Ständige Vertretung : Feilschen als große Staatsaktion

Honecker und Hunde: Hans Otto Bräutigam berichtet von seinen Jahren in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin.

Hermann Rudolph
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Dieses Jahr steht im Zeichen der Erinnerung an die friedliche Revolution von 1989. Und es gehört zum Erfolg dieses zäsurhaften Umbruchs der Nachkriegsgeschichte, dass sich kaum noch einer vergegenwärtigen mag – und vielleicht auch kann –, dass es ganz andere Fragen und Probleme waren, die bis dahin die Öffentlichkeit als deutsch-deutsche Agenda beschäftigt hatten. Die Sache hieß Deutschlandpolitik und wurde im Herbst ’89 über den Haufen gerannt. Von einem Tag auf den anderen war kein Thema mehr, was bis dahin die Politiker herausgefordert hatte. Die Politik der kleinen Schritte, die Hoffnung auf ein geregeltes Nebeneinander der beiden Deutschlands, das Ringen um Transitpauschalen und menschliche Erleichterungen: Was über Generationen mit beträchtlichen Anstrengungen und in heftigen Auseinandersetzungen verfolgt worden war, verfiel dem Vergessen, als gehörte es auf den berühmten Müllhaufen der Geschichte.

Schwerer wiegt vielleicht noch, dass die Wiedervereinigung die alte Deutschlandpolitik gleichsam degradiert hat. Sie ist zu einem Muster mit nur noch fraglichem Wert geworden. Dieses mühsame Aushandeln und minimale Verbessern, das ein Nebeneinander organisieren sollte und kaum noch wagte, an dem Skandal der Teilung selbst zu rütteln – ganz zu schweigen vom Händeschütteln mit Honecker, zu dem es die Politiker der Bundesrepublik immer stärker drängte –, nimmt sich das alles heute nicht aus wie eine Sackgasse? Da trifft es sich gut, dass in diesem Gedenkjahr auch die Erinnerungen von Hans Otto Bräutigam erscheinen. Denn Bräutigam war einer der Protagonisten dieser Politik. Aber weil diese Autobiografie nicht rechtet, sondern berichtet, fragt und abwägt, gibt sie, vielleicht, der Deutschlandpolitik ihr Recht an der Geschichte zurück.

Bräutigam war fast sein ganzes Diplomatenleben involviert in das Ringen mit dem deutsch-deutschen Dilemma. Das gilt schon für seine ersten Schritte ins Berufsleben, die er im Referat Deutschland- und Berlin-Politik machte und die ihn hineinzogen in die Entwicklung der neuen Ostpolitik. Er war Leiter des „Vorauskommandos“ der Ständigen Vertretung, dann des Arbeitsstabes Deutschlandpolitik im Kanzleramt, schließlich für sechs Jahre Ständiger Vertreter – und als er Anfang 1989 als Botschafter bei den UN in New York das normale Diplomatenleben beginnen wollte, „wie ich mir das bei meinem Eintritt in den auswärtigen Dienst gewünscht hatte“, kam ihm die deutsche Vereinigung dazwischen; er wurde Justizminister in Brandenburg.

Sein Bericht lässt Revue passieren, was heute wie ein Märchen aus uralten Zeiten erscheinen mag – Viermächteabkommen und die erbitterte Auseinandersetzung um den Grundlagenvertrag, Grenzmarkierungen und Häftlingsfreikäufe, Lutherjahr, Strauß’ Milliardenkredit. Es passt dazu, dass das Buch über weite Passagen Züge einer Geschichtserzählung hat. Und dass es ins Gedächtnis ruft, welche Widerstände der Versuch zu überwinden hatte, der horrenden Anormalität des deutsch- deutschen Verhältnisses wenigstens ein Gran Normalität abzugewinnen.

Bräutigams Buch liest sich deshalb vielfach wie der Bericht von einer Expedition in menschliches Packeis – der Aufpasser vor seinem Zimmer im Hotel Berlin grüßt erst nach Aufforderung, und bei den deutsch-deutschen Gesprächen 1971 lässt man die Westdeutschen zunächst „eine sehr lange Minute“ warten. Aber Widerstreben auch auf der westlichen Seite: Die Auseinandersetzung um die Deutschlandpolitik wird im Auswärtigen Amt geführt „wie ein Streit in Glaubensfragen“: Ein „tiefer ideologischer Riss“ geht durch das Haus. Auch die Alliierten sind misstrauisch.

Allerdings wird auch eindrucksvoll klar, wie brüchig, ja, fast nur fiktiv das Terrain war, auf dem sich die Ost- und Deutschlandpolitik bewegte: Die Verhältnisse festgefahren, die Interessen denkbar unterschiedlich, die Methode „halsbrecherisch“ (Bahr), mit der die Akteure zum Ziel zu kommen versuchten. Diese Politik bedeutete tatsächlich eine Gratwanderung – Bräutigam erscheint es im Rückblick „fast ein Wunder“, dass sie nicht in einem Desaster endete. Vor diesem Hintergrund erscheint etwa das Berlin-Abkommen, heute kaum mehr als eine Fußnote der Nachkriegsgeschichte, als „große Leistung in der Ost-West-Diplomatie nach dem Zweiten Weltkrieg“. Man begreift, dass sich mit diesen Verhandlungen und Verträgen ganze Partien der Nachkriegswelt verschoben wie die Flügel eines gewaltigen Tores.

Vor allem zeichnet diese Erinnerungen aus, dass sie ein treues Dokument der DDR-Erfahrung und des DDR-Bildes der Deutschlandpolitik der 70er und 80er Jahre sind, ihres Problembewusstseins wie, nicht zuletzt, ihres Verständnishorizonts. Der Autor ist sozusagen – die Amtsbezeichnung bekommt doppelten Boden – der ständige Vertreter bundesrepublikanischer Wahrnehmung in der DDR. Bräutigams DDR: Das ist die Welt, mit der die aufgeklärten, an den deutschen Fragen interessierten Kreise in der Bundesrepublik gelebt, gerechtet und gerechnet haben. Diese Welt baut sich in seiner Schilderung mit der Überwältigung eines Déjà vu auf.

Er beschreibt die Entzündungsherde im deutsch-deutschen Verhältnis, die Biermann-Ausweisung oder die Ausreise des Dichters Reiner Kunze, aber auch den Alltag in der Kuckhoffstraße in Pankow mit den DDR-Nachbarn und dem Schulbesuch der Kinder in West-Berlin. Natürlich bekommen die legendären Empfänge im Gartenhaus der Vertretung, bei denen sich die Nomenklatura mit Künstlern, Intellektuellen und latent Oppositionellen mischen sollten, einen Ehrenplatz. Doch der kleine Abgrund zwischen hüben und drüben ist immer wieder spürbar, mitten in aller gelebten Normalität: Was macht sonst ein Konzert der Gächinger Kantorei in Magdeburg zum tief bewegenden Erlebnis, weshalb sind es bei einem unspektakulären Ausflug in die Lausitz ausgerechnet „die Spuren der deutschen Kulturnation“, auf die Bräutigam stößt?

Von heute aus gesehen mag einem vieles gespenstisch vorkommen. Die Vertragsverhandlungen etwa über die Grunderneuerung der Autobahn Berlin–Marienborn, ein beständiges Auf und Ab, einmal stockend, dann wieder mit hektischen Sitzungen, dazu hartnäckiges Feilschen um die Kosten: erlebt als große Staatsaktion. Überhaupt vermischt sich hohe Politik fortwährend mit erbarmungswürdigen Kleinigkeiten – beim Honecker-Besuch in Bonn 1988, einem der Schlüsselereignisse der Nachkriegsgeschichte, kommt nach allem anderen auch die Mitnahme von Fahrrädern oder Hunden von West- Berlin nach Ost-Berlin zur Sprache. Das Ziel, das auch erreicht wurde: ein Netzwerk, das die DDR an den Westen fesselte; der Preis: eine DDR, deren diktatorische Züge zugunsten des Eindrucks einer gedrückten Normalität zurücktraten.

Spektakulär bricht gegen Ende von Bräutigams Dienstzeit die reale Tragödie der Teilung in diese Politik ein – in Gestalt der Flüchtlinge, die in die Ständige Vertretung drängen, und mit der sprunghaft steigenden Zahl der Antragsteller, die um fast jeden Preis aus der DDR raus wollen. Aber täuscht der Eindruck, dass für Bräutigam auch damals noch die vermutete Häresie des SPD-SED-Papiers auf der Waage dieser DDR-Wahrnehmung schwerer wiegt als der Protest der Dissidenten? Er hat den Kontakt zu ihnen gesucht, aber nicht wirklich gewonnen. Noch nach dem Honecker-Besuch sei er von der Kontinuität in der deutsch-deutschen Zusammenarbeit ausgegangen. Neue Perspektiven? „Damals sah ich das nicht so“, räumt Bräutigam ein. „Was zwei Jahre später geschehen sollte, ahnte ich nicht.“

Bräutigams Bericht trägt nicht auf, er ist diskret wie der Mann selbst, und er hält sich mit Urteilen zurück. Die Frage, welche Rolle die von ihm repräsentierte Politik beim Gang der deutschen Dinge gespielt hat, wirft er nicht explizit auf. Umso wichtiger ist es, sie zu stellen. War diese Deutschlandpolitik überflüssig oder gar von Übel, weil „systemstabilisierend“, zu verständnisvoll? Oder hat sie, wie sie wollte, dazu beigetragen, den Zusammenhalt der Deutschen in der Zeit der Teilung zu bewahren?

Der Schlüssel für eine Antwort findet sich vielleicht in dem Wandel der DDR, der der Hintergrund von Bräutigams Buch ist – von der Nischengesellschaft, die Bräutigams (bewunderter) Chef Günter Gaus vorfand, der erste Ständige Vertreter in Ost-Berlin Mitte der 70er Jahre, zu den Massen-Demonstrationen des Jahres 1989. Wäre dieser Wandel möglich gewesen ohne Reisen und Ausreisen, ohne westdeutsche Korrespondenten in der DDR und die Öffentlichkeit, die sie herstellten, ohne das Herumdoktern am Status quo der Teilung? Es spricht viel dafür, dass die friedliche Revolution ohne diese Sickerprozesse, die den Boden der DDR auflockerten, kaum eine Chance gehabt hätte. Und nehmen wir an, dass die lange, frustrierende Anstrengung, die Deutschlandpolitik hieß, daran ihren Anteil hatte.

Hans Otto Bräutigam: Ständige Vertretung. Meine Jahre in Ost-Berlin. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2009. 480 Seiten, 23 Euro.

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