Literatur : Sühne ohne Schuld

Ein Existentialisten-Thriller von John Hart

Werner van Bebber

Mörder“ hat jemand in den Lack des Autos gekratzt, mit dem Adam Chase unterwegs ist. Dafür halten sie ihn in seiner Heimat North Carolina: für einen Mann, der einen anderen Mann wegen einer Frau erschlagen hat. Noch schlimmer als ein Mörder, der im Gefängnis war, ist ein Mörder, dessen Schuld nicht gerichtsfest bewiesen werden konnte – das lassen ihn fast alle in seiner Heimatstadt Salisbury spüren. Jetzt, da Adam in seine Heimat zurückkehrt, um einem Freund zu helfen, zeigen sie ihm, dass er nicht mehr gesellschaftsfähig ist.

Finster, lastend und gewittrig ist der Himmel über Adam Chase in John Harts zweitem Roman. Wie Adam spürt und zu spüren bekommt, dass ihm einige Leute das Leben schwer machen wollen, gerät er bei dem Versuch, seinem besten Freund von früher zu helfen, in einen Strudel von Schwierigkeiten. Das klingt nach Genre-Roman, nach einem gängigen Krimi-Plot mit einem Mann im Zentrum, dem das Schicksal übel mitgespielt hat. Doch Hart setzt in diesem Krimi seinen vom Schicksal gehärteten Anti-Helden einem interessanten, nicht unbedingt krimitypischen Versuch aus: Was passiert, wenn einer erst wieder weich werden muss, um ein Problem zu lösen?

Ein großes amerikanisches Thema: Einer verlässt seine Heimat, fängt woanders neu an, er kappt fast alle Bindungen, wird sich aber als Mensch mit Vergangenheit und alten Verletzungen nicht los – und kommt zurück zu denen, die ihn mal gemocht oder geliebt haben und ihn jetzt für einen Mörder halten. Damit wird alles noch schlimmer. Zwei Tote werden gefunden, Adam gerät in den Verdacht, eine junge Frau überfallen zu haben. Es ist, als habe ein böses Schicksal diesen Mann zum Scheitern ausersehen.

John Hart lässt Adam Chase die düstere, verwickelte Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählen. Er zeigt dabei einen krimi-untypischen Sinn für eine bilderreiche, weiche, schöne Sprache und eine Atmosphäre, in der mit dem immer schnelleren Lauf der Geschichte immer mehr Druck entsteht, dem man sich lesend und mitleidend nicht entziehen kann. Am Ende ist Adam Chase den Mordverdacht los. Alles hat sich geklärt – doch sein Leben wird damit nicht leichter. Werner van Bebber

John Hart: Der dunkle Fluss. Roman. Deutsch von Rainer Schmidt. C. Bertelsmann, München 2009. 381 Seiten, 19,95 €.

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