im Haupttext klar einordnet noch in den Fußnoten näher erklärt. Die Widerständigkeit des Materials ist auch für Sennett ein Fremdwort.

Drei Beispiele. Da wird, um die Tugend der architektonischen Mehrdeutigkeit einzuführen, auf „den Literaturkritiker William Empson“ verwiesen, der „eine berühmte Studie über sieben Formen der Mehrdeutigkeit in der Sprache geschrieben“ habe. Wer gern erfahren hätte, dass Sennett vom Paukenschlag der „Seven Types of Ambiguity“ spricht, mit dem Empson 1930 als 24-Jähriger die gelehrte Welt Englands eroberte, muss woanders nachschlagen. Oder es wird Walter Benjamins „Aura“, ein Begriff aus dem „Kunstwerk“-Aufsatz, zu dem eine präzise Definition und meterweise Literatur existieren, mit der nichtssagenden Bemerkung gestreift, er bezeichne unser Staunen, dass etwas, „ins eigene Licht getaucht“, vom Nichtsein ins Sein getreten sei.

Oder Sennett heftet sich das berühmte poetologische Credo des Dichters William Carlos Williams – „no ideas but in things“ – ans Revers. Ein Credo, um dessen strikt antiidealistische Ausrichtung es komplizierter bestellt ist, als es die materialistisch klingende Kurzformel suggeriert. Wobei der erklärte Pragmatist Sennett, der Philosophen wie John Dewey und Richard Rorty zu seinen Verbündeten erklärt, ohnehin mehr Metaphysik im Gepäck hat, als ihm lieb sein kann: Aus der Verklärung der Dinge wachsen über kurz oder lang eben doch wieder Ideen.

Man kann darin Schlampereien sehen, die Sennett keinem seiner Studenten durchgehen lassen dürfte. Doch sie sind kein Einzelfall, ja sie säen ein Misstrauen, dass Sennett über die disparaten Felder, die er hier versammelt, nur hinwegtrampelt. Als studierter Cellist und Musikwissenschaftler ist er kundig, wo es um den Bau und das Spiel von Saiteninstrumenten geht: Warum die Suzuki-Methode, die Kindern mithilfe von farbigen Streifen auf dem Griffbrett das Geigelernen erleichtern soll, ihre Grenzen in der musikalischen Früherziehung findet – derlei erläutert er schlagend.

Schon beim Jazz zeigt er eine erschreckende Ahnungslosigkeit – und zitiert mit David Sudnow einen so lausigen Pianisten und pädagogischen Dünnbrettbohrer, dass man Sennett eine Privataudienz bei Herbie Hancock wünscht, bevor er sich noch einmal zum generalisierenden Blödsinn der Behauptung versteigt, die Daumen seien „für den Jazzpianisten die wertvollsten Finger, seine Anker auf der Tastatur“. (Einen Eindruck von Sudnows Format bietet die Website www.sudnow.com.)

Es sind dies keine Petitessen, weil aus solchen Details Sennetts Großtheorie zur induktiven Vollendung geführt wird und dabei alles mit allem bis zur Absurdität vermengt: den Geigenbogen mit dem Kricket- und dem Baseballschläger – und das sanft eingesetzte Hackmesser in der chinesischen Küche mit dem Pianissimo auf dem Klavier. Musiker!

Der Zufall will es, dass ein von Sennett des „romantischen Gepäcks“ wegen ausgesparter Begriff, die „Kreativität“, von seinem Landsmann Lewis Hyde in einem dieser Tage zum ersten Mal auf Deutsch erscheinenden Buch glänzend beleuchtet wird. „Die Gabe“ (The Gift – Imagination and the Erotic Life of Property) hat alle Vorzüge, die Sennett abgehen. Hydes Studie ist ein Stück unorthodoxer, aus disparaten Quellen schöpfender Anthropologie – doch nirgends vage. Eine bittere Polemik gegen den Warencharakter der Kunst – doch im Bewusstsein ihrer kulturkritischen Haltung.

Ausgehend vom gleichnamigen Essay des Ethnologen Marcel Mauss, entwirft „Die Gabe“ eine Theorie des Tauschs, in der Schenken und Beschenktwerden zum Kennzeichen künstlerischer Produktion werden. Und sie mündet in eine Ästhetik, als deren Kronzeugen die Dichter Walt Whitman und Ezra Pound aufgerufen werden. Mit Joseph Conrad glaubt Hyde: „Der Künstler wendet sich an jenen Teil unseres Wesens, der nicht von Gelehrsamkeit abhängt, an das in uns, was Gabe, nicht Errungenschaft ist.“ Mehr Vertrauen in das „Mysterium der Inspiration“, wie es Sennett nennt, hätte vielleicht auch sein auf Tradition fixiertes „ Handwerk“ vor einigen Verirrungen bewahrt.

Richard Sennett: Handwerk. Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff. Berlin Verlag, Berlin 2008. 432 Seiten, 22 €.

Lewis Hyde: Die Gabe. Wie Kreativität die Welt bereichert. Aus dem Amerikanischen von Hans Günter Holl. S. Fischer, Frankfurt am Main 2008. 413 Seiten, 22,90 €.

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