Literatur : Spitzel im weißen Kittel

Vor allem Psychiater und Sportmediziner waren als IM im Einsatz: Francesca Weil über Ärzte, die für die Stasi arbeiteten

Hubertus Knabe

Für die DDR-Führung war der Dissident Robert Havemann ein gläserner Mensch – im wahrsten Sinne des Wortes: Sein behandelnder Arzt Dr. Herbert Landmann arbeitete unter dem Decknamen „Chef“ als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) für den Staatssicherheitsdienst. Als enger Vertrauter des krebskranken Regimekritikers unterrichtete er die Stasi nicht nur über die politischen Aktivitäten Havemanns, sondern auch über dessen physische und psychische Verfassung. Jeder medizinische Befund landete sofort auf dem Schreibtisch des Führungsoffiziers. Theoretisch hätte der Arzt sogar den Tod des verhassten Regimekritikers auslösen können.

Wie Landmann spitzelten hunderte DDR-Ärzte für die Stasi. Sie verrieten nicht nur Kollegen, Freunde und Bekannte, sondern hintertrugen zum Teil intimste Details ihrer Patienten. Sie verstießen damit sowohl gegen den Eid des Hippokrates als auch gegen das Strafgesetzbuch in beiden deutschen Staaten.

Nach dem Ende der DDR blieben die Spitzel im weißen Kittel größtenteils unbehelligt. Wer den Überprüfungen im öffentlichen Dienst entgehen wollte, wechselte an ein Krankenhaus im Westen oder an eine Privatklinik. Andere machten sich kurzerhand selbstständig. Kein Einziger wurde für die Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht bestraft, das Strafverfahren gegen Havemanns Arzt bereits 1992 eingestellt. Auch die Ärztekammern, in denen jeder praktizierende Mediziner Mitglied sein muss, haben nichts dafür getan, die schwarzen Schafe in ihren Reihen ausfindig zu machen.

Erst jetzt, 17 Jahre nach dem Ende der DDR, hat die Bundesärztekammer eine Studie über Ärzte als Inoffizielle Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes vorgelegt. Die Arbeit beruht auf einem 2003 am Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung begonnenen Forschungsprojekt, das von der Kammer und der kassenärztlichen Bundesvereinigung finanziell unterstützt wurde. Weil die Opfer ein Recht auf Wahrheit hätten, so Kammerpräsident Jörg-Dietrich Hoppe bei der Präsentation der Studie, unterstütze man die differenzierte Aufarbeitung der Verwicklung von Ärzten in Stasimachenschaften.

Ob man dem Recht auf Wahrheit damit tatsächlich zum Durchbruch verholfen hat, ist allerdings fraglich. Gleich zu Beginn des Buches erklärt Autorin Francesca Weil, dass Ärzte, die für die Stasi gespitzelt haben, von ihr ausschließlich mit Decknamen genannt würden. Die Fürsorge für die Täter geht so weit, dass sogar acht als IM erfasste Volkskammerabgeordnete und ein Mitglied des SED-Bezirksleitung anonymisiert wurden. Selbst aus einem Artikel im SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ hat die Autorin nachträglich die Namen entfernt. Die Ergebnisse der Untersuchung können dadurch keinen konkreten Personen oder Ereignissen zugeordnet werden.

Stattdessen präsentiert die Autorin eine überwiegend statistische Auswertung von knapp 500 IM-Akten. Man erfährt zum Beispiel, dass die Quote der IM in den verschiedenen Medizindisziplinen in etwa gleich gewesen wäre – bis auf Psychiater und Sportmediziner, wo es überproportional viele Informanten gegeben habe. Man liest, welchen Parteien und welcher IM-Kategorie die Spitzel angehört und wie lange sie dem Staatssicherheitsdienst statistisch zugearbeitet hätten. Auch über die Motive der Informanten und den Erhalt von Zuwendungen oder Vergünstigungen wird in dieser Weise zahlenmäßig abgerechnet.

Fast alle der als IM registrierten Ärzte, so das wenig überraschende Ergebnis, berichteten über andere Personen, 28 Prozent auch über eigene Patienten. Nur zwei lieferten der Stasi keinen einzigen Bericht. Der systematische Spitzeleinsatz sollte in erster Linie Fluchtversuche von Medizinern verhindern sowie Missstände im Gesundheitswesen aufdecken. Nicht selten beschafften die Ärzte aber auch gezielte Informationen über bestimmte Patienten.

Für das Verständnis dieses dunklen Kapitels der Medizingeschichte ist die vorgelegte Statistik freilich wenig erhellend. Zum einen hängt der Wert der Zahlen von der Auswahl der Fälle ab. Da ein Großteil der Stasiakten bis heute nicht sachlich erschlossen wurde, ist es so gut wie unmöglich, aus dem Heer der etwa 600 000 Informanten die Ärzte vollständig herauszufischen. Die in dem Buch recherchierten Fälle, räumt die Autorin denn auch an einer Stelle ein, wurden „eher zufällig ermittelt“. Ob die Aussagen tatsächlich repräsentativ sind, kann niemand sagen.

Die offenkundige Furcht, Personen identifizierbar zu machen, bewirkt zudem, dass die Zusammenhänge merkwürdig undeutlich bleiben; die Arbeit verliert sich im Abstrakten. Insbesondere die Konsequenzen, die die Spitzeltätigkeit für die Opfer hatte, werden kaum untersucht. Der Fall des Dissidenten Robert Havemann wird nicht einmal erwähnt. Zuweilen hat man das Gefühl, eher eine der pseudowissenschaftlichen konspirativen Analysen des Staatssicherheitsdienstes in der Hand zu halten als einen Beitrag zur kritischen Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. Die Studie erinnert damit an Werbekampagnen für den Zahnarztbesuch: Vergangenheitsbewältigung, ohne wehzutun.



– Francesca Weil:
Zielgruppe Ärzteschaft. Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008. 308 Seiten, 32,90 Euro.

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