Türkei : Kulturelle Revolution von oben

Perry Anderson über Atatürk und die Debatte um den EU-Beitritt der Türkei. Die heutigen Demokratieschwächen führt der Brite auf den "extravaganten Mythos" einer türkischen Nation zurück, den Atatürk im Vielvölkerstaat als Ersatz für die Religion schaffen ließ.

Ferda Ataman
Atatuerk Foto: dpa
Kemal Atatürk (1881-1938). -Foto: dpa

Während Vertreter der Europäische Union seit 2005 über eine Ausdehnung der Gemeinschaft bis zum Ararat verhandeln, sind sich europäische Politiker und Wissenschaftler gleichzeitig noch immer uneinig, ob die Türkei ein vollwertiges Mitglied der Union werden soll oder nicht. Die zentralen Argumente der bisherigen Diskussion drehen sich um wirtschaftliche, geopolitische und kulturelle Konsequenzen. Der britische Historiker Perry Anderson ist jedoch überzeugt, dass diese Frage nur historisch beantwortet werden kann: Der Schlüssel zur EU-Tauglichkeit der Türkei liege in ihre Geschichte; die Herausforderung für die Türkei läge im Erbe von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk.

Andersons Buch „Nach Atatürk. Die Türken, ihr Staat und Europa“ beginnt daher mit dem Ende des Osmanischen Reichs: Mustafa Kemal (später Atatürk) machte sich in der türkischen Nation bereits einen Namen als Held in den so genannten Befreiungskriegen. So wurde im März 1921 ein Exiltürke namens Talat vor seiner Haustür in der Berliner Uhlandstraße von einem Armenier erschossen. Als jungtürkischer Politiker war er für den Massenmord an bis zu 1,5 Millionen Armeniern mitverantwortlich und international verurteilt. Dennoch erklärte Atatürk ihn und seine Entourage kurz darauf zu „nationalen Märtyrern“, denn der türkische Staatsgründer war auf die Funktionäre angewiesen, die Teil dieses düsteren Kapitels waren. Solche Ereignisse aus den Anfängen der türkischen Republik wirken bis heute fort, meint Anderson. Noch immer ist es daher etwa verboten, die ethnische Säuberung von 1915 als einen Völkermord zu bezeichnen.

Das Buch des 71-jährigen Historikers zur Dardanellenrepublik besteht aus drei Essays. Unter dem Titel „Der Kemalismus“, „Nach Kemal“ und „Die Teilung Zyperns“ erschienen sie im Laufe des Jahres 2008 in der Zeitschrift „London Review of Books“. Der Berliner Berenberg Verlag hat die zugespitzten Aufsätze nun in einem Buch herausgebracht. Anderson, der als Professor an der University of California lehrt, geht dabei sowohl auf die europäische, als auch auf die US-amerikanische Perspektive zur Türkei ein. Ihm ist ein ungeschminkter Beitrag zur EU-Beitrittsdebatte gelungen, die sonst jeglicher Dialektik entbehrt. Anderson zeichnet Atatürk als klugen, aber radikalen Modernisierer. Im großen Wirrwarr zwischen Kriegen und ethnischen Säuberungen sei ihm „etwas historisch höchst Seltenes gelungen: Eine kulturelle Revolution von oben, ohne eine soziale“. Der Historiker beschreibt, wie Atatürk seine Gegner rigoros beiseite schaffte, die arabische Schrift durch römische Buchstaben ersetzte und das Ende des Kalifats erklärte.

Die heutigen Demokratieschwächen führt der Brite auf den „extravaganten Mythos“ einer türkischen Nation zurück, den Atatürk im Vielvölkerstaat als Ersatz für die Religion schaffen ließ. Zum besseren Verständnis scheut Anderson in seinem Buch keine Vergleiche mit Nazi-Deutschland, die streitbar, aber durchaus interessant sind.

Ferner konstatiert er eine „tiefe Unaufrichtigkeit im kemalistischen Säkularismus, den die ländliche Mehrheit nie akzeptiert hat. Erst später, als in den fünfziger Jahren erstmals freie Wahlen zugelassen wurden, mussten die Machthaber lernen, mit dem muslimischen Wählerpotenzial auszukommen. Das funktioniert bis heute nicht richtig: Das Militär putschte in der Nach-Kemal-Ära drei Mal, um islamische Parteien abzusetzen und die kemalistischen Leitlinien zu bewahren. Die Folge waren unheilvolle Wechselspiele zwischen militärischer Intervention, Parteiverboten für islamische Organisationen und ihre Neugründungen. Die Wahlerfolge der heute regierenden islamischen AKP seien in diesem Licht zu betrachten: als jüngste, spontan entstandene islamische Volkspartei.

Drei wesentliche Hürden sieht der Autor in Bezug auf den EU-Beitritt der Türkei: Erstes und größtes Hindernis ist demnach die fortdauernde türkische Besetzung des Nordens der Insel Zypern seit 1974. Die paradoxe Situation, dass ein EU-Land militärisch besetzt ist und vom Anwärter politisch nicht anerkannt wird, könne nicht hingenommen werden. Zweitens: Die systematische Diskriminierung von Minderheiten wie Kurden, Alewiten oder Christen, müsse in der Türkei de facto beendet werden. Und schließlich nennt Anderson den Genozid an den Armeniern, „nach dessen Haupttätern im ganzen Land Schulen und Straßen benannt sind“.

Anderson wirft der EU vor, aus strategischen Überlegungen bei diesen Hürden nachlässig zu verhandeln. Dabei ist auch der kritische Essayist für einen Beitritt der Türkei. Doch nur unter der Voraussetzung, dass die Türkei Zypern evakuiert, Minderheiten wie Kurden mehr Rechte verschafft und den Völkermord an den Armeniern anerkennt. Der Historiker ist überzeugt davon, dass der Beitritt eines muslimischen Landes der EU gut täte: Sie müsste dann vom hohen Ross der „selbstgefälligen oder arroganten Kirchturmpolitik absteigen, die sich derzeit in Europa etabliere“.

Perry Anderson: Nach Atatürk.  Die Türken, ihr Staat und Europa.  Berenberg Verlag, Berlin 2009. 183 Seiten, 19 Euro.

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