Literatur : Unser falscher Krieg

Nahost-Guru Olivier Roy hält den Kampf gegen den Terror für kontraproduktiv – er schadet dem Westen

Christian Hacke

Der Titel des Buches ist Programm: Bald sieben Jahre nach dem 11. September 2001 kommt der renommierte Nahost-Experte Olivier Roy zu dem niederschmetternden Ergebnis, dass der islamistische Terrorismus zur weltweiten Bedrohung angewachsen und der Krieg gegen den Terror nicht zu gewinnen ist. Nun überrascht dieser Befund heute niemanden mehr, aber welche Konsequenzen ergeben sich hieraus? Die Taliban und Al Qaida haben ihren Wirkungsraum ausgeweitet, die Lage in der muslimischen Welt hat sich verschlechtert, vor allem der Irak-Krieg erweist sich als ein katastrophaler Fehlschlag.

Doch auch das regionale und globale Umfeld sieht der französische Politikwissenschaftler Olivier Roy in Gefahr: Das iranische Mullah-Regime hat sich konsolidiert, verfolgt ein dubioses Atomprogramm und droht die Balance zwischen Schiiten und Sunniten zugunsten der Ersteren in der arabischen Welt zu kippen. In Afghanistan wird die Lage für den Westen immer unhaltbarer, Pakistan erscheint zerrissener denn je und darüber hinaus sind Russland, China und andere undemokratische Kräfte auf dem weltpolitischen Vormarsch, während der Westen, insbesondere die USA, geschwächt und zerstritten erscheinen. Was bleibt also zu tun?

Auch wenn Roy keine hoffnungsvollen Antworten parat hat, er rüttelt auf: Weg vom Krieg gegen den Terror und hin zu einer Konzentration auf die innenpolitischen Konflikte im Nahen Osten, die einer eigenen Logik folgen, ist sein Ratschlag an die Verantwortlichen. Vehement verwahrt sich Roy gegen die Vorstellung eines militanten Islam, der von Pakistan über die Pariser Vorstädte bis zu Bin Laden und Afghanistan die Fäden zieht, vielmehr geraten arabische Regime als Verbündete des Westens unter islamistischen Druck und kämpfen Schiiten gegen Sunniten zunehmend gegeneinander.

In Roys Logik ist also der Krieg des Westens falsch, weil er antiwestliche Kräfte zusammenschweißt, die eigentlich nicht zusammenpassen. Roy konzediert allerdings, dass Islamisten zur Bedrohung werden, wenn sie sich mit Nationalismus (wie im Falle der Hamas oder des Iran), ethnischen oder Stammesinteressen verbinden wie im Fall der afghanischen Taliban. Also Abkehr von demagogischen Simplifizierungen und differenzierte, ja auch selbstkritische Analyse ist nach Roy gefordert: Die Amerikaner unterstützen im Irak ein Regime, das dem ärgsten Feind der USA, dem Iran, näherrückt; Al Qaida zieht sich in ein mit dem Westen verbündetes Land, Pakistan, zurück, im Libanon bedroht die schiitische Hisbollah Seite an Seite mit den christlichen Milizen die sunnitischen Muslime und in Saudi Arabien, dem engsten Verbündeten der USA, gedeihen die schlimmsten anti-westlichen islamistischen Parolen.

Weil aber vor allem die USA hinter allem und jedem Al Qaida vermuten, erliegen sie einer Selffulfilling Prophecy: Al Qaida könnte noch mehr Unheil anrichten, wie etwa im israelisch-palästinensischen Konflikt, wo sie bisher weitgehend passiv geblieben ist, aber dies könnte sich ändern.

Auch hier verweist Roy auf die innerislamische Komponente: Angesichts der sich abzeichnenden Eskalation zwischen Schiiten und Sunniten wird sich Al Qaida eines Tages entscheiden müssen: Entweder geht Al Qaida ein Bündnis mit dem schiitischen Iran ein im Kampf gegen die USA oder schließt sich einer sunnitischen Achse an, die vor allem antischiitisch und antizionistisch agieren wird.

Angesichts Roys sachlicher Argumentation schmilzt die hochtrabende Rhetorik des Krieges gegen den Terror und die der Achse des Bösen dahin. Doch sind mittlerweile zwischen 2001 und 2008 kostbare Jahre verloren gegangen. Kann der Westen diese wiedergutmachen? Roy bleibt skeptisch, deshalb ist sein Buch ein aufrüttelndes Signal, diesen falschen Krieg möglichst schnell zu beenden und stattdessen mit dem Islam und auch extremen Vertretern auf Dialog zu setzen. Das hört sich gut an.

Doch sieben Jahre nach Beginn des falschen Krieges gibt es leider keine klaren Alternativen mehr zwischen richtig oder falsch, sondern nur noch das Dilemma zwischen schlimm und noch schlimmer. Heute sind die Konsequenzen des amerikanischen Abzugs aus dem Irak problematischer als die der fortgesetzten Präsenz der USA. So weit hat die Regierung Bush die falsche Logik des falschen Krieges betrieben, deshalb bleibt auch nach Lektüre dieses klugen Buches die bittere Erkenntnis, dass es gegenwärtig keinen Ausweg aus dem Dilemma gibt.







Olivier Roy:

Der falsche Krieg.

Islamisten, Terroristen

und die Irrtümer des

Westens. Siedler Verlag, München 2007,

191 Seiten, 19,95 Euro.

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