Tagebücher : Immer noch verwundet: Walser im Berliner Ensemble

Das Kreiseln um Martin Walsers Verhältnis zu Reich-Ranicki ermüdet etwas – würde Walser nicht immer wieder seine Liebe zur Sprache, zum Geschriebenen erklären.

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Martin Walser -Foto : dpa

Es ist der schönste Moment an diesem Abend im Berliner Ensemble, als Martin Walser erzählt, wie sein chinesischer Übersetzer seinerzeit den Skandal um den Roman „Tod eines Kritikers“ beurteilte. Huang Liaoyu habe überhaupt nicht verstehen können, warum er des Antisemitismus bezichtigt werde, so Walser. Für ihn sei der Roman eine Liebeserklärung gewesen: Wer sich über ein Jahr lang so intensiv mit einer literarischen Figur beschäftigt, muss diese einfach lieben, so die nicht ganz von der Hand zu weisende Argumentation des Übersetzers, die dieser auch in einem Sammelband über Walsers Roman kundgetan hat.

„Ich kann nur aus Liebe schreiben“, sagt Walser, weshalb man eigentlich nur schlussfolgern kann: Walser liebt Reich-Ranicki. (Patricia Riekel, übernehmen Sie!) Dem ist natürlich nicht so. Dafür sind die Wunden noch immer nicht verheilt, die Reich-Ranicki dem Schriftsteller 1976 mit seiner vernichtenden Kritik des Romans „Jenseits der Liebe“ beibrachte.

Um diesen Verriss, um diese Wunden geht es hauptsächlich, als Walser erstmals aus den Tagebüchern 1974 bis 1978 liest (siehe Seite 27) und darüber mit seinem Biografen Jörg Magenau spricht. „Ich bin da immer noch schutzlos“, sagt er. Oder: „Tagebuch schreibt man, weil man überleben will.“ Walser liest größtenteils Einträge, die sich um den Verriss von „Jenseits der Liebe“ drehen, weist aber den Vorwurf zurück, sich obsessiv damit zu beschäftigen. Genau so weist er zurück, „Tod eines Kritikers“ sei eine späte Reaktion darauf gewesen: „Das war eine Reaktion auf die Machtausübung des Literarischen Quartetts im Fernsehen. Dort wurden Bücher regelrecht hingerichtet.“

Das Kreiseln um sein Verhältnis zu Reich-Ranicki ermüdet im Verlauf des Abends etwas – würde Walser nicht immer wieder seine Liebe zur Sprache, zum Geschriebenen erklären. „Das ist Text, Text, Text“, ereifert er sich, als die Rede auf die Reich-Ranicki angedrohte Ohrfeige kommt. Oder er verrät, warum er Tagebuch schreibt: „Man kann nicht immer Romane schreiben, man muss aber andauernd schreiben. In einen Roman kann ich nicht Sätze schreiben wie ,Erzählen, singen mit geschlossenem Mund‘. Oder ,Ich bin öfter gestürzt als aufgestanden‘.“

Am Ende beteuert Walser, dass er mit der Reich-Ranicki-Sache in Zukunft nichts mehr zu tun haben werde. Auch in den nächsten Tagebüchern sei davon nicht mehr die Rede. Angesichts der Turbulenzen, die da noch in Walsers Leben kommen (Paulskirchenrede, „Tod eines Kritikers“, Weggang von Suhrkamp), ist das allerdings schwer vorstellbar. gbar

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