Literatur : Sternstunden und Gratisgaben

Vorweihnachtliche Eindrücke von der ersten Buchmesse Wien. Die "Buch Wien" hat als richtige Buchmesse auf dem Wiener Messegelände die "Buchwoche" im Rathaus abgelöst.

Gerrit Bartels

WienDer Weihnachtsmarkt, auf dem auch richtige Bücher verkauft werden, muss erst noch erfunden werden. In Wien immerhin gibt es einen, der für die österreichische Verlagswelt 60 Jahre lang von großer Bedeutung war. Gelegen zwischen Burgtheater und Rathaus, gilt dieser Christkindlmarkt, nun ja, nicht nur als urtümlicher, heimeliger als andere, auch als weniger kommerziell. Sondern er hatte auch noch die schöne Eigenschaft, dass viele seiner Besucher einen Abstecher ins Rathaus machten, um sich bei der hier jährlich Ende November stattfindenden "Buchwoche" Bücher anzuschauen oder gar zu kaufen.

Mit dieser beidseits erfreulichen Nachbarschaft ist jetzt Schluss. Aus der Buchwoche ist in diesem Jahr erstmals die "Buch Wien" geworden, eine richtige Buchmesse auf dem Wiener Messegelände, die in eine aus zahlreichen Veranstaltungen bestehende Lesefestwoche eingebettet wurde. Vergangenen Mittwoch wurde sie unter anderem mit dem seit einem Jahr in Wien wohnenden Schriftsteller Ilija Trojanow eröffnet.

Wie schwer so ein Neuanfang aber ist, wie skeptisch die Politik Österreichs (und auch seine Verlagswelt) diesen Umzug aus dem neugotischen Rathaustrumm in eine zweckmäßige Messehalle betrachten, wie fremd so eine Messe mit bewusst internationaler Ausrichtung noch ist, davon konnte man sich schon am Eröffnungsabend ein schönes Bild machen. Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer erinnerte sich wehmütig an die Anfänge der Buchwoche im Jahr 1948; Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny trauerte, wenn auch spaßhaft, jenen zwei Schritten hinterher, die er früher bloß von seinem Arbeitszimmer hin in die Bücherwelt machen musste und aus denen jetzt sechs U-Bahn-Stationen geworden seien. Und alle Redner beschworen tapfer das "Neuland", das jetzt betreten werde, freuten sich ausgiebig über die "größte Bücherveranstaltung überhaupt in Wien" und hofften, dass diese Messe nun größer und größer werde.

Die Politprominenz versteinerte angesichts der Rede des Schriftstellers Illija Trojanow

Eine Mischung aus Stolz und banger Zuversicht also; doch alsbald wich sie - gerade bei den Offiziellen in den ersten Reihen - einer gewissen Versteinerung, als der laut Programmheft "weltläufige Schriftsteller" Ilija Trojanow seine Festrede hielt.

Diese war poetisch, historisierend und anspruchsvoll, weniger eine Rede als eine Erzählung über die "Memoralien" eines Obdachlosenmagazinverkäufers, über vier niedergeschriebene "Sternstunden Kakaniens", in deren Subtext Themen wie Fremdenfeindlichkeit, Sprachvielfalt oder der fahrlässige Umgang mit der Prostitution aufscheinen. Zu wenig festlich, vielleicht gar zu welthaltig für die Politprominenten, die plötzlich wie Buddhas in ihren Stühlen saßen, und die ihrem Festredner auch danach, wie Trojanow später berichtete, nicht recht danken und gratulieren wollten.

Der Auftakt aber war so doch einigermaßen gelungen, und bald gab es ein Messetreiben, das am besten als "business as usual" zu beschreiben ist - wenn auch in einem viel kleineren Rahmen als bei den großen Messe schwestern in Frankfurt oder Leipzig. Die 271 Aussteller - darunter neben vielen Ländern Osteuropas auch Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate - fanden in einer einzigen Halle Platz, wobei bis auf Jung und Jung und Promedia alle wichtigen österreichischen Verlage trotz erhöhter finanzieller und personeller Anstrengungen anwesend waren. Die deutschen Verlagshäuser dagegen übten sich in Zurückhaltung. Entweder waren sie gleich gar nicht erschienen, oder sie präsentierten sich auf ein paar Regalreihen in Gemeinschaftsständen, etwa KiWi, Fischer, dtv und der Berlin Verlag.

Ruth Kügers "Weiter leben" wurde in ganz Wien verteilt

Ein Grund dafür lag sicher in den allseits beklagten hohen und auf Leipziger Niveau liegenden Standmieten. Was aber für den Picus-Verleger Alexander Potyka, der gleichzeitig Präsident des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels ist und damit einer der Organisatoren dieser Messe, kein echter Grund zum Klagen war: "Das sind nun einmal die Preise der hiesigen Messegesellschaft. Wien ist keine billige Stadt, und nur weil diese Messe acht- oder zehnmal so klein ist wie Leipzig, sind ja nicht automatisch die Standmieten um ein Acht- oder Zehnfaches niedriger".

Das Publikum jedoch strömte herbei, von Tag zu Tag wurde es voller in der Messehalle. Bei Elke Heidenreich drängten sich naturgemäß die Menschen und durften einmal mehr erfahren, wie leidenschaftlich Heidenreich liest und die Kultur im Fernsehen den Bach runtergeht. Thomas Glavinic hatte die Lacher auf seiner Seite, als er sich in einer Runde zum Thema "Zukunft des Lesens" als "skurrile Randexistenz" beschrieb; schon in der Schule habe er als lesender Büchernarr gegolten, und da habe sich soviel nicht geändert. Und selbst dem obsessiven Bayreuther Hobby-Lyriker und Vielromanschreiber Stefan Schenkl hörten zwei Besucher aufmerksam zu, als er stieren Blickes und in weißer Anzugjacke Auszüge aus seinem Würzburg-Gedichtband "Unterm Zauberhut der Sterne" zum Besten gab. Dass auch die Lesungen von der Venedigkrimis am Fließband schreibenden Donna Leon, von der irischen Bookerpreisträgerin Anne Enquist oder von Péter Esterházy überaus gut besucht waren, verstand sich bei der Zugkraft dieser Namen von selbst.

Bei der in Wien geborenen und dann von den Nazis vertriebenen Ruth Klüger aber hatte die Stadt Wien kräftig nachgeholfen. Denn Klügers Erinnerungsbuch "Weiter leben" war in diesem Jahr (nach Nick Hornbys "Fever Pitch" 2007) das sogenannte "Bürgermeistergratisbuch", das seit einigen Jahren nach einer Idee aus dem Rathaus und unter finanzieller Mithilfe eines Energieversorgers in einer Auflage von 100 000 Exemplaren verteilt wird. Wie man sich denken kann, war dieses nicht besonders schmucke Gratisbuch innerhalb von drei Tagen vergriffen - und so lange die Stadt Wien mit derlei Aktionen zum Lesen animiert, braucht es auch keine Buchverkaufsstände auf Weihnachtsmärkten.

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